LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Jeder weiß, dass wir nicht so weitermachen können mit dem Konsum – wie es anders geht, zeigen Beispiele aus Luxemburg

Seit Luxemburg die Rifkin-Studie und die dritte industrielle Revolution diskutiert, geht es auch um „Circular Economy“. Denn alle wissen, dass der Planet Erde nicht für unsere Art von Konsum ausreicht. Deshalb soll die Wirtschaft weg vom linearen Weg (kaufen – nutzen – wegwerfen) hin zu einem runden, nämlich produzieren – nutzen – wiederverwerten/ demontieren oder kompostieren, je nachdem, ob es um technische oder biologische Materialien geht. „Das ist ein absolut wichtiges Thema“, bestätigt Marc Wagener, Chefvolkswirt der Handelskammer Luxemburg. „Es taucht in allen Publikationen der OECD und bei anderen Wirtschaftsinstitutionen immer wieder auf. Unser Modell basiert bislang auf einem steigenden Bruttosozialprodukt – aber das bedeutet mehr Produktion.“ Und somit mehr Verbrauch von immer selteneren, teuren Rohstoffen.

Wie aber soll eine nachhaltige Wirtschaft im Sinne der „Circular Economy“ praktisch aussehen? Dazu gibt es in Luxemburg Beispiele, von denen einige gestern während der Veranstaltung „Le train de l´économie circulaire est en marche“ im Rahmen der Reihe „Bulletin & Tendances“ vorgestellt wurden (siehe rechts). Zwei Jahre nach der „Hot Spot“-Konferenz, bei der Luxemburg über 200 internationale Experten eingeladen hat, zeigen sich Schwierigkeiten und Chancen. Verbraucher tun sich schwer mit nachhaltigen Produkten und kaufen gern weiter bei Billigheimern, Produzenten wollen oft nicht wechseln, weil der Druck vom Markt fehlt. Von den rund 36.000 kleinen und mittleren Unternehmen im Land fühlen sich viele nicht betroffen. Manche Jugendliche sind weitaus informierter als Erwachsene, die mit dem Begriff nichts anfangen können.

Doch es gibt auch positive Nachrichten. Luxemburg hat durchaus vorweisbare Initiativen. Da ist Tarkett, das Unternehmen, das den ersten Fußbodenbelag aus 80 Prozent recyceltem Material herstellt, Contern S.A., das Isolationssteine mit Hanf und wiederverwertbare Lösungen entworfen hat oder Peintures Robin mit eine Wandfarbe auf Pflanzenbasis, die Cradle-to-Cradle zertifiziert ist, sowie einer, die auf Leinöl basiert. Im Bereich der Produktion sind sie oft noch lokal und haben wenig Breitenwirkung, machen aber Hoffnung auf mehr.

Fotos: Editpress/Julien Garroy - Lëtzebuerger Journal
Fotos: Editpress/Julien Garroy

Rohstoffverbrauch steigt

Ganz anders sieht es dagegen im Finanzbereich aus, in dem die Luxemburger Börse wie auch die Fondsindustrie Vorreiter sind und das durchaus international zur Kenntnis genommen und geschätzt wird. „Politisch hat Luxemburg durch die Rifkin-Studie, den Klimaplan und die Verpflichtung und Zusammenarbeit gleich mehrerer Ministerien schon etwas bewegt“, unterstreicht Wagener. Doch bei einem Land, das weniger Einwohner hat als viele Hauptstädte, fällt das im globalen Vergleich nicht sehr ins Gewicht.

