CORDELIA CHATON

Goldgräberstimmung bei Daten- und Digitalkonzernen: Kaum hat die EU-Kommission eine Rekordstrafe in Höhe von 4,34 Milliarden Euro gegen Google verhängt, macht dessen Konzernmutter Alphabet noch im gleichen Quartal Schlagzeilen mit einem Rekordgewinn. Der Grund sind vor allem Werbeeinnahmen von Google im Netz. Denn dort tobt eine stille Schlacht.

„Der Markt für Online-Handel wächst rapide und hat in Europa inzwischen ein jährliches Volumen von über 500 Milliarden Euro erreicht“, sagte EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager zu Recht. Sie hat gerade erst eine Millionenstrafe gegen vier Elektronikkonzerne wegen Preisabsprachen verhängt. Die dürfte das mehr treffen als die Online-Giganten, allen voran Amazon. Doch der US-Konzern, der seine Europazentrale in Luxemburg hat und sich mit 193 Milliarden Dollar Jahresumsatz zu Recht stark fühlt, hat einen Herausforderer.

JD.com heißt der - und kommt aus China. Bislang kennen die meisten - wenn denn überhaupt - Alibaba, dessen Gründer Jack Ma bereits ein Logistikzentrum in Belgien unterhält. Es gilt als Amazon Chinas. Der Gründer von JD.com heißt Richard Liu, ist ein bunter Vogel und nicht etwa Informatiker, sondern studierter Soziologe. Er setzt auf Kontrolle bis zum Endkunden und liefert daher mit eigenen Mitarbeitern aus. Jetzt will er mit dem gleichen Konzept wie Amazon schneller, effizienter und billiger werden. Das soll durch ein hohes Maß an Digitalisierung und Automatisierung erreicht werden. Ein Logistikzentrum in Frankreich hat er bereits, bis Ende 2018 soll eines in Deutschland entstehen. Vielleicht wäre es für Luxemburg an der Zeit, sich ins Gespräch zu bringen. Denn einem, der in nur 15 Jahren einen der größten Konzerne Chinas aufgebaut hat, ist ein schnelles Wachstum hier zuzutrauen. Mit acht chinesischen Banken vor Ort und direkten Flugverbindungen nach Zhengzhou hat Luxemburg in chinesischen Augen vielleicht ja schon etwas zu bieten.

Wenn JD.com und Alibaba hier den Markt aufmischen, dann sehen Zalando, Otto und viele andere alt aus. Sie werden europäische Wirtschaftsmodelle radikal umbauen. Darüber hinaus stellt sich aber auch die Frage nach der Unterstützung, die diese Konzerne von ihrer Staatsführung erhalten.

China fährt einen klar geopolitischen Expansionskurs in Sachen Wirtschaft. In einem Land, dass seine Bürger überwacht und benotet, kann man davon ausgehen, dass solche Expansionen nur mit dem Placet Pekings stattfinden.

Interessant ist hier der Kurs: Peking spricht von Freundschaft und freiem Handel, wirkt angesichts von Trump sogar verlässlich, lässt ausländische Konkurrenz im eigenen Reich jedoch nur sehr beschränkt agieren und nutzt gleichzeitig die in Europa mögliche Konkurrenz, um sich hier zu etablieren. Ist win-win ein chinesischer oder englischer Begriff?

Die Frage ist auch, wie die EU damit umgehen will. Welche Strafen gibt es wofür? Das wird kompliziert. Luxemburg indes hofft auf weitere Konzernsitze, die in diesem kleinen Land nicht zu viel Platz einnehmen, aber Steuern bringen. Und ist nicht mal froh, EU-Strafgelder wie das von Amazon einzutreiben. Da fällt einem Franz Grillparzer ein: Rosen willst du brechen und drückst dafür die Dornen in die Brust!