LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Neuer Film von Andy Bausch: „Sixty8“ oder was nach dem Mai 1968 in Luxemburg geschah

Im Mai 1968 protestierten die Studenten in Paris gegen so ziemlich alles, was ihnen missfiel, wie zum Beispiel das Bildungssystem, die Arbeitslosigkeit und den
Vietnamkrieg. In Luxemburg verliefen die Proteste eher harmlos. Erst drei Jahre später mobilisierten die Schüler für Protestaktionen, als in Diekirch vier Schüler aus dem Lyzeum ausgeschlossen wurden. Andy Bausch lässt diese Jahre in seinem Dokumentarfilm „Sixty8“ wiederaufleben.

Unzählige Erinnerungen

Ein beleibter Mann (Stephen de Groote) - später stellt sich heraus, dass er von der „Sûreté“ ist - tippt die einzelnen Kapitel des Films auf einer alten Schreibmaschine der Marke Remington. Neben nachgestellten Szenen, defilieren viele bekannte oder weniger bekannte Gesichter vor der Kamera, unter anderem Lucien Blau, Men Maas, Lambert Schlechter, Frank Feitler, André Hoffmann, Pierre Puth, Berthe Lutgen, André Jung oder Ben Nockels. In kurzen Interviews erinnern sie sich an die Jahre zwischen 1968 und 1972. Maître Gaston Vogel meint in seiner gewohnten Manier, dass die Welt ein zoologischer Garten sei, „an deem de Mënsch déi gréisste Sau ass“.

1968 war in Luxemburg eine eher ruhige Zeit im Vergleich zu Frankreich. Die amerikanische Flagge wurde verbrannt, und es gab Protestaktionen gegen den Vietnamkrieg. Im „Ciné Cité“ wurde lautstark gegen den den Krieg verherrlichenden Film „The Green Berets“ mit John Wayne protestiert. Dann revoltierte die Jugend 1971 gegen den ungerechten Rausschmiss von vier Schülern in Diekirch. Solidarität wird kurze Zeit in den Schulen des Landes großgeschrieben. Danach verlieren sich in Luxemburg die revolutionären Ideen, und es wird wieder ruhig. „Die Luft war raus“, heißt das letzte Kapitel des Films.

Die sexuelle Befreiung wird angesprochen. Das Planning Familial wird gegründet. Was war noch mal die „Ro’d Wullmaus“ oder die Bar und Disco „Dany Cage“? Kennt noch jemand die „Assoss“ oder weiß, wo das Konzert mit Deep Purple 1971 stattfand? Wo vertrat Monique Melsen Luxemburg beim Grand Prix? Ja, das alles wird man herausfinden, wenn man sich „Sixty8“ ansieht.

Die schönste Zeit

Andy Bausch war immer von der Zeit der 68-Revolution angetan. „Wer, wenn nicht ich, würde diese Zeit in Luxemburg dokumentieren?“, sagte er nach der Pressekonferenz. Er erklärte zudem, dass es nicht möglich war, die andere Seite, also die Professoren oder Politiker, zu Wort kommen zu lassen. „Die meisten sind tot oder wollten ganz einfach nichts zu den Vorfällen sagen“, unterstrich er. Da das Projekt bereits seit einigen Jahren in seinem Kopf herumschwirrte, hatte er das Interview mit Luke Haas kurz bevor dieser im Dezember 2015 starb aufgezeichnet.

Was besonders hervorsticht, ist die Tatsache, dass niemand diese Jahre als verloren ansieht. Für alle bleibt es die schönste Zeit in ihrem Leben. In den Schulen herrschte zwar eine gewisse Strenge, und die Kirche hatte viel Einfluss in der Gesellschaft. Doch die Jugend war im Aufbruch. Sie ließ sich nicht mehr alles gefallen und rebellierte, selbst wenn ein Rebell gleichgesetzt wurde mit Kommunist. Bausch gelingt es, das Gefühl einer anderen, besseren Zeitepoche auf die Leinwand zu bannen.