NIC. DICKEN

Es gehört zu den Gepflogenheiten des Erwachsenseins, dem Nachwuchs am Zeug zu flicken. Das war auch schon vor 50 Jahren so, als die mittlerweile selbst in die Jahre gekommenen „68er“ die Welt erneuern und das „Establishment“ abschaffen wollten und dafür ebenso Schelte ernteten wie die Schüler, die jetzt wegen Untätigkeit der Politik gegen den Klimawandel auf die Straße gehen. Dass die damaligen „68er“ heute selbst Teil des „Establishment“ sind, zeigt ihre Reaktion auf die heutigen „Fridays for Future“, die leichtfertig als Schulschwänzerei abgetan werden.

Seit 1968 haben sich mittlerweile zwei Generationen mit dem Lauf der Welt arrangiert, weil dieser sie arrangierte. Themen für Abiturdissertationen à la „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt“ von Anfang der siebziger Jahre standen später nicht mehr auf dem Programm. Konformität war und bleibt angesagt, das Volk hat zu schlucken, was die Politik von sich gibt. So wie es bis 1968 war.

Damit zu einer wesentlichen Frage: Ist es moralisch verwerflich, wenn sich heute junge Leute, auch unter dem Impuls einer Greta Thunberg, denen man in der Schule immer noch viel unnötigen Ballast mit auf den Weg gibt, deren praktischen Nährwert sie nicht erkennen können, gegen die Bedrohung ihrer Zukunft auflehnen und sich statt Unterricht an einem Trag in der Woche einem Thema zuwenden, das vielleicht weniger für die Älteren, dafür aber umso mehr für sie selbst immer zu einem beängstigenden Lebensinhalt zu werden droht? Anstatt den Heranwachsenden die Leviten zu lesen und sie der willfährigen Schulschwänzerei zu bezichtigen, täten gerade Politiker, gestandene und solche, die auf dem besten Wege dazu sind, besser daran, sich Fragen zu stellen über Themen, die denkende junge Leute – das sind die, die ihr Weltbild nicht nur vom Display ihres Handys beziehen - , im Moment dazu bringen, das zu beklagen, was sie wirklich bewegt und womit sie sich vor allem von der Politik zunehmend allein gelassen fühlen. Politiker so ziemlich aller Schattierungen müssen sich nämlich den Vorwurf gefallen lassen, viele Probleme über Jahre verdrängt, statt gelöst zu haben. Für die von Jugendlichen verlangte Pflichterfüllung ist das kein glänzendes Beispiel. Also bitte!

Ein offensichtlich aufgeklärter deutscher Lehrer hat kürzlich in einem Fernsehbericht unterstrichen, die Frage müsse schon erlaubt sein, ob es sinnvoller sei, gegen das Klimasterben zu protestieren als während der gleichen Zeit einen Text von Molière zu analysieren. Womit weder er noch wir etwas gegen den französischen Literaten gesagt haben möchten.

Ein angesehener luxemburgischer Politiker hat mal betont, man müsse in der Politik „das sagen, was man macht und das machen, was man sagt“.

Vielleicht sollten gerade Politiker auch mal freitags auf die Straße gehen. Wenn sie die Augen aufhalten, könnten sie sich dort möglicherweise sogar selbst begegnen.