LUXEMBURG
MARC SCHOENTGEN

Der 27. Januar ist internationaler Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Fast unbeachtet bleibt, dass dieser Tag auch einen erklärt präventiven Gedanken hat: Er soll sensibilisieren und somit dazu beitragen, dass sich Genozide wie die Shoah nicht wiederholen, wie Marc Schoentgen, Direktor des Zentrum fir politesch Bildung (ZpB) erklärt:

„In Sinne der Sensibilisierung scheint Luxemburg fast wie ein Vorbild. Das Land hat über das Jahr eine Abfolge von Gedenktagen, nicht selten mit Gedenk- und Erinnerungsorten verbunden. Hier sei als Beispiel die seit 50 Jahren stattfindende Erinnerungsfeier in Fünfbrunnen genannt, die mahnend den dort internierten und von dort aus deportierten jüdischen Bürgern und Bürgerinnen gedenkt.  Mehr als sieben Jahrzehnte nach der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers von Auschwitz hat sich hierzulande die Zahl der Erinnerungsakteure, Denkmäler und Gedenkveranstaltungen geradezu multipliziert. Man könnte gar von einer ‚conjoncture mémorielle‘ sprechen, die nur mühevoll die Konflikte überdeckt, die seit der Nachkriegszeit mehr oder weniger offen zwischen den einzelnen Opfergruppen existieren. Die ‚guerre des mémoires‘ beschäftigt heute mehr die Generationen, die nach 1945 geboren sind, als die schrumpfende Gruppe der Zeitzeugen. Und es gibt mit der Schaffung des genannten ‚Comité pour la Mémoire‘ und eines ‚Service de la Mémoire‘ die Fortsetzung einer offiziellen, staatlich geförderten Erinnerungspolitik.

Dass nicht alle Opfer gleich sind, zeigt das Beispiel der Shoah: Die Dimension eines systematisch geplanten, industriell durchgeführten und grenzüberschreitenden Völkermords ist einzigartig in der Geschichte. Deshalb ist die Schaffung einer ‚Fondation luxembourgeoise pour la Mémoire de la Shoah‘ im vergangenen Jahr im Prinzip aus historischer Sicht richtig und mehr als eine politische Geste. Die Herausforderung im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts liegt nicht in der Organisation von Gedenkfeiern, deren Sinnhaftigkeit, Wichtigkeit und Legitimität ich nicht in Frage stellen will. Vielmehr geht es heute darum, sich der pädagogischen Herausforderungen anzunehmen, die durch zeitliche Distanz zwischen den Generationen des 21. Jahrhunderts und der Epoche des Zweiten Weltkriegs entstanden sind. Wegen ihrer Herkunft oder ihres Alters fehlt einem Teil der Menschen in diesem Land jeder persönliche Bezug zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Über das Erinnern hinaus stehen nun Bildungsinstitutionen in der Pflicht, diese Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Der Ausdruck: ‚Lernen aus der Geschichte‘ klingt vielleicht abgenutzt, hat aber durchaus seinen Sinn. Wer sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt, wer Fragen zulässt, die Widersprüche in Interpretation und Erinnerung aufwerfen, und letztlich von der Perspektive eines Volkes der Opfer wegkommt, kann die Gegenwart besser verstehen.

Die Bezüge zwischen dem Historischen und dem Gegenwärtigen lassen sich leicht herstellen: Geschichte von Flucht und Verfolgung, Missachtung der grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte, Rassismus und Diskriminierung, Krieg und Mord an Unschuldigen, Diktaturerfahrungen, Versagen von Eliten, das Spannungsfeld von Macht und Ohnmacht, die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen usw. sind auch Gegenwartserfahrungen, die Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mitbringen beziehungsweise Situationen, die von vielen erlebt werden, sei es durch persönliche Erfahrung oder sei es auch nur durch die Medien.

Was wir brauchen: Eine effiziente, nachhaltige Gedenkarbeit. Dies ist Aufgabe, Verantwortung und Herausforderung aller Akteure, die sich heute in Luxemburg auf dem Terrain der ‚Mémoire‘ bewegen, staatliche, private und zivilgesellschaftliche. Dazu müssen entsprechende Bildungsangebote geschaffen werden, die historisch und pädagogisch an das 21. Jahrhundert anknüpfen und an die spezifische Situation Luxemburgs angepasst sind. Dazu gehört auch der kritische Umgang mit der Luxemburger Vergangenheit und mit der Erinnerungskultur der vergangenen Jahrzehnte. Dies ist letztlich auch eine Aufgabe der politischen Bildung in Luxemburg.“