MERSCH
SIMONE MOLITOR

Karin Kremer hat im „Mierscher Kulturhaus“ an Claude Mangen übergeben – das Kapitel „Kultur“ ist damit aber nicht abgeschlossen

Nach fast 14 Jahren als Direktorin des „Mierscher Kulturhaus“ hat Karin Kremer die Schlüssel an ihren Nachfolger Claude Mangen übergeben und sich vor wenigen Tagen in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Komplett von der Bildfläche beziehungsweise aus der Kulturlandschaft Luxemburgs wird sie jedoch nicht verschwinden. Dieses Versprechen hat sie uns schon mal gegeben. Welche Bilanz sie von ihrer Zeit in Mersch zieht, was sie dem Neuen an der Spitze mit auf den Weg gibt und was sie jetzt alles vorhat, erzählt Karin Kremer im Gespräch mit dem „Journal“.

Wie fühlt es sich an, dieses Kapitel nun zu schließen?

Karin Kremer Da ich die Entscheidung selbst getroffen habe, fühlt es sich noch immer richtig an, zumindest im Kopf. Bauch und Herz werden sicher auch noch nachziehen. Es ist der richtige Zeitpunkt. Ich bin bekannt für meinen Dickkopf, und wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich es durch. Das trifft auch auf viele Projekte zu, die ich in diesen ganzen Jahren in Angriff genommen habe. Manchmal waren sie noch nicht reif, das habe ich dann eingesehen, sie erst einmal weiter gedeihen lassen und später geerntet. Einen Apfel pflückt man ja auch nicht, wenn er noch nicht reif ist. Und ja, der Zeitpunkt zu gehen, ist jetzt ebenfalls gekommen, eben gerade dann, wenn es am schönsten ist. Schwer fällt es aber natürlich trotzdem. Es hat bis zum letzten Moment Freude gemacht.

Welches Fazit ziehen Sie von dieser Zeit?

Kremer Die Arbeit war eine Herausforderung, künstlerisch und menschlich. Ich war nie der Mittelpunkt, vielmehr habe ich mich stets als Teil eines öffentlichen Diensts gesehen, der für ein solches Haus arbeitet. Unsere Aufgabe ist es, eine Rolle des Vermittlers zu übernehmen und den Menschen schöne Momente zu bieten, Freude zu bereiten, eine Art Mini-Urlaub. Wir haben als Team vieles zusammen geschafft, worauf ich stolz bin. Manches ist auch total in die Hose gegangen, muss ich dazu sagen. Trotzdem muss man den Mut haben, es zu versuchen. Ich bin ein Mensch, der gerne Risiken eingeht, der nicht mit 180 auf den großen Straßen vorbeibrettert, ohne dass jemand sieht, dass man überhaupt da war. Ich bevorzuge die kleinen Nebenwege, und da standen wir selten im Stau. Wir sind immer weitergekommen, und wenn wir doch mal kurz drin standen, gab es Leute, die uns rausgeholfen haben.

Das „Mierscher Kulturhaus“ öffnete im Jahr 2004 seine Türen. Erinnern Sie sich an die Anfangszeit?

Kremer Es musste erst einmal ein richtiges Konzept gefunden werden, denn wie das oft bei solchen Kultureinrichtungen in Gemeinden der Fall ist, werden sie zwar geplant und gebaut, allerdings ohne klare Idee, was denn darin passieren soll. Den Gemeindeverantwortlichen möchte ich natürlich keine Vorwürfe machen, sie müssen ganz andere Dossiers verwalten. Ich hatte nun aber die einmalige Chance, das Ganze aufbauen zu können. Man muss bedenken, dass das Kulturhaus Ende der 90er Jahre geplant wurde, als wir nach 1995, wo Luxemburg zum ersten Mal europäische Kulturhauptstadt war, in diesem Bereich alle noch ein bisschen in den Startlöchern steckten. Erst danach hat sich vieles entwickelt und Kultur zunehmend an Wichtigkeit gewonnen.

Sehen Sie das Haus deshalb ein bisschen als ihr Baby?

