LUXEMBURG
SVEN WOHL

Anouk Schreiner über Schreiben, Sprachen und Handwerk

Anouk Schreiner (19) hat den Preis im Literaturwettbewerb „Young Voices“ des Verlags Black Fountain Press in der Kategorie 16 bis 19 Jahre gewonnen. Wir suchten das Gespräch mit der jungen Schriftstellerin.

Wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Ich war als Kind schon ein ziemlicher Bücherwurm und ich erinnere mich nicht an eine Zeit, in der ich nicht geschrieben hätte. Lesen und Schreiben ging immer Hand in Hand. Der Text floss immer aus mir heraus und musste aufs Papier.

Unterscheidet sich das, was Du liest, von dem, was Du schreibst?

Als Kind habe ich gerne Kriminalromane gelesen. Dieses Jahr habe ich meine Première gemacht, da habe ich nicht mehr so viel Zeit zum Lesen gehabt. Ich lese gerne moderne Literatur und englische Klassiker. Das beeinflusst nicht so direkt die Art und Weise, wie ich schreibe, weil ich mich meistens an Gedichten versuche.

Der Text stellt also eine Ausnahme dar?

Definitiv. Ich schreibe eigentlich nie auf Englisch, weil mir das weniger liegt. Als ich den Wettbewerb entdeckte, dachte ich mir: Wieso nicht, kann ja nur schiefgehen.

Welche Erfahrung war es, auf Englisch zu schreiben?

Es war ziemlich anstrengend. Meistens schreibe ich auf Luxemburgisch oder auf Deutsch. Ich musste feststellen, dass mir häufig die richtigen Worte fehlten. Aber im vergangenen Jahr habe ich relativ viel auf Englisch geschrieben.

Was bedeutet dieser Preis für Dich?

Es hat mich ziemlich überrascht und ich bin glücklich darüber, dass ich ihn gewonnen habe. Es ist zum einen eine unglaubliche Ehre. Aber es ist auch ein sehr persönlicher Text und es war tröstend, dass das, was ich zu sagen hatte, nicht nur mir wichtig war.

Die anderen Texte, die Du schreibst, können andere die auch lesen oder behältst Du die eher für Dich?

Ich habe im vergangenen Jahr am Prix Laurence teilgenommen. Da schaffte ich es ins Finale und gewann den „Coup de Coeur“ der Jury. Das war das erste Mal, dass ich mich wirklich traute, mehr Menschen meine Texte lesen zu lassen. Meistens behalte ich die Texte für mich.

Willst du Gedichte über die sozialen Netzwerke verbreiten?

Ich gehöre ja eigentlich zu einer Generation, die alles auf die sozialen Netzwerke setzt. Mit dem Gedanken habe ich mehrmals gespielt, doch im Endeffekt war das zu viel Arbeit, auch weil man das ja alles aufbereiten muss. Gepaart mit dem schulischen Druck hatte ich dafür dieses Jahr definitiv keine Zeit mehr.

Du schreibst über Homophobie. Fußen die literarischen Gedankengänge auf eigenen Erfahrungen?

Der Text ist autobiographisch. Alles, was darin beschrieben wird, ist mir oder Menschen, die mir nahestehen, passiert. Einige Kontexte waren zu komplex, um sie zu Papier zu bringen und einiges musste geändert werden, damit sich manche Menschen nicht in den Texten wiedererkennen. Die Wut, die aus dem Text heraus spricht, ist definitiv meine eigene. Ich habe jahrelang Erfahrungen mit Homophobie gemacht, auch seitdem ich mich geoutet habe. Für mich ist es einfacher, all dies zu Papier zu bringen, als es direkt zu sagen. Denn danach ist man immer schlauer und es fallen einem stets die besseren Argumente ein. Das ist ein wenig meine Art und Weise, um das Erlebte zu verarbeiten.

Das scheint eine gewisse Resonanz erfahren zu haben.

Die Idee dahinter war auch, die Emotionen nicht groß aufzubereiten, sondern zu zeigen, wie ich das damals erlebt habe und was ich mir gewünscht habe, was ich geantwortet hätte. Es war mir wichtig, das den Lesern näher zu bringen. Viele können wahrscheinlich nachvollziehen, wie man sich in einem solchen Moment fühlt.

Das kontrastiert mit Luxemburgs Selbstinszenierung.

Das mag jetzt wie ein Klischee klingen, aber ich bin aus dem Ösling. Ich kann mir vorstellen, dass es in anderen Teilen des Landes noch leicht anders ist. Aber ich habe Erfahrungen in beide Richtungen gemacht. Viele Menschen zeigen eine große Akzeptanz, aber ich begegne eben auch dieser alltäglichen Homophobie, die oft sehr unterschwellig spielt. Ich befürchte, dass dies für viele Jugendliche Alltag ist, egal wo sie in Luxemburg leben.
Im Kontext von „Black Lives matter“ muss ich auch feststellen, dass viele meiner Freunde, die aus Familien mit Migrationshintergrund stammen, Erfahrungen mit Rassismus machen. Da sieht man auch oft, dass Luxemburg glaubt, tolerant und offen zu sein, aber bei vielen Menschen findet man dies versteckt wieder.

Was folgt jetzt auf den Preis für Dich?

Ich würde mich noch nicht als Schriftstellerin bezeichnen. Ich habe durch die beiden Preise einen ersten Einblick in diese Welt erhalten. Es handelt sich dabei definitiv um ein Handwerk, etwas was man trainieren und lernen muss. Für mich ist es aber schwierig, das zu trainieren, bei mir muss es gleich aufs Blatt. Ich weiß nicht, ob ich eine Zukunft als Schriftstellerin habe. Ich könnte mir aber vorstellen, nebenbei etwas zu schreiben und zu versuchen, es zu publizieren. Vor dem Wettbewerb hätte ich nicht den Mut gehabt, etwas fabrizieren zu können, das einmal gedruckt wird.