Denn international leben viele noch in den Zeiten des 19. Jahrhunderts, als Wegwerfartikel Zeichen des Reichtums waren und das geplante Nutzungsende zum Produkt gehörte wie sein Name. „Jetzt kommen wir an Grenzen, denn der Rohstoffverbrauch steigt“, fasst Hoai Thu Nguyen Doan die globale Situation zusammen. Die Volkswirtin der Handelskammer hat auf knapp 60 Seiten zusammengefasst, wie es um die Circular Economy steht. Angesichts eines Rohstoffverbrauchs, der 2010 bei 65 Milliarden Tonnen lag und 2020 bei 82 Milliarden Tonnen sein soll, sei es kein Wunder, dass die Preise stiegen. „Wir brauchen acht Planeten, wenn wir so weitermachen!“, warnt sie. Nur in Kriegszeiten sei bislang auf Wiederverwendung geachtet worden. „Immerhin, jetzt gibt es einen Mentalitätswandel, wir haben die Ecobox gegen Lebensmittelverschwendung“, meint die Volkswirtin.

Für sie ist „Circular Economy“ kein Spaß für grüne Spinner. „Circular Economy bedeutet nicht, Bäume zu umarmen.“ Sie bringt Zahlen: Bis 2030 sollen mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze in diesem Bereich entstehen, rund 600 Milliarden Euro an Rohstoffen gespart und das Bruttoinlandsprodukt um sieben Punkte gesteigert werden. Die Zahlen stammen vom „Club of Rome“, der schon 1972 auf die Ressourcenverschwendung hingewiesen hat, sowie von der Ellen McArthur-Stiftung, die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Kein Wunder, dass auch die Europäische Union einen Plan für mehr Nachhaltigkeit im Sinne einer Circular Economy aufgelegt hat.

In Luxemburg bleibt das Thema aktuell, sei es in den Ministerien, im Wohnungsbau, in den Gemeinden, in der Weiterbildung oder in den Unternehmen. Allerdings ist es zäh und bedarf noch vieler Anstrengungen auf allen Ebenen, wie die gestrige Veranstaltung gezeigt hat.

Lëtzebuerger Journal

„Zombie“ erweckt Farbe zu neuem Leben

Das Projekt „Zombie“ zwischen der SuperDrecksKëscht und Peintures Robin bezeichnet keine Untoten, die durch die Gegend geistern und Unheil anrichten. Im Gegenteil, es geht um etwas höchst Positives: Die Wiederverwertung alter Farbreste. „Rund 1.000 Tonnen – das sind eine Million Kilogramm – Farbreste werden pro Jahr in Luxemburg bei der SuperDrecksKëscht verbrannt. Jetzt läuft ein Projekt, bei dem der Müll zu Rohstoff wird“, verrät Gérard Zoller. Der Generaldirektor von Peintures Robin ist schon lange für sein Engagement in Sachen Umwelt bekannt. Bereits im Jahr 2000 stellte er von lösungsmittelbasierten Farben auf wasserbasierte Farben um. Später folgte die Wandfarbe „Verdello“ (1) auf Pflanzenbasis, die Cradle-to-Cradle zertifiziert ist, sowie eine, die auf Leinöl basiert. „Zombie“ befindet sich gerade in der Pilotphase. Vorbild war die „Boomerang“-Farbe des kanadischen Herstellers Laurentide aus Quebec, der jährlich fünf Millionen Liter Altfarben recycelt. Die Farbe ist preiswerter und wesentlich umweltfreundlicher. Auch die Verpackung besteht aus recyceltem Material. „Wir reden hier nicht nur über Ideologie. Denn es geht auch um das Überlegen kleiner Unternehmen wie dem unseren, die große Investitionen tätigen. Deshalb sollten Auflagen zur Verwendung nachhaltiger Farben in die Ausschreibungen aufgenommen werden“, findet Zoller. „Schließlich beeinflusst das auch die Luftqualität und Gesundheit.“ Denn die Entwicklung des Markts, weiß der erfahrene Firmenchef, ist keine einfache Sache.