Kremer Nicht nur ein bisschen - es ist mein Baby. Ich habe das 14-jährige Mädchen in seine pubertäre Phase gebracht. Es hat nach wie vor seine Macken und Launen, es wird sich zeitweilig auch noch gegen verschiedene Sachen auflehnen, und es wird sich ändern. Vielleicht wird ihm irgendwann ein anderer Wind entgegenschlagen, jedoch hat es seine Wurzeln, und das ist wichtig. So schnell fällt es nicht mehr um. Ich hinterlasse ein Haus, das gut funktioniert. Jetzt ist es an Claude Mangen, die junge Dame ins Erwachsenenalter zu bringen.

Gab es auch schwierige Zeiten?

Kremer Die gab es durchaus, zwischendurch wurde die Weiterentwicklung wegen verschiedener Faktoren immer wieder etwas gebremst. Das kennen aber auch andere kulturelle Einrichtungen. Obwohl dies keine einfache Zeit war, sollte nicht zu sehr zurückgeblickt werden, weil wir gerade jetzt in Luxemburg auf dem richtigen Weg sind: Kultur und Kunst konnten auf die professionelle Schiene gebracht werden. Jetzt gilt es, den Kopf auf den Schultern zu behalten, nicht mehr ständig rumzujammern, dafür aber immer wieder zu verdeutlichen, dass wir kein Nebeneffekt oder gar Nebenabfall unserer Gesellschaft sind. Im Gegenteil. Wir haben gesellschafts- und kulturpolitisch etwas zu sagen. Mein Haus war übrigens immer parteifrei. Hier ist keine Plattform für Parteien egal welcher Farbe. Selbstverständlich war das aber keineswegs.

Von Hürden haben Sie sich aber nicht einschüchtern lassen?

Kremer Nie. In dieser ganzen Zeit mussten viele Entscheidungen getroffen werden. Über manches habe ich mich hinweggesetzt, ohne Angst vor den Konsequenzen. Von seinem eigenen Handeln muss man einfach überzeugt sein, Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen. Von Rückschlägen habe ich mich auch nie entmutigen lassen. Ich bin seit 40 Jahren im Sektor, und bin zu dem geworden, was ich bin, weil ich tolle Lehrmeister und –meisterinnen hatte. Von meinen Eltern und Großeltern habe ich außerdem gelernt, dass Arbeit nichts Böses ist und nicht wehtut. Ich hatte selten Acht-Stunden-Tage, aber das war ok.

Welche Projekte waren Ihnen besonders wichtig?

Kremer Da gibt es vieles. Enorm wichtig waren mir aber die Inklusionsprojekte, zum Beispiel unser Tanzprojekt „blanContact“ mit unserem Partner „Fondation Kräizbierg“, bei dem sowohl professionelle Tänzer als auch Menschen mit körperlicher Einschränkung auf der Bühne stehen, das Ganze noch dazu mit begleitender Gebärdensprache. Nennen möchte ich auch das riesige Projekt mit Namen „The Job“, bei dem die Bedingung war, dass die Beteiligten seit mindestens einem Jahr arbeitslos waren. Ihnen haben wir dann während vier Monaten eine Halbtagsstelle gegeben, um dieses Projekt – hauptsächlich ging es um Tanz – auf die Beine zu stellen und ihnen letztlich ihre Würde zurückzugeben. Ein anderer wichtiger Moment war das Theaterstück „Mischa… der Fall“, eine Koproduktion mit dem CAPE, in dem es um die Tabuthemen Gewalt gegen Frauen, Missbrauch und allgemein Gewalt in unserer Gesellschaft ging und das noch dazu auf einer wahren Begebenheit beruhte. Es verlangte Mut und Sensibilität, dieses Thema auf die Bühne zu bringen. Wir haben regelmäßig neue Herausforderungen angenommen und immer wieder neue Kunstsparten für uns entdeckt, so etwa das Figuren- und Objekttheater. Sehr stolz bin ich beispielsweise, dass ich den großen deutschen Figurenspieler Frank Soehnle überzeugen konnte, nach Mersch zu kommen. Das war immer meine Devise: dranbleiben, bis es klappt. Auf diesen Nebenwegen haben wir schließlich unsere Nischen gefunden.

