BERLIN
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Große Corona-Sorgen in Europa - Gesundheitssysteme unter Druck

Die Zahl der gemeldeten Ansteckungen mit dem Coronavirus in Europa steigt wieder deutlich an. Vielerorts sind die Intensivstationen von Krankenhäusern bereits am Limit. Regierungen verhängen strengere Maßnahmen, um die Ausbreitung der Pandemie einzudämmen. Ein Überblick über die Entwicklung in der vergangenen Woche in wichtigen Ländern:
SPANIEN ist mit 850.000 Infektionen besonders schlimm betroffen. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen lag zuletzt bei 115. In einer Woche starben 1.330 Menschen. Der Anteil der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern steigt. Landesweit gelten strenge Beschränkungen und Maßnahmen, auch Maskenpflicht im Freien. Viele Gebiete und Gemeinden sind abgeriegelt.
 Spaniens Zentralregierung hat nach Medienberichten den Notstand über Madrid verhängt, um angesichts von hohen Corona-Zahlen die Abriegelung der Hauptstadt durchsetzen zu können. Dies berichteten der staatliche Fernsehsender RTVE und andere Medien unter Berufung auf die linke Regierung. Der Notstand soll den Angaben zufolge für zwei Wochen gelten. Eine Verlängerung müsste gemäß Verfassung vom Nationalparlament gebilligt werden. In den zehn Städten, die nun wieder abgeriegelt sind, dürfen die Menschen ihre Wohngemeinde erneut nur noch mit triftigem Grund verlassen - etwa, um zur Arbeit zu fahren oder einen Arzt aufzusuchen. Betroffen sind knapp 4,8 der insgesamt 6,6 Millionen Einwohner der „Comunidad Autónoma“. Auswärtige dürfen diese Städte nur in Ausnahmefällen betreten.
FRANKREICH hat in mehreren Großstädten bereits die höchste Corona-Warnstufe verhängt - unter anderem in Paris, Lyon und Marseille. Gesundheitsminister Olivier Véran warnt, dass es noch schlimmer wird. Sorge herrscht über die Lage in den Pariser Krankenhäusern. Dort nimmt der Anteil der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen zu. Die Regierung reagiert etwa mit Schließungen von Bars in den Regionen, in denen die Lage besonders ernst ist. Generelle Ausgangsbeschränkungen im ganzen Land sollen verhindert werden. Mit 18.746 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden gab es am Mittwoch einen Tageshöchstwert.
TSCHECHIEN - ehemals ein Corona-Musterschüler - ist nach den jüngsten Zahlen der EU bei den Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner zum traurigen Spitzenreiter geworden. Im Schnitt steckten sich binnen 14 Tagen 374,6 Menschen je 100.000 Einwohner an. Am Donnerstag wurden in dem 10,7-Millionen-Einwohner-Land 5.394 neue Fälle verzeichnet - der dritte Tagesrekord in Folge. Die Regierung hat Kultur- und Sportveranstaltungen verboten. Sollte die Kurve nicht abflachen, droht nach Ansicht von Experten bald ein dramatischer Engpass im Gesundheitssystem.
GROSSBRITANNIEN leidet ebenfalls stark: Mangel an Tests, ein Flickenteppich an Regelungen, marode Kliniken, Zehntausende Todesfälle. Der im Frühjahr selbst erkrankte Premier Boris Johnson steht zunehmend in der Kritik, ein schlechter Krisen-Manager zu sein. Seine Regierung spricht von einer „gefährlichen“ Lage. Besonders stark betroffen sind der Norden Englands, Schottland, Nordirland und Teile von Wales. Experten zufolge stehen vor allem in Nordengland die Kliniken vor dem Kollaps. Allein am Donnerstag meldeten die Behörden landesweit mehr als 17.500 Infizierte binnen 24 Stunden.
ITALIEN sorgt sich über den steilen Anstieg der Infektionsfälle in dieser Woche. Das Land, das im März Europas Corona-Hotspot war, registrierte am Donnerstag fast 4.500 Ansteckungen - so viele wie zuletzt im April. Der große Unterschied: Jetzt sterben pro Monat so viele Menschen an Covid-19 wie damals an einem Tag. Die Intensivstationen sind mit etwa 360 Covid-Patienten nicht am Limit. Rom verschärft ständig die Maßnahmen - nun gilt Maskenpflicht auch im Freien. Besonders stark klettern die Werte im Süden. Dort ist das Medizinsystem schwächer als im Norden.
