DANIELLE WILHELMY

Kindeserziehung ist kein leichtes Ding. Umso schwieriger wird es, wenn man vor eine Wahl gestellt wird, die man eigentlich nicht treffen kann oder will.

„Als Mutter zweier Kleinkinder empfinde ich die aktuelle Richtung der Familien- und Bildungspolitik als sehr bedenklich, sogar beängstigend. Noch vor der Geburt unseres ersten Kindes haben wir uns bewusst dafür entschieden, unsere Kinder nicht in eine Kindertagesstätte zu geben, sondern sie zuhause selbst oder durch Familienmitglieder zu betreuen. Wir haben das große Glück, dass Großeltern und Großtante sich darauf eingelassen haben. Dass diese Form der Kleinkinderziehung ein besonderes Privileg und keinesfalls mehr üblich ist, wird uns förmlich jeden Tag vor Augen geführt.

Bekümmerte Eltern von Hortkindern machen sich Sorgen, dass unsere Kinder nicht ausgelastet genug sein oder nur schwer Beziehungen zu Gleichaltrigen aufbauen könnten. Es folgen Tipps zur Freizeitgestaltung, Berichte über die tollen Ausflüge und Aktivitäten der Kinderhorte und schließlich Einladungen zu Schnuppertagen in Tagesstätten. Hinzu kommt nun auch noch der steigende politische Druck, denn es scheint, als ob auch die Familien- und Bildungsminister die Kinder in Tagesstätten und nicht mehr zuhause sehen möchten.

Anfangs begrüßten auch wir die neue Richtung der Familien- und Bildungspolitik. Alle Kinder sollten die gleichen Chancen erhalten, alle Kinder seien gleich wert. Diese Prämisse sollte jedoch schnell einen faden Beigeschmack erhalten, denn sie schließt die Eltern mehr und mehr aus der Erziehung aus. Der Staat erhebt sich schrittweise zur Übermutter, während die Eltern auf den simplen Status steuerzahlender Erwerbskräfte herabgestuft werden.

Jedes Argument scheint recht, beide Elternteile so früh wie möglich wieder in die Berufswelt einzugliedern. Sei es die Bewahrung der Unabhängigkeit der Frau, die hohe Scheidungsrate oder kostenlose Sachleistungen und frühkindliche Mehrsprachigkeitsförderung in den Kindertagesstätten um spätere Sprachdefizite in der Schule zu mindern.

Genau diese frühkindliche Mehrsprachigkeitsförderung oder viel mehr das darauf basierende weiterführende Sprachprogramm in Précoce und Vorschule empfinde ich als sehr bedenklich, denn sie erlaubt zwei sehr beunruhigende Konsequenzen.

Eine erste Konsequenz wäre eine gesetzlich verankerte Diskriminierung jener Kinder, die zuhause betreut werden. Da das obligatorische Schulprogramm an die fakultative Mehrsprachigkeitsförderung der Kindertagesstätten angepasst wird, sind zuhause betreute Kleinkinder von beginnender Schulpflicht an klar im Nachteil. Hier ist ein brillanter Schachzug gelungen, da die Verantwortung für spätere sprachliche Defizite dieser Kinder den Eltern zugeschrieben werden kann. Es drängt sich mir hierbei nun die Frage auf, ob hier bewusst an das Gewissen der Eltern appelliert wird, damit sie ihre Kinder zu deren angeblichem Vorteil in die Kinderhorte einschreiben.

Die zweite logische Konsequenz wäre die Einführung einer Kindertagesstättenpflicht. Um allen Kindern die gleichen Anfangschancen zu ermöglichen, müssten sie alle im gleichen Alter gleich gefördert werden. De facto bietet sich hierzu nur der verpflichtende Besuch eines Kinderhortes. Spätestens an diesem Punkt drängen sich aber Gedanken verstaatlichter, gleichschaltender Kindererziehung auf, in der das persönliche Wohlergehen der Kinder und Eltern nur zweitrangig ist.“