Und das Publikum hat auf diesen Nebenwegen Schritt gehalten?

Kremer Das Publikum ist immer mitgezogen, manchmal mussten wir ein bisschen diskutieren, das gehört aber dazu. Mir war immer wichtig, auf diesen Nebenwegen auch Risiken einzugehen. Manchmal war es nebelig, trotzdem haben wir einen Schritt vor den anderen gesetzt, dabei gelegentlich einen Baum gestreift, zu einem größeren Unfall kam es aber nie. Ich habe übrigens jeden Künstler oder Gast unseres Hauses stets mit dem gleichen Respekt behandelt, ob es sich nun um den großen Schauspieler aus Deutschland handelte, die Kompanie schlechthin aus Frankreich oder den kleinsten Verein aus unserer Gemeinde. Es war ihr wichtiger Moment. Gelegentlich wurde sich deshalb über mich lustig gemacht, weil ich mich sogar „in den Frack schmiss“, wenn abends die Veranstaltung eines lokalen Vereins anstand. Ich habe nie einen Unterschied gemacht und wäre deshalb nicht einfach in Jeans gekommen.

Welchen Moment würden Sie spontan als ihren schönsten bezeichnen?

Kremer Ich hatte unzählige wunderschöne Momente, besonders bei den inklusiven Projekten. Im Allgemeinen war es einfach toll, die Künstler auf ihrem Weg zu begleiten, sie zu unterstützen und zu ermutigen, wenn es nötig war. Worauf ich ebenfalls sehr stolz bin und was mir während der Abschiedsfeier vor wenigen Wochen ein paar Tränen in die Augen getrieben hat, war der Moment, als man mir sagte, ich wäre ein Stück Mersch geworden. Das zu hören, hat mich sehr gerührt. Es war aber auch ein harter Weg. So leicht machen es einem die Merscher nicht (lacht). Tiefe Freundschaften sind aber über die Jahre entstanden. Und ich hatte immer mit Chefs zu tun, die mir viel Freiraum gaben.

Hatten die Chefs denn eine Wahl? Gleich am Anfang dieses Gesprächs haben Sie immerhin Ihren Dickkopf erwähnt…

Kremer (lacht) Ich war nie bequem, und ich wollte auch nie bequem sein. Freiraum war wichtig, sonst hätte ich nicht arbeiten können. Ich war längst nicht mit allem einverstanden und habe dann auch kein Geheimnis daraus gemacht. Nein zu sagen, ist auch eine Kunst. Es hat sich aber definitiv gelohnt, gegen den Strom zu schwimmen.

Gibt es irgendetwas, das Sie noch gerne gemacht hätten?

Kremer Da gibt es viel. Es wäre unmöglich, alles aufzulisten. Ein paar dieser Ideen werde ich sicherlich noch umsetzen, ich habe nämlich nicht vor, mich komplett zurückziehen. Das könnte ich überhaupt nicht. Ein Projekt, das ich in den nächsten Jahren in die Tat umsetzen werde, ist das Erlernen der Gebärdensprache. Überhaupt werde ich mich diesbezüglich weiter engagieren. Gehörlose Menschen werden nämlich derzeit noch nicht ausreichend in unseren Kunst- und Kulturbereich eingebunden.

Und wie werden Sie ansonsten Ihre Zeit verbringen?

Kremer Mit Motorradfahren zum Beispiel. Davon abgesehen werde ich mir einfach mal wieder Zeit geben, mit meinen Enkelkindern die Welt neu entdecken, für meine kleine Familie da sein, sie bekochen, meinem Mann und meinen Freunden Zeit widmen, lesen, mich um meine Rosen und Orchideen kümmern… Auf diese Momente freue ich mich, vieles davon ist doch in den vergangenen Jahren etwas kurz gekommen. Dennoch will ich weiterhin aktiv sein und bin mir sicher, dass sich genug Möglichkeiten bieten. Eine Tür schließt sich, andere öffnen sich. Keineswegs werde ich jedenfalls jetzt nur noch zu Hause sitzen. Ich war nie ein Hausmütterchen und werde auch jetzt nicht zu einem.

