LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

Zwei Forscher von der Universität Luxemburg setzen beim Sprachenlernen auf das Konzept des „Translanguaging“

Weg von veralteten linguistischen Vorstellungen und einer sich daraus ableitenden Didaktik, hin zu einem natürlichen Umgang mit Sprache, der darauf aufbaut, was Kinder an Sprachgepäck mitbringen: So kann man den Ansatz zusammenfassen, für den Ass.-Prof. Dr. Claudine Kirsch und Dr. Gérard Gretsch plädieren, wenn es um das Lernen von Sprache in der Schule geht.

Hintergrund der Überlegungen der beiden Forscher an der Universität Luxemburg ist das Konzept des „Translanguaging“, das im Grunde zwei Dinge beinhaltet: Das „Machen“ von Sprache einerseits sowie das Wechseln der Sprache andererseits. „Das Wechseln der Sprache ist ebenso charakteristisch für den Alltag in Luxemburg wie für mehrsprachige Menschen anderswo. Auch Kinder machen das“, sagt Gérard Gretsch. Zwar umfasst „Translanguaging“ auch das „Codeswitching“, also zum Beispiel das Wechseln der Sprache mitten im Satz, es geht aber darüber hinaus. Translanguaging ist als eine pädagogische Praxis zu verstehen, in der man bei der Konstruktion von Wissen und dem Lernen auf das gesamte sprachliche und nicht-sprachliche Repertoire zurückgreift. „Das Beachten der non-verbalen Ressourcen, wie zum Beispiel der Mimik und Gestik, ist besonders bei Kindern wichtig“, sagt Claudine Kirsch.

Ein linguistisches Repertoire

Diese dynamische Vorstellung von Sprache hat ihren Grund - und ihre Folgen. „Wir wissen heute, dass es nur ein linguistisches Repertoire für alle Sprachen gibt. Alle Sprachen sind permanent in unserem Kopf aktiviert´“, erläutert Kirsch. Die beiden ehemaligen Grundschullehrer kritisieren folglich das Trennen und Hierarchisieren von Sprachen in der schulischen Laufbahn, aber auch in der Gesellschaft insgesamt. „Unsere Identität ist doch dynamisch“, argumentiert Gretsch, „ich bin stolz auf die Sprachen, die ich kenne. Dass ich sie nicht perfekt beherrsche, kümmert mich schon lange nicht mehr, selbst wenn ich ständig bemüht bin, mich normgerecht auszudrücken“, sagt Gretsch.

„Der traditionelle Blick auf die Sprache besagt, dass man Sprachen trennen muss, um Interferenzen zu vermeiden. Ansonsten kann es zu Verwirrungen kommen. Das entspricht allerdings keineswegs dem Alltagsgebrauch der Kinder“, ergänzt Gretsch. Kirsch schildert es plakativ: Im Schulhof unterhalten sich Kinder in allen möglichen Sprachen. Wenn es dann aber klingelt, bleibt das Französische für bis zu drei Jahre tabu, bis es auf dem Lehrplan steht. „Diese Sprachen existieren doch aber, die Kinder hören sie und dann werden die Türen zugemacht“, sagt Kirsch. Anliegen der Forscher für den Sprachunterricht ist es, „den normalen Sprachgebrauch als Basis für die Annäherung an die normierte Sprache zu nutzen, indem die Kinder sich bewusst mit ihren Versprachlichungen auseinandersetzen“, sagt Gretsch.

Natürlicher Umgang mit Sprachen

Kirsch gibt zu bedenken, dass der klassische Sprachenunterricht, in dem Nichtwissen oder Fehler direkt bestraft oder korrigiert werden, den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten nicht gerecht wird. In authentischen Kommunikationssituationen lernen Kinder einen natürlicheren Umgang mit anderen Sprachen, entwickeln ein Gefühl für die Sprachmelodie. Zusammen mit anderen, im Spiel ausgedachte Geschichten bleiben außerdem stärker im Gedächtnis, als Lehrbuchsätze à la „Susi isst einen Apfel“. Viele Dinge, die bislang auf dem formalen Bildungsweg zu kurz gekommen seien, ihnen aber bei der Entwicklung der Schriftlichkeit sogar zugute kommt.

In der Praxis bedeutet das, innerhalb des Lehrplans Situationen zu ermöglichen, in denen die Kinder selbst, auch vorübergehend ohne den wachsamen Blick des Lehrers, untereinander und ihrem eigenen Tempo entsprechend mit Sprache arbeiten.

Zum Beispiel mithilfe der von Gretsch mitentwickelten iPad-App iTEO. Sie ermöglicht es, Wörter oder Sätze aufzunehmen, die dann umgehend abgespielt werden. Dadurch wird die Sprache einerseits materialisiert, andererseits, weil die Aufnahme immer wieder aufgerufen werden kann, auch objektiviert. „In dieser Situation müssen sich die Kinder mit der abgespielten Aufnahme auseinandersetzen und legen selber fest, ob sie beispielsweise mit einem Begriff noch Schwierigkeiten haben oder nicht“, sagt Gretsch. Sind die Kinder mit Aufnahmen oder dem Text unzufrieden, können sie diese löschen oder verändern.

In der Regel arbeiten Kinder zu zweit mit der App und erzählen eine Geschichte. Die Kollaboration und die bewusste Auseinandersetzung mit Sprache treiben den Spracherwerb voran. So lernen etwa Französisch sprechende Kinder zunächst von Luxemburgern, später dann umgedreht.

Perfektionsdruck infrage gestellt

Mit ihrer Methode stellen Kirsch und Gretsch auch den bisher vorherrschenden Perfektionsdruck in Frage. Das Vermischen von Sprachen gehört zwar zum Lernprozess dazu, Ziel ist es allerdings nicht. So kommt es vor, dass Kinder sich in einer bestimmten Sprache über die Geschichte unterhalten, die Geschichte selbst aber in einer anderen, beispielsweise in einer der Zielsprachen aufnehmen. Sie setzen sich bewusst mit der Sprache auseinander und sind darauf bedacht, eine „gute“ Geschichte zu erzählen, die inhaltlich oder stilistisch gut und normgerecht ist. Doch das Voneinanderlernen hat noch einen anderen Effekt, indem es maßgeblich zum schulischen Erfolg beiträgt. Kirsch beschreibt es als einen Hebel, der beim Respekt vor dem, was die Kinder an Sprachgepäck mitbringen, anfängt. Gretsch ergänzt: „Die Kinder müssen das Vertrauen haben können, dass ich ihnen als Lehrer nichts wegnehme, sondern darauf aufbaue, was sie können“. Er ist überzeugt davon, dass man durch eine authentische Kommunikation näher an eine Norm herankommt, als wenn sie von außen auferlegt und dann möglicherweise zur Barriere wird.


Mehr Informationen über das Konzept des Storying, das iTEO-Projekt sowie Erfahrungsberichte unter storying.bsce.uni.lu