Lëtzebuerger Journal

Ermäßigte Mehrwertsteuer und kollektive grüne Hotelrenovierung

Im Koalitionsvertrag der Regierung sind 27 Punkte festgehalten, in denen es um „Circular Economy“ geht, wie Christian Tock, Direktor der Nachhaltigen Technologien im Wirtschaftsministerium weiß. „Einige davon sind sehr konkret wie beispielsweise ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von drei Prozent auf Reparaturen.“ Damit sollen Konsumenten dazu angehalten werden, eine Ware nicht sofort wegzuwerfen und etwas neu zu kaufen, sondern es zunächst mit einer Reparatur zu versuchen. Das Ziel: Die Konsumgewohnheiten zu ändern. Einfach sei das nicht, sagt Tock. „Denn wir wechseln den Motor während der Fahrt.“ So sind beispielsweise geltende Normen für eine lineare Wirtschaft ausgelegt. Er setzt auf Pilotprojekte.

Aktuell prüft das Wirtschaftsministerium, ob es für kleine Hotels die Renovierung als Service im Sinne von „Circular Economy“ organisieren kann. Der Vorteil: Statt eines großen Kredits wäre eine kleine monatliche Summe fällig – und um die Ausschreibung und Durchführung würde sich jemand anders kümmern. „Es sollte für alle günstiger sein als vorher“, erklärt Tock. Und grüner sowieso.

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Charta für den Hotspot Wiltz

Als Staatssekretärin Francine Closener aus dem Wirtschaftsministerium am 13. Oktober 2015 gemeinsam mit Camille Gira, dem damaligen Staatssekretär aus dem Nachhaltigkeitsministerium, von Wiltz als einem „Hotspot der Circular Economy“ sprach, wusste noch kaum einer, was sie wirklich meinte. Mittlerweile hat sich die Stadt im Norden einen Namen geschaffen. „Wir hatten Aufholbedarf im Vergleich zum Süden“, begründet Schöffe Pierre Koppes die fraktionsübergreifende Entscheidung für „Circular Economy“. Die schlug sich nieder im Projekt „Wunne mat der Wooltz“ (3) für 1.800 neue Bürger, für die der „Fonds de Logement“ nach den neuen Prinzipien baut. In der Industriezone Salzbach mit rund 700 Mitarbeitern zahlreicher Unternehmen resultierte die Anwendung von „Circular Economy“ in mehr Zusammenarbeit der Unternehmen. So erreichten sie nicht nur günstigere Bedingungen beim Einkauf von Energie oder Schneeräumdiensten, sondern auch eine gemeinsame Bushaltestelle oder einen Gemeinschafts-Briefkasten, der Leerfahrten spart. Daneben gibt es rund 20 weitere Projekte, vom Upcycling-Atelier, über das Projekt „Klimbim”, das alte Möbel verschönert und verkauft, bis hin zum Repair Café. „Das soll über ein Mandat hinausgehen. Deshalb hat die Gemeinde eine Charta mit den verschiedenen Bereichen definiert“, erklärt Koppes. Zurzeit arbeitet die Gemeinde an Bau-Auflagen, die auch bei Ausschreibungen berücksichtigt werden sollen. „Gerade haben wir eine Studie zum Materialfluss abgeschlossen“, verrät der Schöffe. Ein Materialpark soll in der Industriezone für mehr Platz sorgen. Und in einem Jahr sollen Zahlen für ein Einfamilienhaus aus Holz vorliegen.

Lëtzebuerger Journal

ArcelorMittal mit Lösungen für den Bau und Belval

Vor einem Jahr hat ArcelorMittal „Steligence“ (2) vorgestellt, ein neues Konzept für den Einsatz von Stahl im Bauwesen. Es soll sowohl erlauben, höher zu bauen, als auch einfacher zu demontieren und somit wiederzuverwerten. Neue Konstruktionsansätze und fachübergreifende Planung sollen das ermöglichen. Darüber hinaus nutzt der Stahlhersteller zusammen mit dem Unternehmen DKEL und dem Energieversorger Sudcal die Abwärme seines Walzwerks seit Mitte 2018, um rund 4.000 Wohneinheiten in Belval zu heizen. „Diese Wärme wurde zuvor gar nicht genutzt“, unterstreicht Forschungsingenieurin Marion Charlier.

Internationale Tendenzen

Hier gibt es Informationen zu Circular Economy auf internationalem Niveau: circulatenews.org