Hat es Ihr Nachfolger denn nun leichter, weil der Weg geebnet ist?

Kremer Sicher. Es ist wie beim Staffellauf. Jemand muss anfangen, und wenn er ins Stolpern gerät, wird es für den nächsten etwas schwieriger. Hat er aber gute Vorarbeit geleistet und ein ordentliches Tempo vorgelegt, ist es für den nächsten etwas leichter. Irgendwann muss man den Stab aber loslassen. Claude Mangen ist ja nun auch schon seit dem 1. November im Haus, es gab also eine Übergangsphase. Natürlich nimmt es ein bisschen Zeit in Anspruch, bis man richtig in den Alltag eines solchen Hauses findet.

Was geben Sie ihm mit auf den Weg?

Kremer Viel Geduld. Claude Mangen betritt aber nun kein unbekanntes Terrain, er hat bereits mehr als ein Projekt im „Mierscher Kulturhaus“ gemacht. Er kennt die Mannschaft und die Struktur. Er weiß, wie wir ticken. Außerdem hat er viele Kontakte in der Region, hat ein großes Wissen, ist Regisseur, ein Kunst- und Kulturmensch. Dieses ganze Gepäck wird er zu nutzen wissen. Selbstverständlich ist es etwas anderes, ein Projekt in einem Haus durchzuführen, als es zu führen und eine Mannschaft zu leiten. Er soll sich Zeit nehmen, auf der anderen Seite aber auch keine Angst davor haben, zu fordern. Ich bin ganz zuversichtlich, dass ihm all das gut gelingt.

Bedeutet ein Wechsel an der Spitze zwangsläufig auch Veränderung, oder wird vorerst auf Kontinuität gesetzt?

Kremer Claude ist der richtige Mann am richtigen Platz, davon bin ich überzeugt. Er muss seine Spur finden. Die Zeit dazu soll man ihm jetzt lassen, er muss erst einmal ankommen, immerhin hatte er bis vor wenigen Tagen noch nicht einmal ein Büro. Da soll es ihm aber nicht anders gehen als mir. Ich hatte am Anfang auch kein Büro. Wir saßen nämlich mit unseren Schreibtischen in den Künstlerlogen und haben uns zu dritt einen Computer geteilt. Ein Jahr danach konnten wir dann richtige Büros im Dachgeschoss des alten Gebäudeteils beziehen, wo auch die Regionalbibliothek untergebracht ist. Es ist übrigens erstaunlich, was sich alles in 14 Jahren ansammelt. Vor allem habe ich aber schöne Erfahrungen gesammelt.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Kremer Die Abende. Ich bin ein Nachtmensch. Abends aktiv zu sein, unter Leuten zu sein, sie willkommen zu heißen, das hat mir viel bedeutet. Im Publikum Platz zu nehmen, ist etwas anderes. Ich trage sehr gerne Verantwortung und liebe es, zu entscheiden. Das werde ich höchstwahrscheinlich vermissen. Ich will nicht erst am Ende eines Prozesses dabei sein und mir das Resultat anschauen, sondern das Ganze von Anfang an miterleben und beobachten, wie es sich entwickelt. Mit meinen Chefs zu streiten, wird mir auch fehlen (lacht). Den administrativen Aufwand werde ich hingegen mit Sicherheit nicht vermissen, und das komplizierte und verantwortungslose Gefasel, das ich oft als Entschuldigung gehört habe, ebenso wenig.

PROGRAMM

Kommende Veranstaltungen

11.01. | 20.00 Neijoersconcert vun der Militärmusek
24.01. | 15.00 D’Maus Kätti (musikalesche Figurentheater)
03.02. | 17.00 Planet Percussion Volume 2 (Special Guests: Sopran Marie-Christiane Nishimwe & Videast  „Lëtzebuerg vun Uewen“ Yannick Stirn)
12.02. | 15.00 Cubix (Visuelle Poesie für Kinder)

Weitere Informationen zum Programm unter www.kulturhaus.lu
Lëtzebuerger Journal