Die letzten zehn Jahre hatte man den Eindruck, dass die Türken die schleichende Islamisierung ihres Staates durch unseren Lieblingsislamisten Recep Erdogan einfach so hinnehmen würden. Dem ist nicht so, wie die Demonstrationen und Proteste in Istanbul zeigen. Viele Menschen in der Millionenmetropole am Bosporus sagen jetzt laut „Es reicht!“ Wie so oft war es eine politische Petitesse, die das Fass zum Überlaufen brachte. Ein paar blöde Bäume und ein Park sollten verschwinden, weil irgendein Regierungsspezi mitten in Istanbul noch ein Einkaufzentrum bauen will. Dass es sich dabei um Istanbuls letzten Innenstadtpark handelt wurde schlicht übergangen und so die rote Linie überschritten.
Lange waren die Bürger der westlich geprägten Millionenstadt geduldig mit den Herrschern in Ankara, jetzt ist ihnen der Geduldsfaden gerissen und sie protestierten nicht nur gegen das Bauvorhaben, sondern gleich gegen die immer arrogantere Politik Erdogans, der seit einiger Zeit die Maske fallen lässt und seine islamistische Denkweise und Ziele kaum noch kaschiert. Vor zehn Jahre behauptete Erdogan breit lächelnd seine Partei sei so etwas wie eine christdemokratische Partei unter islamischen Vorzeichen - von wegen. Kussverbote, Alkoholverbote, die Wiederzulassung von Kopftüchern, etc.. Die Zeichen sind nun mehr als deutlich wohin die Reise gehen soll.
Das Denkmal Mustafa Kemal „Atatürk“ nutzt Erdogan nur da, wo er es gebrauchen kann: Bei seiner knüppelharten Minderheitenpolitik, dem Maß an Nationalismus das er für nötig hält (Stichwort: Beleidigung des Türkentums), und bei der Beschneidung der Pressefreiheit. Atatürk hat die Türkei aus der Rückständigkeit des osmanischen Reiches in eine relative Moderne geprügelt, mit Verbot von Kopftuch und Fez, der Einführung des lateinischen Alphabetes, des Schweizer Zivilrechts und der Frauenemanzipation.
Bei aller Anerkennung Atatürks als Modernisierer darf man ihn nicht für einen Demokraten halten, auch seine Rolle bei der -von der Türkei bestrittenen- Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern ist ungeklärt. Andererseits konnte er den Hitler und Mussolini nichts abgewinnen, stattdessen sorgte er für die Aufnahme vieler deutscher Emigranten, die zur schnellen Modernisierung der Türkei beitragen sollten.
Um diese Modernität zu erhalten, machte der 1938 verstorbene „Vater der Türken“ das Militär zum Hüter des Laizismus. In den folgenden Jahrzehnten war die Türkei eine Semi-Demokratie unter Militäraufsicht. Mit Westbindung in der NATO. Nach dem letzten Putsch vor rund 30 Jahren und der anschließenden Re-Demokratisierung, schien es so als ob die türkische Republik endlich die Kurve zur pluralistischen Demokratie „gekriegt“ hätte. Bis Erdogan als „gemäßigter“ Islamist kam. Wen hat Recep Erdogan in den letzten Jahren gezielt entmachtet? Genau, die Teile der Armee, die nicht nach Mekka wollen.
Wenn es jetzt heißt, die Türken hätten die Schnauze voll von seinem Gehabe und seinen Moralvorstellungen ist das leider nur die halbe Wahrheit. Die laizistisch-westlich orientierten Türken in Istanbul und den Touristenregionen haben die Schnauze voll. Ob auch die Landbevölkerung und die Menschen in der Osttürkei so denken, bleibt offen. Es ist nicht sicher, dass Erdogan am Ende ist.


