LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Die luxemburgische Literatur bahnt sich dank didaktischem Material ihren Weg in die Schulen

Etwa 100 Bücher werden jedes Jahr von luxemburgischen oder im Großherzog lebenden Autoren veröffentlicht. Dass wir tatsächlich über eine richtig lebendige Literaturszene verfügen, ist vielen überhaupt nicht bewusst. Auch in den Schulen, wo der Grundstein für ein späteres Interesse gelegt wird, steht die Literatur aus Luxemburg oftmals im Schatten der großen französischen, deutschen oder englischen Klassiker. Seit das „Centre national de littérature“ (CNL) in Zusammenarbeit mit dem SCRIPT Unterrichtsmappen veröffentlicht, um Lehrern die Arbeit mit Texten von luxemburgischen Autoren zu erleichtern, zeichnet sich ein langsamer Wandel ab. Eben ist die sechste Mappe mit Unterrichtsmaterial zu George Hausemers Reiseerzählung „Nepal. Zirkusluft, rätselhaft“ erschienen. Weitere befinden sich in Ausarbeitung. Wir haben uns mit der Deutschlehrerin Nathalie Jacoby unterhalten, die im CNL maßgeblich für die Zusammenstellung verantwortlich ist.

Die erste Unterrichtsmappe kam 2016 heraus. Wer war der Impulsgeber?

Nathalie Jacoby Das Projekt geht auf eine Idee des „Centre national de littérature“ zurück. Für mich hat sich die tolle Möglichkeit ergeben, hier eine Halbtagsstelle anzutreten, um diese Idee zu konkretisieren. Am Anfang haben wir das Ganze in Eigenregie und mit eigenem Budget gemacht. Nachdem wir das erste Dossier herausgegeben hatten, trat das SCRIPT an uns heran, um sich als Partner zu beteiligen, was seither natürlich nicht nur die Finanzierung, sondern auch die Verteilung erleichtert.

Das fehlende didaktische Material wurde immer als Grund dafür genannt, weshalb unsere Literatur nicht in der Schule behandelt wird. Warum hat es so lange auf sich warten lassen?

Jacoby Es ist ja nicht so, als hätte es vorher überhaupt nichts gegeben, immerhin konnte bereits auf die Anthologie „Literaresch Welten“ zurückgegriffen werden. Aus meiner eigenen Erfahrung als Sekundarlehrerin weiß ich aber, dass es aus Zeitmangel nicht einfach ist, selbst zusätzliche Recherchen anzustellen und einen Kurs rund um einen Text aufzubauen, wenn man das nötige didaktische Material nicht zur Verfügung hat. Es war uns deshalb im CNL wichtig, diese Arbeit etwas zu erleichtern, langsam aber sicher eine kleine Bibliothek aufzubauen und noch dazu Fortbildungen anzubieten.

Warum sollten denn Luxemburger Autoren Ihrer Ansicht nach unbedingt in den Schulen gelesen werden?

Jacoby Warum nicht? Das wäre die kürzeste Antwort in Form einer Gegenfrage. Wir lesen im Deutschunterricht Texte von Schweizer und österreichischen Autoren, teilweise noch dazu von Schriftstellern aus ganz anderen Kulturen, die auf Deutsch übersetzt wurden. Was wir aber nicht lesen, sind die Texte unserer eigenen Autoren. Ich rede von hochwertiger Literatur, die wir einfach nicht benutzen. Dafür gibt es eigentlich keinen gerechtfertigten Grund. Behandelt man Texte luxemburgischer Schriftsteller, hat dies viele schöne Begleiterscheinungen. Angefangen beim Identifikationspotenzial für unsere Schüler, teilweise geht es in diesen Texten um die luxemburgische Realität. Manchmal reicht ein geografisches Detail, damit sich die Schüler angesprochen fühlen. Die Begeisterung ist tatsächlich spürbar. Natürlich ist es vor allem wichtig, dass die Schüler wissen, dass es in Luxemburg eine literarische Szene gibt. Irgendwie entsteht doch oft der Eindruck - so war es auch bei mir, als ich jung war -, dass ein Autor entweder jemand ist, der sehr weit weg wohnt oder aber sehr tot ist.

Sechs Mappen gibt es nun schon. Ist das Interesse der Lehrerschaft gestiegen?

Jacoby Wir erwarten nicht, dass sich alles von heute auf morgen ändert, der Anfang ist aber gemacht. Unsere Weiterbildungsseminare, die sich spezifisch an die Lehrer richten, sind stets gut besucht. Die Resonanz ist sehr positiv, und die Texte kommen gut im Unterricht an.

Wie wurden die Autoren eigentlich ausgewählt?

Jacoby Es hat sich angeboten, mit der bereits existierenden Anthologie „Literaresch Welten“ zu arbeiten. Im ersten Dossier haben wir uns mit Guy Helmingers Text „Theater“ beschäftigt, der wirklich von hoher literarischer Qualität ist. Da wir also mit einem zeitgenössischen Schriftsteller angefangen hatten, fiel die Wahl für das nächste Dossier auf Joseph Funck und sein „Kleines Schicksal“ aus dem Jahr 1934. Zudem legen wir Wert auf Texte, die auf verschiedenen Klassenstufen funktionieren und wollen zudem zwischen französischen, deutschen oder auch englischen Texten abwechseln.

Nun läuft die Arbeit mit diesem Material dennoch auf freiwilliger Basis. Würden Sie sich eine Aufnahme der Autoren ins Pflichtprogramm wünschen? Wäre die Programmkommission gefordert?

Jacoby Die Arbeit, die die Programmkommission leistet, ist äußerst komplex. Was den Deutschunterricht anbelangt, so ist relativ wenig vorgeschrieben, dagegen werden viele Textvorschläge gemacht, darunter finden sich ebenfalls luxemburgische Autoren. Als Lehrer hat man demnach viele Freiheiten. Letztlich ist die Programmkommission aber auch an Bücher gebunden, die bei uns nun einmal aus deutschen Verlagen kommen. Vorschreiben, welche luxemburgischen Texte behandelt werden müssten, wäre schwierig, weil man sich ja trotzdem als Lehrer nicht unbedingt damit auskennt. Was wir jetzt machen, ist für mich der richtige Weg: Nicht vorschreiben, sondern, dadurch dass wir Material und Weiterbildungen bieten, Lust machen.

In einem rezenten Interview mit unserer Zeitung hatte es Claude Conter dennoch etwas deutlicher formuliert und sich in diesem Kontext mehr Mut von der Politik gewünscht…

Jacoby Nun ja, würde ich in einem Schlaraffenland leben, würde ich mir natürlich ein Schulbuch wünschen, in dem luxemburgische Texte gleichwertig neben anderen stehen. Da wären tatsächlich andere Akteure als die Programmkommission gefordert. Ob es finanziell tragbar wäre, solche Bücher auszuarbeiten und drucken zu lassen, ist eine Frage, die man nicht außer Acht lassen darf. Manch einer wird sich noch an den „Brunnen“ erinnern, in dem auch Literatur aus Luxemburg zu finden war, jedoch wenig aus dem späten 20. Jahrhundert. Dass nun vermehrt mit Büchern vom deutschen Markt gearbeitet wird, hat auch mit Flexibilität zu tun, weil man sehr schnell wechseln kann. Warum die Situation so ist, wie sie ist, kann man also letzten Endes nachvollziehen, auch wenn man sich definitiv etwas anderes wünschen darf. Momentan tut sich jedoch in vielen Bereichen etwas, an der Uni wird ebenfalls fantastische Arbeit geleistet und auch wenn es oft nur kleine Tropfen sind, sind sie viel wert.