LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Warum der Dreh eines Films in virtueller Realität noch echte Pionierarbeit ist

Es geht avantgardistisch zu. Ein Hauch von Aufbruch und von technischen Unwägbarkeiten, die es zu überwinden gilt, wenn nicht gar mehr als das. Regisseur Olivier Pesch hat in dem „Virtual Reality“-Film „Finding Jakob“ insgesamt drei Handlungsstränge, sieben Enden und einen 360-Grad-Blick zu bieten. Möglich werden die Handlungszweige durch die Software „Virtelio“ von Realab. Je nachdem, für welchen Handlungsstrang sich die Zuschauer entscheiden, dauern die Versionen zwischen neun und zwölf Minuten. „Teurer, herausfordernder und aufwändiger“, bilanziert Pesch das Projekt. Und ein bisschen eingeschränkter in der Handlungsführung - und dass obwohl Filme in „Virtual Reality“ doch mehr Möglichkeiten versprechen.

Das gilt allerdings für den Zuschauer, für das kreative Team geht es am Set eingeschränkter zu als beim Dreh eines traditionellen Films. „Man kann nicht wie gewohnt mit der Crew hinter der Kamera drehen, weil das alles im Bild wäre“, erklärt der Regisseur und Drehbuchautor. Lösung: Das Team versteckt sich, zur Not liegen Regisseur und Tontechniker im Kofferraum eines Autos, auch, wenn sie dort gar nicht sehen, was die Schauspieler machen. Da hilft nur eins: Vor dem Dreh viel mehr proben, ähnlich wie beim Theater.

Langsame Montage, viele Enden

Um die für VR benötigte 360-Grad-Ansicht zu filmen, hat das Team sein eigenes Kamerasystem gebaut: Insgesamt elf kleine Go-Pro-Kameras wurden am Kopf des Hauptdarstellers befestigt. Allerdings schaffen elf Kameras schwere Bilder, die in der Postproduktion durch Rendering viel aufwendiger bearbeitet werden müssen. Beim Rendering werden am Rechner Detailberechnungen vorgenommen, die Schattenbildung, Farbverläufe, Materialtransparenz, Licht, Hintergrund, Bewegungsablauf und Schärfe abrunden. „Wir waren überrascht, wie viel länger die Postproduktion dauert.“ Und das bedeutet auch mehr Kosten.

Pesch hatte bisher keine Erfahrung mit VR-Filmen. 2006 drehte er den Animationskurzfilm „Le gardien du nid“, 2011 filmte er einen Werbespot in Stop-Motion-Technik, 2012 folgte der Kurzfilm „Emilie“. „Finding Jakob“, von Bernard Michaux von Samsa Film produziert, ist der erste luxemburgische Film in VR. Er wurde vom Film Fund Luxembourg mit rund 200.000 Euro finanziert. Die aufwändige Postproduktion und auch die Koproduktion hat wiederum CGLux Production übernommen.

Auch wenn der Zuschauer selbst wählt, welcher Figur und damit welchem Erzählstrang er folgt, sieht Pesch die Arbeit nicht weniger wichtig als bei einem traditionellem Film. „Es ist eine wahre Kopfnuss, man versucht von einem einfacheren Szenario auszugehen und verringert die Action, damit der Zuschauer nicht den roten Faden verliert.“ Schnelle Schnitte oder schnelle Travellings darf der Filmfan hier also nicht erwarten: Durch die langen Einstellungen und den 360-Grad-Blick gibt es weniger Möglichkeiten, um den Film zu dynamisieren, die Montage verläuft langsamer, auch, weil der Zuschauer Zeit benötigt, um sich in neuen Handlungssträngen zurecht zu finden. „Es darf nicht zu viel Bewegung geben, da das beim Zuschauer Reisekrankheit hervorruft“, erklärt Pesch und bilanziert, „VR schränkt die Art des Erzählens ein.“ Dafür kann der Zuschauer ein und denselben Film mehrfach schauen - und ihn wahrlich jedes Mal neu erleben.

„Der ganze Film war eine Suche nach der richtigen Möglichkeit“, sagt Pesch über „Finding Jakob“. Pionierarbeit eben. „Das war wie vor 120 Jahren, das erste Travelling machte die Zuschauer vielleicht auch schwindlig, vielleicht müssen diese Sehgewohnheiten auch erst entstehen.“ Pesch selbst ist zufrieden, dass er diese, wenn auch nicht einfache, Erfahrung gemacht hat: „Das Projekt hat mich viel über Drehbuchschreiben gelehrt, denn ich musste bei den verschiedenen Handlungszweigen ganz klar sein und trotz der vielen Handlungsvarianten die Figuren glaubwürdig halten.“

Als nächste Projekte hat der VR-Filmpionier und Preisträger des „Luxembourg Young talent award“ beim „Lëtzebuerger Filmpraïs 2007“ aber erst einmal wieder Animations- und Stopp-Motion-Projekte im Sinn. Die Weiterentwicklung der „Virtual Reality“-Filmtechnik will er aber im Blick behalten.

Der Film ist im „Virtual Reality Pavilion“ des „Luxembourg City Film Festival“ im Casino zu sehen. Weitere Infos unter www.luxfilmfest.lu und pecspeck.blogspot.lu