CLAUDE KARGER

„Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“ Knapp ein Jahr nach diesen Worten des damaligen französischen Außenministers Robert Schuman am 9. Mai 1950 wurde dieser Solidaritätsgedanke in die Tat umgesetzt: am 18. April 1951 unterzeichneten sechs Länder - darunter Luxemburg, übrigens Schumans Geburtsland - den Gründungsvertrag der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“.

Durch diese Vergemeinschaftung sollte jeder Krieg zwischen den beiden ehemaligen Erzfeinden Deutschland und Frankreich „nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“ sein, wie Schuman fünf Jahre nach Ende des fürchterlichsten Gemetzels, das Europa je erlebte, unterstrich.

Das Projekt für Frieden und Wohlstand wuchs. Ein paar Meilensteine: Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (1957), Europäische Wirtschafts- und Währungsunion (1972) und gleich darauf die erste Erweiterung, Verabschiedung des Schengen-Abkommens (1985) - „die Binnengrenzen dürfen an jeder Stelle ohne Personenkontrollen überschritten werden“ steht in dem Vertragswerk zwischen Frankreich, Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg -, Euro-Einführung (2002), große EU-Erweiterung nach Osten (2004)... Alles andere als ein gradliniger Prozess natürlich, Krisen gab es viele, Rückschläge satt - wie zuletzt der erste Austritt eines Landes aus der EU in der Geschichte -, aber stets gelang es, der europäischen Integration einen weiteren Schub zu geben. 70 Jahre nach der Schuman-Rede war eigentlich ein neuer , bitter notwendiger Elan geplant: während Staatenlenker wie Frankreichs Präsident Macron, ihre Vision für die künftige EU vorgelegt haben, sollte die „Konferenz zur Zukunft Europas“ ab diesem 9. Mai zwei Jahre lang - vor allem im Dialog mit den Bürgern - die Puzzlestücke für die nächste Etappe sammeln.

Aber dann kam Covid-19. Und mit dem Virus eine Epidemie des Krisennationalismus. Die längst verschwunden geglaubten Schlagbäume an den Grenzen wurden schnell wieder abgesenkt, es gab ein Hauen und Stechen um medizinisches Material, während das Feilschen um - äußerst dringliche - Hilfspakete noch an Härte zulegte. Vor allem die Schließung der deutschen Grenzen zu Luxemburg - gegen die Politiker und Bürger von hüben und drüben von Anbeginn an vehement demonstrieren; manche Kommunen längs der Mosel hängten die Europaflagge sogar auf halbmast -, aber auch die Schikanen und Checks an den französischen und belgischen Grenzen hat das Gefühl eines gewaltigen Rückschritts gesät. Die Entscheidungen in den Landeskapitalen der Nachbarländer, mit denen das Großherzogtum offensichtlich zäh verhandeln musste, um Lösungen für die vitalen Grenzgängerflüsse zu finden, schmerzen besonders die Bürger im Ländchen, von denen die meisten starke Verbindungen in andere EU-Staaten haben... Es gibt viele Lehren aus dieser Krise zu ziehen, damit Kleinstaaterei-Reflexe künftig Außen vor bleiben. Mehr Vertrauen und mehr Solidarität bleiben auch nach 70 Jahren die Hauptzutaten für eine bessere EU. Jetzt und genau jetzt, da das Covid-19-Desaster längst noch nicht vorbei ist, gilt es, das mehr denn je zu beweisen. Die Bürger warten auf einen großen Ruck. Die Politik sollte die Chance nutzen.