LUXEMBURGSIMONE MOLITOR

Neue Ausstellung in der Villa Vauban zeigt das vielseitige Talent des Künstlers Charles Kohl

Wer während der Ausgangssperre einen virtuellen Streifzug durch die Villa Vauban unternommen hat, wird die Zeichnungen und Skulpturen des luxemburgischen Künstlers Charles Kohl (1929-2016) bereits entdeckt haben. Jetzt, da das Kunstmuseum seine Türen wieder geöffnet hat, bietet sich ein echter Rundgang an, der natürlich ein ganz anderes Erleben möglich macht. Noch halte sich der Andrang in Grenzen, bedauert Boris Fuge, Kommunikationsbeauftragter der beiden Stadtmuseen. „Bisher sind nicht viele Besucher gekommen. Vielleicht haben sie momentan andere Sorgen oder zögern wegen der Corona-Auflagen. Was wir aber auch spüren, ist ganz einfach der Fakt, dass die Touristen fehlen“, gibt er zu bedenken. Eine Rolle dürfte darüber hinaus die Tatsache spielen, dass das gewohnte Begleitprogramm noch nicht angeboten werden kann. Weder Workshops für Kinder noch geführte Besichtigungen oder Konferenzen finden aktuell statt.

„Charles Kohl - Dessins et sculptures“ hätte eigentlich bereits am 28. März eröffnet werden sollen. Da die Ausstellung aber ohnehin relativ langfristig angelegt ist - bis zum 17. Januar - bleibt genug Zeit, sie zu erkunden, später im Jahr sicherlich auch wieder unter weniger strengen Bedingungen.

Unbekannt und doch bekannt

„Charles Kohl ist eine Entdeckung, sogar für manch einen, der die Luxemburger Kunst gut kennt. Er war eine diskrete Person“, weiß Fuge. Dennoch dürfte man manche seiner Skulpturen oder Denkmäler kennen, weil sie seit langen Jahren ihren festen Platz im öffentlichen Raum haben. Sie stehen auf dem „Geesseknäppchen“ oder beim „Lycée Technique des Arts et Métiers“. Mit Claus Cito und Emile Hulten hat er an den Reliefbändern der Kriegsgedenkstätte für das Nationale Resistenzmuseum in Esch/Alzette gearbeitet. Auch das „Monument aux Morts“ in Contern hat er geschaffen, genau wie das Taufbecken der Bonneweger Kirche. Charles Kohl ist zudem zweifacher Gewinner des „Prix Grand-Duc Adolphe“ (1956 für die Gipsskulptur „Verwundeter Kämpfer“ und 1962 für „Die sinkende Kuh“). „Er war kein Unbekannter“, hält Fuge fest.

Ein Bildhauer, der malt

Kennt man Kohl auch als Bildhauer, so dürfte vielen wahrscheinlich nicht bewusst gewesen sein, dass er noch dazu ein begabter und vor allem sehr produktiver Zeichner war. Das gibt auch Maité Schenten unumwunden zu. Sie hat die Ausstellung zusammen mit Gabriele Grawe, der Chefkonservatorin der Villa Vauban, kuratiert. „Viele der Zeichnungen sind eigenständig. Oft hält er darin aber auch Motive fest und sucht nach Ideen, die er später in Skulpturen umsetzt. Wenn man sich die Zeichnungen anschaut, merkt man, dass da ein Bildhauer am Werk war. Der skulpturale Aspekt spielt immer eine Rolle“, erklärt sie uns. Erst im Laufe der Vorbereitungen sei man sich derweil bewusst geworden, wie riesig die Hinterlassenschaft des Künstlers tatsächlich ist. Eine Auswahl musste getroffen werden, die die wesentlichen Schaffensperioden des Künstlers dokumentiert. Ihn in Verbindung mit anderen Künstlern zu zeigen, etwa seinen Mentoren Lucien Wercollier oder Claus Cito - in der Villa Vauban werden eigentlich nie monografische Ausstellungen gezeigt - sei auch aus Platzgründen nicht in Frage gekommen.

Die Idee für die Ausstellung stammt indes von Paul Bertemes (mediArt). Als Charles Kohl im Jahr 2016 starb, wurde er von den Erben als Experte gerufen, um die enorme Vielfalt an Werken einzuschätzen. „Er war der Meinung, dass dies alles unbedingt aufgearbeitet werden müsste und dass der Künstler, der leider in Vergessenheit geraten war, eine Einzelausstellung verdiente. Mit diesem Wunsch ist er an uns herangetreten. Ohne die Vorarbeit der Familie des Künstlers, die alles fotografiert und dokumentiert hat und sogar eine Webseite gestaltet hat, wäre es fast nicht möglich gewesen, sich einen Überblick zu verschaffen“, erfahren wir.

Thematisch unterteilt ist die Schau schließlich in „Die Anfänge“, „Krieger“, „Verschlungene Formen“, „Stelen und Monumente“, „Zirkus“, „Der Mensch“ und „Atelier“. Für die abstrakte - buntere - Phase seiner Karriere blieb kein Platz, dafür sind aber seine Hauptmotive in den Ausstellungsräumen aufgegriffen worden.

Schutzbedürftige, gefangene Wesen

„Was Charles Kohl als Künstler so besonders macht, ist der ganz einmalige Stil, den er entwickelt hat, um sich auszudrücken, die Art und Weise, wie er Körper fragmentiert. Insolation spielt in seinem Werk eine zentrale Rolle. Gefangen sein, sich befreien sind wichtige Themen. Er hat den Zweiten Weltkrieg als Junge miterlebt. Diese Erfahrungen sind unverkennbar in sein Werk eingeflossen“, beschreibt Maité Schenten. Tatsächlich haben die Motive des Kriegers und Kämpfers Charles Kohl sein ganzes Leben lang beschäftigt. Die Erlebnisse aus der Kriegszeit dürften letztlich der Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit menschlicher Angst und Verzweiflung gewesen sein. Diese Gefühle spiegeln sich im Ausgeliefertsein seiner stets gesichtslosen Figurendarstellungen wider. Immer wirken sie schutzbedürftig.

Eine Vorliebe für ein bestimmtes Material hatte der Künstler offensichtlich nicht. Ton, Lehm, Gips, Stein.... Seine Meisterschaft im Umgang mit der Materie stellt er besonders in seinen zwischen 1975 und 1990 entstandenen Marmorskulpturen unter Beweis. Auch in seinen auf den ersten Blick farblich eher düster wirkenden Zeichnungen verbergen sich viele Nuancen, die man erkennt, wenn man genauer hinschaut. „Die Zeichnungen sind enorm komplex, man muss sich nur darauf einlassen“, unterstreicht Maité Schenten. Zeit, dies zu tun, bleibt, wie gesagt, noch bis zum 17. Januar.


Die Villa Vauban ist täglich außer dienstags

von 10.00 bis 18.00 geöffnet, freitags sogar bis 21.00.

Weitere Infos unter www.villavauban.lu