Lange bevor das Christentum im Westen und vor allem auch im Norden Europas seinen Einfluss geltend machen konnte, wurde hier schon, streng nach dem Mondkalender, der Beginn des Frühlings, die Neubelebung der Natur gefeiert, die immer wieder auch in der menschlichen Befindlichkeit ihren Niederschlag fanden.

Ob man nun an das Einwirken eines Gottes auf dieses Phänomen glauben mag oder auch nicht, es vermag sich so oder so dem menschlichen Empfinden nicht zu entziehen, dass man die Kraft der Erneuerung nicht nur in den rasch länger werdenden Tagen und der immer höher stehenden Sonne spüren kann, sondern vor allem in einem explosionsartigen Austrieb von Bäumen und Pflanzen, die wie mit einem Schlag aus der winterlichen Starre zu erwachen scheinen.

Leider wurden zu unterschiedlichen Perioden der Menschheitsgeschichte diese Vorgänge eher mit teils Genugtuung, teils Begeisterung zur Kenntnis genommen, wie zahllose Dichtungen und Lieder bezeugen, die eigentliche Sensation der Erneuerung wurde jedoch zu selten genutzt, um auch in der Gesellschaft, bei sich selber, mit dem Nebenmann, der Nebenfrau, die spürbare Kraft der Natur für das eigene Bewusstsein zu nutzen und eine Veränderung von Bewusstsein und Beziehungen herbeizuführen, die auf so einzigartige Weise nahe gelegt wurden.

Betätigungsfelder für einen echten Willen zur Um- und Neugestaltung gibt es wahrlich genug in der heutigen Welt. Sie reichen im Kleinen vom Frieden mit sich selbst und den direkten Mitmenschen, von Genügsamkeit bis zu Solidarität, im Großen stellen sie wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten genau so dar wie Herausforderungen von Friedfertigkeit und Verständnis unter den Völkern, bis hin zu einem globalen Wirtschaftssystem, in dem niemand mehr hungern und in dem um überbordenden Reichtum nicht mehr gestritten werden muss.

Neues Erwachen, Neubelebung wären eigentlich dringend geboten, wenn es wirklich allen Menschen darauf ankäme, eine neue, eine bessere Welt zu schaffen und jeder dazu seinen angemessenen Beitrag zu liefern bereit wäre.

Leider aber haben selbst in den kleinen Gemeinschaften, wo noch gerne der Winter und seine Überbleibsel als Altlasten symbolisch verbrannt werden, um dem Neuen, dem Erwachenden Platz zu machen, nur die wenigsten daran gedacht, auch bei sich selber und in der Gemeinschaft mit den anderen alte Gräben zuzuschütten, um den Untergrund für neues und besseres Zusammenleben schaffen zu können. Soweit ist bis heute, ins dritte Jahrtausend hinein, der Sinn der jährlichen Erneuerung, den uns die Natur immer wieder vorlebt, leider noch nicht gedrungen.

Und leider fehlt im menschlichen Zusammenleben jene ordnende Hand, die Auswüchse aller Art bestraft und auch kleinsten Elementen im Gefüge durch geschickte Anpassung neue Wachstumschancen vermittelt. Wir könnten von der Natur noch so manches lernen.