LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Erstes „Queer Little Lies Festival“ an diesem Wochenende in Esch/Alzette

Wann ist ein Mann ein Mann? Diese Frage hat schon Herbert Grönemeyer 1984 in einem seiner bekanntesten Hits beschäftigt. Altbackene, von Stereotypen geprägte Bilder von Mann und Frau halten sich bis heute. Dabei sollte normatives Schubladendenken längst der Vergangenheit angehören. Mit ihrem ersten „Queer Little Lies Festival“ will das Künstlerkollektiv „Independent Little Lies“ (ILL) die vermeintliche Selbstverständlichkeit über Geschlechter, Sexualität und Körper an diesem Wochenende in Frage stellen. Wir haben uns mit Projektträgerin Sandy Artuso über den Hintergrund und das Programm unterhalten.

Welche Idee steckt hinter diesem Festival?

Sandy Artuso Zum Thema „Queer“ wollte ich schon länger etwas machen. Bei ILL ist es so, dass jeder der Mitglieder Projektvorschläge einbringen kann, über die dann diskutiert und abgestimmt wird. Schließlich fiel die Entscheidung, ein ganzes Festival daraus zu machen. Langsam beginnt das Thema, auch hierzulande auf Interesse zu stoßen und im Kulturbereich aufgegriffen zu werden. Wir konnten uns also trauen, Überlegungen über Geschlecht, Sexualität und Körper künstlerisch anzupacken. Genau das ist die Idee.

Was ist überhaupt unter dem Begriff „Queer“ zu verstehen?

Artuso Zum einen wird „Queer“ häufig als Synonym für LGBTIQA benutzt, also sozusagen als Sammelbegriff für das ganze Regenbogenspektrum. Der Begriff hat seit den späten 80ern und Anfängen der 90er aber auch einen politischeren Hintergrund und wird dann benutzt, wenn es darum geht, ein Denken und ein Tun zu benennen, das sich mit Normen und Kategorien rund um Geschlechter, Sexualitäten und Körper auseinandersetzt, sie dekonstruiert und hinterfragt.

Welche Rolle spielt der Unterhaltungswert beim Festival? Oder geht es vielmehr um Aufklärung?

Artuso Es ist ein Bühnenkunstfestival, dementsprechend steht die artistische Auseinandersetzung mit diesen Thematiken im Vordergrund. Performances gehören ebenso dazu, wie eine Ausstellung, Filmvorführungen, zwei Workshops und ein Rundtischgespräch mit den involvierten Künstlern. Da Kunst immer unterhaltend ist, steht dieser Aspekt klar an erster Stelle. Die queere thematische Ausrichtung spielt natürlich ebenfalls eine wichtige Rolle, insofern, dass die Besucher etwas mit nach Hause nehmen sollen und das Ganze eben nicht nur als kurzes Unterhaltungserlebnis wahrnehmen.

Werden queere Themen bislang eher selten in Filmen, auf der Bühne und so weiter angepackt?

Artuso Ich würde sagen, es gibt eine Art Mainstream-Behandlung dieser Themen, in den Medien, in Filmen und Serien, wobei es dann tatsächlich eher um LGBTI-Sujets geht. Das ist selbstverständlich begrüßenswert. Ich stelle aber ebenso fest, dass in der Kunst tatsächlich zunehmend eine Infragestellung von Normen stattfindet, wenngleich vor allem in diesem gewissen Underground-Kosmos von Leuten, die sich ohnehin hauptberuflich mit diesen Thematiken beschäftigen, insbesondere in großen Städten wie Paris, Berlin oder Straßburg. Wir möchten nun dazu beitragen, dass auch Luxemburg auf diese Landkarte kommt.

Leben wir denn immer noch in einer derart normierten Gesellschaft?

