LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Neue Jazz-Platten von Rolf Kühn und Michael Wollny

Seit jeher gilt er als Geheimtipp der deutschen Jazzszene, der Klarinettist, Komponist und Bandleader Rolf Kühn. Der Allroundmusiker, der seit den 1950er Jahren international aktiv ist und die Jazzwelt immer wieder mit originellen und intelligenten Projekten versorgt, präsentiert mit seinem rezenten Opus „Echo“ erneut ein aufsehenerregendes Kleinod der Intimkunst des Kammerjazz.

Es gibt viele Spezialisten dieses im modernen Jazz eher rar eingesetzten Instruments: Die legendären Meister aus den Anfängerzeiten wie Johnny Dodds oder George Lewis, die berühmten Könige“ der glanzvollen Swingaera wie Bennie Goodman und Artie Shaw, der virtuose Pionnier der Be -Bopbewegung Buddy DeFranco oder der Cool-Jazzexperte Jimmy Giuffre und die Ferventen des Free Jazz, Perry Robinson oder John Carter. Es gibt aber nur einen Rolf Kühn, der Mann, der wie kein anderer die Klarinette auf internationalem Niveau von ihrer zeitweisen Nebenrolle im Jazz zu befreien vermochte.

Raffinierte Kabinettstückchen

Erfahrungen hat der mittlerweile 85jährige Musiker während seiner langjährigen Karriere in ziemlich allen Stilbereichen gesammelt. In Quartettbesetzung mit dem subtil aber knifflig, experimentell und selbstbewusst spielenden Gitarristen Ronny Graupe, dem hervorragenden Bassisten Johannes Fink, der mit seinem atemberaubenden Bogenspiel besticht und Christian Lillinger am Schlagzeug hat Kühn ein Hörerlebnis mit ungewohnten Klangbildern und neuen, gut durchdachten Strukturen geschaffen, „diesmal weniger skizziert und mehr aufgeschrieben“, wie er selber unterstrich, obwohl das Gesamtbild eine vorbildliche Demonstration des zeitgenössischen freien Gruppenspiels vermittelt.

Neben Kühns spielerischen und raffinierten Kabinettstücken sind auch Kompositionen der weiteren Mitglieder des Quartetts vertreten, die, jeder für sich mit solistischen, persönlich geprägten Leistungen überzeugen. Mit der wehmütigen Ballade „Goodbye“ von Leroy Jenkins verabschiedet sich Rolf Kühn im Duo mit sich selbst von seinem Freund und Mentor Buddy DeFranco, der im Januar dieses Jahres, während der Aufnahmesessions dieser Produktion, im Alter von 91 Jahren verstarb.

Kleinjuwelen

Etwas ganz Besonderes hat sich der Ausnahmepianist und Komponist Michael Wollny für seine letzte Produktion zurechtgelegt. Mit „Weltentraum“, erschienen auf dem Label „ACT“, verwirklicht der 36-Jährige mit seinem Trio eine Traumreise durch die vielfältigen Welten der Klangmalerei mit sämtlichen Finessen und Raffinessen, die man einem Gran Piano entlocken kann und einem selten so ausgeglichen gehörten Kollektiv. Mit fachkundlicher Sorgfalt ausgewählt, sind die verschiedenen Vorlagen aus gegensätzlichen Stilen und weit auseinander liegenden Epochen. Sie bestechen durch die malerischen Fragmente der Arrangements ebenso wie durch die fesselnde, permanente Spannung. . Auch bringt die vielseitige Produktion die unbekannten Eigenschaften des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche als Komponist mit zwei kurzen, von Wollny arrangierten, Fragmenten in Erinnerung. Wahre, rare Kleinjuwelen, die seit langem in Vergessenheit geraten waren.

Auch bei seinen Eigenkompositionen entpuppt Wollny sich vor allem als orchestraler Pianist und lyrischer Melancholiker, der eine beschwörend intime, behutsame Klangmalerei mit traumwandlerischer architektonischer Meisterleistung schafft.Hier liegt die Kraft in der Ruhe, das Aufregende findet sich in der Einfachheit und die intensiven, kompakten Kollagen, die zeitweise die geheimnisumwitterte Intensität legendärer Rockgiganten à la Pink Floyd oder King Crimson erreicht, bietet den unvergleichlichen Reiz einer verbotenen Einstiegsdroge.

Eine Musik, die nach mehrmaligem Hören süchtig machen kann.