LUXEMBURG
BODO BOST

Als einzige Verlierer des Ersten Weltkriegs verweigerten die Türken vor 100 Jahren dem ihnen oktroyierten Pariser Vorortvertrag von Sèvres die Anerkennung

Die Türkei hatte sich nur widerwillig und verspätet an der Seite Deutschlands und Österreichs in den 1. Weltkrieg hineinziehen lassen. Es hatte allerdings den Krieg genutzt, um mit den Massakern an 1,5 Millionen Armeniern ihr ältestes und größtes Nationalitätenproblem für alle Zeiten zu beheben. Dafür wollten die alliierten Kriegsgewinner die jungtürkische Machtclique am Bosporus um das Triumvirat, Enver, Talaat und Dschemal persönlich zur Rechenschaft ziehen. Als „einen Verbrecher, der auf seine Aburteilung wartet“, bezeichnete der britische Außenminister George Curzon am 4.  Juli 1919 das Osmanische Reich. Und Premier Lloyd George prognostizierte: „Wenn die Friedensbedingungen verkündet werden, wird man sehen, zu welch harten Strafen die Türken wegen ihrer Verrücktheit, ihrer Blindheit und ihrer Morde verurteilt werden“.

Den Kurden wurde ein eigener Staat in Ostanatolien in Aussicht gestellt

Zu diesem Zeitpunkt hatten die türkischen Kriegsverbrecher bereits ihr rettendes Exil zumeist in Deutschland erreicht, wo sie kein alliiertes Strafgericht erwartete, sondern nur die Rache armenischer Studenten der Aktion „Nemesis“. Wie die anderen Mittelmächte bekam auch das Osmanische Reich nach dem Ersten Weltkrieg von den siegreichen alliierten und assoziierten Mächten einen harten Frieden diktiert, aber nur einige Randgebiete des türkischen Siedlungsgebietes, darunter auch die Hauptstadt Konstantinopel, wurden von alliierten Soldaten besetzt. Kemal Pascha, der neue starke Mann der türkischen Armee, hatte sich schon 1919 ins unbesetzte  Zentralanatolien, nach Sivas abgesetzt, wo er seine anatolische Volksbewegung zur Rettung der Türkei um die neue Hauptstadt Ankara begann.
Der vor 100  Jahren, am 10.  August 1920, in Sèvres unterzeichnete fünfte und letzte der Pariser Vorortverträge reduzierte das Territorium des Osmanischen Reiches auf einen Bruchteil des eigentlichen türkischen Siedlungsgebietes, auch alle arabischen, griechischen und armenischen Siedlungsgebiete des einstigen Osmanischen Reiches gingen verloren. Syrien, Mesopotamien und Libyen sollten größtenteils an Großbritannien, Frankreich und Italien gehen. Ausgenommen hiervon waren Palästina, das die Juden bekommen sollten. Griechenland erhielt Ostthrakien zugesprochen und reichte fortan bis zu den Toren Konstantinopels. Darüber hinaus kam die von den Truppen Athens besetzte Hafenstadt Smyrna, das heutige Izmir, samt Umland formell unter griechische Verwaltung.
Den Kurden wurde ein eigener Staat in Ostanatolien in Aussicht gestellt, ein Gebiet allerdings, das teilweise auch die Armenier ebenfalls erhalten sollten. Des Weiteren enthielt der Vertrag Regelungen zum Schutz von Minderheiten, zur Verfolgung türkischer Kriegsverbrecher und der fast vollständigen Auflösung der Streitkräfte des Osmanischen Reiches sowie zur internationalen Kontrolle der Meerengen zwischen dem Schwarzen Meer und der Ägäis.

