LUXEMBURG
LUC SPADA

S. hat sich oft gefragt, wie es wohl sein wird, wenn die Frau, die sie zum Teil mitgroßgezogen hat, stirbt. Wie es wohl sein wird, sie in ihren letzten Stunden zu erleben. Das hier sind angeblich ihre letzten Stunden. Das ist auch der Grund, warum das Ding, in dem sie liegt, Sterbebett genannt wird.

Menschen sind so unfassbar praktisch. Ein Bett, in dem man schläft, fickt oder isst, ist ein Schlafbett, ein Fickbett oder ein Essbett. Oder vielleicht doch einfach nur: Bett.

Kinder schlafen im Kinderbett. Sterbende im Sterbebett. Und Tote werden im Sarg untergebracht oder gleich durchs Feuer gejagt. So haben die Würmer keine Chance. Für Menschen, die auch tot immer noch eitel sind.

S.’s Oma war Zeit ihres Lebens eitel. Aber im Sterbebett spielt Eitelkeit keine Rolle mehr. Im Sterbebett wird gestorben. Ist die Patientin dann gestorben, wird das besagte Bett geputzt, möglicherweise sogar desinfiziert und für den nächsten Sterbenden aufbereitet. Und so weiter und so fort.

„Oh happy day“, hört S. Whoopy Goldberg in ihren Kopf, in Form eines Ohrwurms, krabbeln. „When Jesus washed“. Der Ohrwurm lässt sich nieder, währenddessen die Pflegerinnen die Kacke unter S. wegwischen. „Oh, when he washed“. Jetzt weiß S., wie es ist. Wenn Oma geht. Die Vorstellung wird real, aber so hatte sie es sich nicht vorgestellt. Sie hat sich eigentlich nie was vorgestellt. Aber ihre Frage, wie es wohl sein wird, wird erbarmungslos beantwortet. Von der Realität.

Die Realität. Der Istzustand des Moments. Alle sind sie da, ums Sterbebett versammelt. „Machen drei Menschen schon eine Versammlung aus? Wie würde ein Diktator darüber denken?“, fragt sich S..

Das Zimmer ist hübsch eingerichtet, zu Ehren der Sterbenden. Weiße Wände. Ein Kreuz. Gelbliche Vorhänge. Ein paar Blumen von der Tankstelle. Die Merci-Schokoladen-Packung. Merci für was? Ungelöste Rätselhefte. Ungelesene FRAUENzeitschriften. Sich selbst auflösende Kekse. Es kann heute passieren. Schon bald. Vielleicht gleich. Mit Glück oder Pech erst morgen. Übermorgen ist sie auf jeden Fall tot. So sagen die Ärzte. Endlichkeit, die letzte Hürde.

Oma schreit nicht mehr. Ab und zu gibt sie laute Geräusche von sich. Dann ist sie wieder ganz still. Sie hat Angst. Vielleicht vor dem Tod. Sie ist ganz ruhig. Vielleicht von den Medikamenten. Ruhig gestellt. Richtig sprechen tut sie nicht mehr. Als sie noch sprechen konnte aber bereits ein Pflegefall war, war sie immer wütend. Sie gab ihrem Sohn die Schuld an ihrer Misere. Und auch ihrer Enkelin, S., sowie der Schwiegertochter und Omas Schwester. Die ganze Welt war schuld. Sie brach sich die Hüfte. Irgendwas mit der Leber. Und Alzheimer. Es kam alles zusammen, wie man so schön sagt. Da kommt alles raus, was nie oder immer schon raus wollte. Eine Frage der Perspektive. Aus den Augen der BetrachterInnen wird dann später gesagt werden, dass es besser so ist. Dass sie jetzt ihren Frieden hat. Dass sie woanders ist. In einer anderen Welt. Ohne Schmerzen. Ohne Angst. Vielleicht auch ganz ohne Welt.