LUXEMBURG/ SANKT GALLEN
CORDELIA CHATON

Von einem US-Möbelhersteller, der den Chinesen den Krieg erklärte - und gewann

John D. Bassett III wird diesen Tag nie vergessen. Er war müde und angespannt. Zu Hause in Virginia warteten 700 Arbeiter in seinen Möbelwerken, die um ihren Job fürchteten. Denn die Globalisierung hatte die US-Möbelindustrie Ende 2000 voll erwischt. Also war Bassett III in die Höhle des Löwen gereist: Nach China. Immerhin hatte er ein Erbe zu verteidigen; ein Familienunternehmen.

Im Reich der Mitte, drei Stunden von Peking und eine Stunde von der nordkoreanischen Grenze entfernt, empfing ihn der Chef eines chinesischen Konzerns, der aus sechs riesigen Fabriken bestand. „Die rund hundert Millionen Dollar dafür kamen von der chinesischen Regierung“, erinnert sich Bassett III mit einer Mischung aus Wut und Ungläubigkeit. „Warum verkaufst Du so billig?“, fragte der US-Hersteller seinen chinesischen Konkurrenten. „Wir zahlen, bis wir euch aus dem Geschäft haben. Dann gehört uns alles“, antwortete der Chinese mit einem Lächeln. „Verkaufst Du mir Möbel?“, wollte Bassett III wissen. „Wie viele Flugzeuge hast Du?“, gab sein Gesprächspartner zurück. „Drei“, antwortete Bassett III. „Dann schließe Deine Fabriken und entlasse alle“, riet ihm der Chinese. Bassett III dachte: Wenn mein Großvater das hören könnte…“ Er verabschiedete sich. Auf dem Rückweg nach Virginia sagte er zu seiner Frau Patricia, die bis heute an seiner Seite ist: „Bereite Dich vor. Wir werden in den Krieg ziehen.“

Kinofilm mit Tom Hanks in der Hauptrolle

Was der heute 78-Jährige, immer noch sehr lebendige und unterhaltsame weißhaarige Herr erzählt, ist ein Stück Wirtschaftsgeschichte. Es geht um Welthandel, um Dumping, um Familienehre und die Würde einfacher Arbeiter. Es ist eine spannende Geschichte, so spannend, dass sie bereits als Buch erschien, das ein begeisterter Tom Hanks kommendes Jahr verfilmen will. „Können Sie sich das vorstellen? Hanks wird mich spielen“, grinst der Spross der Möbeldynastie zufrieden. Die Zuhörer, handverlesen und vorangemeldete Teilnehmer des Symposiums Sankt Gallen, hängen an seinen Lippen.

Der Unternehmer aus Überzeugung wuchs mit Sägemehl auf. Sein Großvater hatte das Unternehmen Bassett mit Möbeln im Landhaus-Stil gegründet. Zwar übernahm der Enkel es nicht, heiratete aber eine Frau des Vaughan-Clans, der ebenfalls Möbel herstellte. So wurde er 70 Meilen weiter in Galax Chef von Bassett-Vaughan.

Nach rund zwanzig Jahren an der Spitze des Betriebs brach die chinesische Konkurrenz über die USA herein. Fünf von sechs Möbelunternehmen in Galax schlossen. Auch bei den Vaughan-Bassett-Werken lief es schlecht. Aber John D. Bassett III war aus hartem Holz geschnitzt. Er hielt es mit General George Patton: Im Zweifel angreifen. Nach seiner China-Reise holte Bassett III die Keule raus. In Form von Paragraphen.

75.000 Dollar gab Bassett III aus, um zu wissen, was genau Dumping ist. Dann war ihm klar, dass er klagen musste - gegen China. „Wir hatten ein Branchentreffen der US-Möbelindustrie. Als ich sagte, was los war, war der Saal geteilt. Die eine Hälfte, die der Wall Street gehörte, wollte schließen. Aber ich sagte, wir können etwas tun, wir machen eine Koalition gegen Dumping. Die kleinen, traditionellen Hersteller standen hinter mir“, versichert er.