Erfolgreicher Widerstand gegen einen Diktatfrieden

Allerdings gab es, während in Sèvres verhandelt wurde, bereits zwei türkische Regierungen, von denen nur die des Sultans in Konstantinopel überhaupt vertreten war. Die Große Nationalversammlung in Ankara unter Kemal Pascha, die die Macht von Sultan Mehmed VI. infrage stellt, ratifizierte das Vertragswerk nicht.
Die Vertreter des Sultans, die dennoch das Vertragswerk unterzeichnet hatten, wurden neun Tage nach der Vertragsunterzeichnung von Ankara zu Vaterlandsverrätern erklärt. Die Türken waren damit die einzigen Kriegsverlierer, welche die Anerkennung des ihnen zugedachten Pariser Vorortvertrags verweigerten. Und sie kamen damit durch.
Der von Griechenland mit Einverständnis der Briten unternommene Versuch vom Brückenkopf Smyrna aus, weitere Teile der West-Türkei zu erobern, um die Türken doch noch zur Ratifikation des Vertrages von Sèvres zu zwingen, scheiterte 1921 militärisch vor der neuen türkischen Hauptstadt Ankara, wo Kemal Pascha zu Atatürk, zum Vater aller Türken, wurde. In Griechenland führte das militärische Fiasko zur Abdankung des griechischen Königs Konstantin I. und zur Hinrichtung von Ministerpräsident Dimitrios Gounaris wegen Hochverrates.

Krieg anstatt Frieden

Anstatt Frieden brachte der Friedensvertrag von Sèvres gleich wieder Krieg, zunächst gegen die Armenier, die gerade einen Völkermord durch die Türken überlebt hatten. Bereits am 24. September 1920 kapitulierte die armenische Armee. Im Vertrag von Alexandropol vom 2. Dezember 1920 verzichtete Armenien bereits nach wenigen Monaten auf die im Vertrag von Sèvres zugesicherten Gebiete in Ostanatolien, wo nach dem Völkermord auch fast keine Armenier mehr lebten. Der Griechisch-Türkische Krieg wurde erst 1922 mit einer vernichtenden Niederlage der Griechen und mit dem Brand und der Zerstörung der einst stolzen griechisch/armenischen Metrople Smyrna in einem Blutbad beendet. Die Türken vermochten auch, die französische Besetzung Kilikiens zu beenden, wo eigentlich rund um den Musa Dagh ein zweiter armenischer Staat, Kleinarmenien, entstehen sollte. Dieses Gebiet wurde am 20. Oktober 1921 in Ankara an Kemal Pascha übergeben.  
 Großbritannien und Frankreich sahen dem Scheitern und der Vertreibung der Griechen und Armenier aus ihren jahrhundertealten Siedlungsgebieten praktisch tatenlos zu. Aus Kriegsgewinnern waren in Kleinasien, vier Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, bereits wieder Verlierer geworden.
Der russische Bürgerkrieg und der Polnisch-Sowjetische Krieg waren den europäischen Siegermächten viel näher. Adolf Hitler, der sich in München gerade anschickte,  gegen den „Diktatfrieden“ von Versailles seine politische Revisions-Bewegung zu gründen, hatte der heldenhafte Kampf der Türken gegen ihre Besatzer sehr imponiert. Bereits 1923 gaben die Sieger des Ersten Weltkrieges den Versuch auf, auf der türkischen Anerkennung der Bestimmungen des Friedens von Sèvres zu bestehen. Im  Vertrag von Lausanne vom 24.  Juli 1923 wurde Sèvres  revidiert.
In Lausanne erhielt die Türkei Ostanatolien, Kilikien und Ostthrakien zugesprochen. Die Rechte der Armenier und Kurden auf einen eigenen Staat wurden nicht mehr anerkannt. In Lausanne wurde der sogenannte Türkische Befreiungskrieg beendet, die Türkei erhielt ihre heutigen Grenzen.
Der vor dem 1. Weltkrieg angebliche „kranke Mann am Bosporus“ konnte sein heutiges Territorium gegen den Widerstand der europäischen Kriegsgewinner erstreiten. Die Türken unter Atatürk, hatten anders als die unter dem Sultan keine Minderwertigkeitsgefühle mehr gegenüber dem Westen. Eine Kriegsschuld oder gar eine Verantwortung für den Völkermord an den Armeniern hat die Türkei, anders als der Osmanische Sultan, dessen Macht 1923 endete, bis heute nicht zugegeben. Von einem kurdischen Staat auf seinem Territorium oder am Rande will sie auch heute nichts wissen.  •