In den NIEDERLANDEN wurden am Donnerstag 5.831 Neu-Infektionen gemeldet - 800 mehr als am Vortag. Die Zahl der Patienten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen steigt schnell. Kliniken haben die Versorgung für andere Patienten drastisch reduziert und Hunderte Operationen abgesagt. Innerhalb von sieben Tagen wurden zuletzt 841 je 100.000 Einwohner infiziert. Vergangene Woche wurden im Schnitt 16 Tote am Tag gemeldet. Bürger und Experten fordern deutlich strengere Maßnahmen. Masken sind für öffentliche Räume zwar dringend empfohlen, bislang aber keine Pflicht.
BELGIEN verzeichnete zuletzt ebenfalls rasch steigende Zahlen. Die 14-Tage-Inzidenz - die Zahl an Infektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb zwei Wochen - lag zuletzt bei 280,7. In der Hauptstadt Brüssel sind Cafés und Bars nun für einen Monat geschlossen. Die Regierung verschärfte auch die landesweiten Regeln: Bürger dürfen pro Monat nur noch mit drei Personen außerhalb der Familie engen Kontakt pflegen. Um 23.00 ist Sperrstunde.
GEGEN GRENZSCHLIESSUNGEN Die EU-Kommissarin Vera Jourova hat sich klar gegen erneute Grenzschließungen innerhalb Europas im Kampf gegen das Coronavirus ausgesprochen. „Einige Beschränkungen sind natürlich notwendig, aber eins ist klar: Das Coronavirus ist in ganz Europa präsent, und wir werden es nicht durch Grenzschließungen in den Griff bekommen, sondern nur, indem wir zusammenarbeiten“, sagte die Vizepräsidentin der EU-Kommission der „Welt“ (Freitag). Viele Europäer verließen sich jeden Tag auf einen freizügigen Verkehr, etwa Studenten oder berufstätige Grenzpendler. Im Frühjahr hatten zahlreiche EU-Länder mit teils strengen Beschränkungen im Grenzverkehr versucht, das Coronavirus einzudämmen. Vor allem der Warenverkehr, Saisonarbeiter, Pendler und auch Urlauber waren davon betroffen.
Angesichts wieder steigender Corona-Infektionszahlen erklärte Jourova, dass nun einheitliche Regeln zwischen den EU-Staaten wichtig seien. Sie verwies darauf, dass die EU-Kommission bereits Anfang September eine Art Corona-Ampel für Europa empfohlen habe. „Wir haben vorgeschlagen, die Maßnahmen für Reisende, die sich in ein Risikogebiet oder zwischen zwei Risikogebieten bewegen, zu koordinieren, damit wir verhindern, dass es überall verschiedene Vorschriften für Corona-Tests und Quarantäne gibt.“ Die EU-Staaten arbeiten gerade auf Grundlage der Kommissionsvorschläge an einer Corona-Ampel.
Die Zahl der neu gemeldeten Corona-Fälle in RUSSLAND hat die Rekordwerte aus dem Frühjahr überstiegen. Gestern wurden nach offiziellen Angaben binnen 24 Stunden mehr als 12.120 Infektionen registriert. Allein in der Hauptstadt Moskau wurden rund 3.700 neue Fälle gezählt. Im weltweiten Vergleich liegt Russland der US-Universität Johns Hopkins zufolge mit knapp 1,3 Millionen Infektionen auf Platz vier. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Insgesamt gibt es 22 260 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus - ein vergleichsweise niedriger Wert.
Die Behörden in der Hauptstadt reagierten auf die steigenden Zahlen mit verschärften Regeln. Unternehmen müssen jeden dritten Mitarbeiter ins Homeoffice schicken, was auch streng kontrolliert wird. Zudem wurden die Herbstferien für Schüler um eine Woche verlängert und Senioren sollen sich selbst isolieren. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes wird in Supermärkten überprüft.
Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in POLEN hat zum dritten Tag in Folge einen Rekordwert erreicht. Gestern verzeichneten die Behörden 4.739 Neuinfektionen binnen 24 Stunden, wie das Gesundheitsministerium in Warschau mitteilte. Im gleichen Zeitraum starben 52 Menschen in Zusammenhang mit dem Virus.
Angesichts der steigenden Infektionszahlen gilt von diesem Samstag an im gesamten Land wieder Maskenpflicht in der Öffentlichkeit. Außerdem dürfen an Feiern nur maximal 75 Leute teilnehmen. In sogenannten roten Zonen mit sehr vielen Infektionen sind die Auflagen noch strenger: Hier müssen Bars und Restaurants um 22.00 schließen. Seit Beginn der Pandemie haben sich in dem 38-Millionen-Einwohner-Land nach offiziellen Angaben mindestens 116 338 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert. 2.919 Menschen starben. Polen wird von deutscher Seite bislang nicht als Risikogebiet eingestuft.