Größte Anti-Dumping-Klage gegen China

Auf der Webseite der World Trade Organisation steht, wer welche Anträge eingereicht hat. „Indien 310, China 149 und die USA 130. Das Land mit dem größten Schutzbedürfnis hatte am wenigsten gestellt“, erinnert er sich. Diese Anträge, erklärt Bassett, sind die Grundlage für Klagen - und für Forderungen. Basset selbst reichte die größte Antidumping-Klage gegen China ein, die es bislang gab. Er kämpfte für seine Ehre, für seinen Job, für sein Land.

Seine stärkste Motivation aber waren seine Leute. „Wissen Sie“, sagt er mit schlitzohrigem Blick, „ich komme aus einer Gegend mit kleinen Gemeinden, viel Holz und guten Arbeitern, hervorragenden Arbeitern. Unsere Frauen treffen sich im Supermarkt. Das ist nicht wie bei Wall Street. So einen Betrieb schließen sie nicht einfach.“ Auf der Webseite seines Unternehmens zeigt er seine Mitarbeiter. Es erinnert ein bisschen Whiskey-Reklame: Ein durch Staubpartikel gebrochenes Sonnenlicht fällt auf ganz normale Menschen abseits der Photoshop-Schönheit, die in Zeitlupe Holz fräsen, schleifen oder drechseln.

Sie mussten zwölf lange Jahre auf den Sieg warten. „Wir verloren 40 Prozent unseres Umsatzes. Die Leute mussten Rückschläge beim Gehalt hinnehmen“, erinnert er sich. Wie er das denn durchbekommen hätte, will eine Teilnehmerin wissen. „Ich habe ihnen gesagt: Ich kürze mein Gehalt auf null. Aber wenn wir wieder Geld verdienen, bekomme ich alle ausstehenden Löhne zurück. Und ihr auch“, grinst Bassett III. Das hat er gehalten. Und noch etwas sei wichtig: „Leadership. Ich war von 7 bis 19 Uhr da, bei ihnen. Ich war ansprechbar und habe nie Lügen erzählt. Das habe ich bei der Armee gelernt. Und wir haben neue Maschinen gekauft und die Produkte in den Markt gepusht.“

Nach zwölf Jahren endlich der Durchbruch

Am 25. Januar 2012 stand er vor seinen 700 Mitarbeitern und verkündete, er würde acht Millionen Dollar investieren, um die geschlossene Fabrik nebenan zu kaufen. Das Geld hatte er durch den gewonnen Antidumping-Prozess.

Was damals China war, ist heute Malaysia oder Vietnam. Aber Bassett hat seinen Markt und setzt auf Buy American. „Made in America and stayed in America“, verkündet er stolz auf seiner Webseite. „Ich achte auf persönliche Beziehungen und zahle pünktlich. Dann sind die Preise besser.“ Der Mann mit Virginia in den Adern kennt seinen Vorteil: „Wir liefern innerhalb von sieben Tagen 85 Prozent unserer Ware in die gesamten USA aus. Bei den Asiaten dauert das bis zu sechs Monaten!“

Die Dinge ändern sich in den USA, glaubt der Unternehmer. „Die Leute schauen sich nicht nur die Preise an.“ Nach über 50 Jahren im Unternehmen und dem Buch hat Bassett III sich zurückgezogen. Seine zwei Söhne übernehmen das Geschäft. Er geht in dem Gefühl, ein gutes Unternehmen zu verlassen. „Wir sind der einzige Möbelfabrikant der Welt, der für jeden gefällten Baum einen neuen pflanzt. Und wir machen Gewinn.“ Seine Söhne sind froh, dass er geht, glaubt Bassett III. „MBAs wollen immer auf alles eine Antwort. Aber Geschäft ist Risiko“, zwinkert er.

Zum Abschluss überreicht er seine Visitenkarte. Ganz unten hat er die alte Mail sauber überklebt. Man sieht es, weil die Visitenkarte cremefarben ist und der Papierstreifen mit der neuen Mail weiss. Die alten Karten wegzuwerfen wäre John D. Bassett III nie in den Sinn gekommen.