SANKT GALLEN
CHRISTIAN SPIELMANN

Das Musical „Wüstenblume“ erzählt die Geschichte von Waris Dirie

Das Buch „Wüstenblume“ erschien 1998 und machte die ganze Welt auf schlimme Praktiken in verschiedenen afrikanischen Ländern aufmerksam: die Genitalbeschneidung junger Mädchen. Die Autorinnen waren Cathleen Miller und Waris Dirie. Im Buch wird die Geschichte von Waris erzählt, die wahrscheinlich 1965 in Somalia auf die Welt kam. Ihr Vorname bedeutet „Wüstenblume“. Als junges Mädchen wurde sie beschnitten und sollte einen alten Mann heiraten. Sie floh von zuhause und kam nach London, wo sie schließlich als Putzfrau in einem McDonald’s arbeitete. Hier wird sie von dem Modefotografen Terence Donovan entdeckt und wird zu einem gefragten Model. Die deutsche Regisseurin Sherry Hormann verfilmte das Buch 2009. Nun ist aus dem Buch ein Musical geworden, das am Samstag den 22. Februar im Theater Sankt Gallen Weltpremiere feierte. Die Musik stammt aus der Feder von Uwe Fahrenkrog-Petersen, der unter anderem den Hit „99 Luftballons“ für Nena komponierte. Gil Mehmert schrieb das Buch und führte Regie. Die echte Wadis Dirie war bei der Premiere anwesend und war am Schluss sehr berührt.

Ein schweres Los

Am Anfang des Musicals besucht die erwachsene Waris Dirie (Kerry Jean) in Begleitung eines Fernsehteams ihre alte Heimat in Somalia. Sie wartet auf ihre Mutter (Terja Diava), die sie seit ihrer Flucht nicht gesehen hat. In einer Rückblende wird ihre Geschichte erzählt. Waris (Naomi Simmonds) spielt unbeschwert mit ihren Freundinnen, als ihr Vater (Cedric Lee Bradley) ihr sagt, dass sie einen alten Mann heiraten muss. Sie will das nicht und flüchtet mit der Unterstützung ihrer Mutter. In Mogadischu lebt sie bei ihrer Schwester Aman (Lara de Toscano) und arbeitet auf dem Bau. Ihr Onkel Mohammed (auch Bradley), ein Diplomat in London, ist zu Besuch. Da er ein Dienstmädchen braucht, organisiert er Waris‘ Flug in die britische Hauptstadt, wo sie von ihrer Tante Maruim (auch Diava) in ihre Aufgaben eingeführt wird.

Ein weiterer Verwandter, Haji (David Rodríguez-Yanez), lebt auch im Haus des Diplomaten. Er lehrt Waris das Lesen und will mit ihr ins Bett, aus dem sie ihn entschlossen abwimmelt. Als Mohammed wieder nach Somalia versetzt wird, bleibt Wadis in London. Ein paar Jahre vergehen, und Kerry Jean spielt wieder Waris, die als Putzfrau in einem McDonald’s arbeitet. In einem Kaufhaus lernt sie Marilyn (Dionne Wudu) kennen, die sie mit in die YMCA nimmt. Ihrer neuen Freundin vertraut sie schließlich an, dass die beschnitten wurde. Ein Fotograf (Markus Schneider) wird auf sie aufmerksam. Marilyn drängt Waris, diesen aufzusuchen, und sie wird sofort engagiert. Schnell wird sie mit Hilfe ihrer Managerin Veronica (Susanna Panzner) ein Top-Model, das auf den Catwalks der Welt zuhause ist. Sie braucht einen Pass und geht dazu eine Scheinehe mit dem älteren Iren O’Sullivan (Jogi Kaiser) ein. Durch die Ereignisse in ihrer Jugend wird sie zu einer UN-Botschafterin ernannt. Im Schlusslied „Achttausend“ erzählt sie der Welt, dass täglich 8.000 Mädchen verstümmelt werden.

Wunderbare Lieder

Die wunderbar melodiöse Musik von Uwe Fahrenkrog-Petersen passt sich der Stimmung jeder Situation an. Viele Genres, von Rock- und Popmusik, bis hin zu afrikanischen Klängen, sind in den Liedern vereint, und Songs wie „Kamele“, „Wüstenblume“, „Weiß wird dein Gesicht“, „Sie hat den Look“ und „Achttausend“ werden sich im Ohr festsetzen.

Für das funktionelle Bühnenbild zeichnet sich der Tony-Award-Gewinner Christopher Barreca („Rocky“) verantwortlich. Oft stehen nur ein paar Requisiten auf der Bühne, und auf einen weißen Vorhang im Hintergrund werden Bilder projiziert. Dann werden Türen und Wände reingefahren und stellen das Fastfood-Restaurant oder das YMCA dar.

Eine ausgezeichnete Naomi Simmonds spielt und singt die junge Waris. Kerry Jean steht ihrer jungen Kollegin in nichts nach, und überzeugt als eine von einem harten Schicksal gezeichnete Frau, die mit viel Willen ihren Weg findet. Ihr emotionaler Höhepunkt ist die Rede vor den Vereinten Nationen. Ein weiteres gefühlbetontes Highlight ist der Auftritt von Jogi Kaiser, der mit „Robinson Crusoe“ die Einsamkeit von O’Sullivan beschreibt und somit Waris den Pass sichert.

Das absolut sehenswerte Musical „Wüstenblume“ erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die zudem ein Plädoyer gegen die Verstümmelung junger Mädchen ist und sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzt, die kein Spielball in der Männerwelt ist.

Weitere Informationen und Tickets findet man unter www.theatersg.ch