Artuso Es hat sich sicherlich einiges getan. Trotzdem: Schaut man sich die Forderungen der Queer-Nation von Ende der 80er Jahre an und hält sich darüber hinaus vor Augen, welche Kämpfe teils heute noch geführt werden müssen, dann kann man wohl zu dem Schluss kommen, dass wir uns nach wie vor auf einem etwas wackligen, demokratischen Boden befinden. Und dann reden wir noch nicht einmal vom Alltag da draußen. Schwule oder lesbische Paare haben in Luxemburg mittlerweile bestimmte Rechte, die Situation von Trans- oder Intersex-Personen sieht aber etwas anders aus. Vielleicht bin ich zu kritisch, wenn ich sage, dass wir hier in Luxemburg in einer etwas verklemmten, fast schon urstereotypisierten Gesellschaft leben. Die Vorstellungen von dem, was eine Frau zu tun hat und welche Rolle ein Mann erfüllen muss, sind doch noch ziemlich tief verankert. Ein Wandel beginnt sich aber bei den jüngeren Generationen abzuzeichnen, das stimmt also wiederum optimistisch.

Und das Festival soll helfen, dieses Umdenken voranzutreiben?

Artuso Diese Hoffnung haben wir. Das Programm soll deshalb nicht nur ein Publikum anziehen, das sich sowieso für diese Themen interessiert, sondern wirklich jeden. Wenn es um Normen geht, um Körper, um Geschlechtsidentitäten und so weiter, betrifft dies schließlich jeden Menschen.

War es eigentlich schwer, dieses Programm auf die Beine zu stellen?

Artuso Für diese erste Auflage eigentlich nicht, die Kontakte waren schnell geknüpft, wobei ich erwartet hätte, mehr Luxemburger Künstler zu finden. Vielleicht gelingt uns dies bei der nächsten Auflage, es soll nämlich nicht bei diesem einen Mal bleiben. Wir könnten uns ein Festival im Zwei-Jahres-Rhythmus vorstellen, dann auch gerne noch etwas umfangreicher. Mit dem Escher Theater haben wir den idealen Veranstaltungsort gefunden. Mit noch mehr Inhalt wollten wir diese erste Auflage jedoch nicht bestücken. Vor allem wollten wir ein abwechslungsreiches Programm bieten. Und jetzt warten wir erst einmal ab, wie das Angebot wahrgenommen wird.

Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Vor den jetzt häufig genannten Begriffen wie Stereotypen, Heteronormativität, Geschlechteridentitäten und so weiter muss man aber keine Angst haben?

Artuso Auf keinen Fall. Kunst kann immer eine Vermittlerrolle leisten. Manches, was möglicherweise in der Theorie komplex und wenig zugänglich erscheint, kann gerade durch die Kunst greifbar gemacht werden und eben gleichzeitig unterhaltend sein.

„QUEER LITTLE LIES FESTIVAL“

Das Programm am Wochenende im Escher Theater

Freitag, 30. November

19.00 Vernissage der Ausstellung der Künstlerinnen Céline Le Gouail und Laura Pfeiffer (bis zum 16.12)

20.00 Filmnight with queer loox: Kurzfilm „Riot Not Diet“ und Spielfilm „Femme Brutal“

Samstag, 1. Dezember

11.00-15.00 Schreibatelier mit Dr. Iman Ludovic-Mohamed Zahed (Einschreibung: contact@ill.lu)

17.00 One-(Wo)man-Show „La Nature Contre-Nature“ mit Texten von Leonor Palmeira und Camille Pier

20.00 Performance „Wild Child“ mit Valérie Reding

Sonntag, 2. Dezember

11.00-15.00 Schreibatelier (zweiter Teil)

11.00-15.00 Drag King Workshop (Einschreibung: xxyz.luxembourg@gmail.com)

15.00 „Exposition narrative“: Vorstellung der Ergebnisse des Schreibworkshops

16.00 Rundtischgespräch: Wie können queere Themen in der Kunst verhandelt werden?

Alle Details unter www.ill.lu