LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Warum es schwer ist, Leute in den Zirkus zu locken - und wie Artisten es trotzdem schaffen

Auf der Rue de Bouillon ist es nass und nebelig, ein geschäftiger Nachmittag zwischen beginnendem Berufsverkehr und festhängender Wintertrübheit. Aber nur ein paar Meter entfernt ist davon gar nichts zu spüren. Hier wabern zwar richtig dichte, aber künstliche Nebelschwaden, über ihnen leuchten vier große Scheinwerfer in fröhlichem Rot, Gelb, Grün oder Rosa. Über der Bühne zeigt eine Artistin fehlerlose Figuren in gut zehn Meter Höhe: Mal macht sie an ihrem schwingenden Netz einen Spagat, kurz drauf hängt sie mit nur einem Fuß daran und lässt sich schnell hin- und herschwingen. Über ihr spannt sich ein großes blaues Zelt, unter dessen Kuppel noch weitere Artisten des „Luxemburger Adventscirus“ ihre Kunststücke zeigen werden.

Unterhalten, ein harter Job

Die Anspannung und die Konzentration für die anspruchsvollen Nummern ist ihnen nicht anzusehen - aber nur ein lascher Handgriff oder unpräziser Tritt könnte den meisten Artisten - und obendrein ihren Partnern - einen bösen Sturz bescheren. Ein harter Job. Auch für Kevin Huesca, und dabei wird er nicht einmal halsbrecherische Nummern vollführen. „Das härteste an meiner Arbeit ist, die Leute mit einem neuen Programm zum Lachen zu bringen, sie haben alles schon irgendwo mal gesehen.“ Der 36-jährige Italiener ist seinem Großvater nachgefolgt und Zirkusclown geworden, im „Luxemburger Adventscircus“ führt er mit mehreren Nummern durch die Show. Und dafür greift der fröhliche Entertainer mit dem aufgemalten Musketierbärtchen und den mit Eyeliner umrahmten Augen tief in seine Trickkiste: Klassische Bauchredner-Nummer mit Puppen, gewagter Sketch mit Gästen aus dem Publikum oder selbstironischer Striptease. Huesca spannt den Bogen ziemlich weit, hält aber kurz vorm Kippen die Balance: Er macht nie Andere, sondern nur sich selbst zur Zielscheibe seiner Späße. Ob im Borat-Männerbikini oder als ausgerechnet der Tollpatsch, der eine kleine Menschenpyramide zum Einstürzen bringt. Und das kommt an, auch bei den ausgewählten Zuschauern, die auf der Bühne kleine Sketche mitmachen.

Die Schwierigkeit des einfachen Witzes

„Alles, was ich über Komik gelernt habe, habe ich von meinem Großvater“, erzählt Huesca. Als dieser den sechsjährigen Jungen mit in die Show nahm, wurde eine Weiche gestellt. „Ich folgte ihm überall hin, schminkte mich mit seinem Make-up und trug sein Kostüm“, erinnert sich der inzwischen erwachsene Zirkusclown. Heute hat er eigene Kostüme, Make-up und Requisiten. Und das Schminken für die Show braucht eine gute Stunde, die ehemals ungeübte Kinderhand ist längst perfekt trainiert. Von seinen Eltern, die im italienischen Medrano-Zirkus auftraten, lernte Huesca als Kind auch Jonglieren, Handstand und andere akrobatische Nummern, erst später wurde die Komik zu seinem Hauptberuf. Das war die alte Zirkusschule: „Heute spezialisieren sich Zirkusleute bereits am Anfang und machen nur das. Aber mir nützt es viel, dass ich alle Tricks gelernt habe“.

Mit dem Zirkus war Huesca schon in so ziemlich jedem Land in Europa, „außer Portugal, Portugal vielleicht nicht, aber mit Spanien war ich nah dran“, sagt er lachend und zählt weiter europäische Staaten auf, aber auch die USA und Israel. Obwohl überall das gleiche Zelt aufgebaut wird, überall die gleiche Show abziehen - das funktioniert aber nicht. „Wenn wir umherreisen, ist es unsere Herausforderung, die Leute überall zum Lachen zu bringen, aber der Humor ist verschieden.“ Der erfahrene Clown hat dank seiner Reisen in vielen Ländern Bekannte und Freunde, denen er seine Witze erzählt. Ringen sich die Freunde nur ein müdes Lächeln ab, wird an dem Witz gefeilt. In Skandinavien etwa ließ er seinen Dino in der Bauchredner-Nummer nur eine Plastikzigarette rauchen. Er wusste: „Auf gute Botschaften, ’Rauchen ist schlecht‘, wird da Wert gelegt“. In Deutschland und Spanien wiederum hatte sich das Publikum köstlich über den echt qualmenden Dino amüsiert. Doch eine Erfahrung ist in allen Ländern gleich: „Einen einfachen Witz zu finden, über den Kinder und Erwachsene lachen können, ist alles andere als einfach.“

Als Clown hält er sich an das, was er gelernt hat. „Ich habe das Glück, dass mein Großvater so viele Geschichten erzählt hat, das bringe ich zusammen und erneuere es.“ Am diesem Nachmittag schafft es Huesca, damit das Publikum zum Lachen zu bringen. Aber Ideen für neue Nummern bezieht der Clown nicht nur aus der Vergangenheit. Auch wenn er schon „sooooo lange“ dabei ist. An freien Tagen besucht er Theater, Kino oder andere Zirkuszelte. „Kopieren ist nicht, es geht ums Besserwerden. Wenn man denkt, man ist gut, dann ist das falsch.“

Denn hinter Glitzer und Reisen steckt viel Arbeit: Ein bis zwei Shows an Arbeitstagen, proben, jedes Mal Requisiten prüfen, pendeln zwischen Saison- und Monatsverträgen. Für Huesca, der mit Frau und Kindern nur einen Monat pro Jahr in ihrem Haus in Verona ist und sonst mit ihnen im Wohnwagen lebt, aber kein Nachteil. „Ich wurde da hineingeboren“, sagt er strahlend und seine gelegten Locken glänzen im Scheinwerferlicht.

Seine Kinder sollen später selbst entscheiden, ob sie im oder außerhalb des Zirkuszeltes arbeiten. Sollten sie sich für den Beruf der Familie entscheiden, steht für Huesca eines bereits fest: „Dann werde ich sie so unterrichten, wie meine Eltern mich unterrichtet haben.“ Das ganze Zirkushandwerk. Schließlich ist der Zirkus für Huesca kein altmodisches Vehikel, das bald eingemottet wird. „Den Zirkus wird es immer geben, weil diese Atmosphäre magisch ist.“ Dann wird er unruhig. Es ist Zeit für die Show, er zieht sein Kostüm an und legt los.

Auf den Rängen sitzen Eltern mit Kindern, von denen manche ein blinkendes Spielzeug schwenken. Ihr Staunen und Klatschen wechselt sich im bunten Licht fast sekündlich ab. Ohne auch nur einmal den Kopf zu wenden, verfolgen sie jede Bewegung auf der Bühne.

Vorstellungen nur noch diesen Freitag, 18.00; Samstag, 16.00 und 20.00; und Sonntag, 14.30 und 18.00. Mehr Details auf www.luxemburger-adventscircus.com