LUXEMBURG/TRIER
JAN SÖFJER

142 Ausbildungsberufe gibt es in Luxemburg, für die es im Land keine Berufsschulklassen gibt - Wer Glück hat, muss nur bis Trier fahren

Linda Mayer ging immer schon gerne an Flüssen spazieren. Das Geräusch des Wassers beruhigt sie. Dass Wasser aber auch eine andere, zerstörerische Seite haben kann, sah sie bei ihren Hochwasser-Einsätzen bei der freiwilligen Feuerwehr. Auch das hat ihr Interesse geweckt. Schon im „Brevet de technicien supérieur“ (BTS) in analytischer Chemie nach dem Abitur wurde ihr klar, dass sie gerne beruflich etwas mit Wasser zu tun hätte.

Die heute 24-Jährige aus Mertzig fragte beim Wasserwirtschaftsamt in Esch-Alzette nach, ob sie dort eine Ausbildung zur Fachkraft für Wasserwirtschaft machen könnte. Dort zeigten sie sich interessiert, allerdings hatte noch niemand in Luxemburg diese Ausbildung gemacht und es gab in Esch keinen Ausbilder. Also schloss sich das Wasserwirtschaftsamt mit dem Bildungsministerium kurz und ließ eine Angestellte zur Ausbilderin fortbilden. Das dauerte alles ein halbes Jahr. Doch damit noch nicht genug. „Niemand hatte eine Idee wegen der Berufsschule“, sagt Mayer. Es gab und gibt so eine Berufsschulklasse in Luxemburg schlicht nicht. Das ist keine Ausnahme.

Zum einen gibt es die „Formations qui ne sont pas offertes au Luxembourg mais en apprentissage transfrontalier“. „Dabei handelt es sich um traditionelle luxemburgische Ausbildungsberufe, für die es aufgrund zu geringer Lehrlingszahlen keine Berufsschule (mehr) in Luxemburg gibt“, sagt Silke Brüggebors von der Pressestelle der „Agence pour le développement de l’emploi“ (Adem). Darunter fallen Berufe wie Schuhmacher, Brauer, Rolladen- und Jalousienbauer, Buchdrucker, Fotograf oder Winzer.

83 grenüberschreitende Ausbildungsverhältnisse im vergangenen Jahr

37 Berufe listet die Adem auf. Dazu kommen die „Formations qui sont uniquement offertes en apprentissage transfrontalier.“ 105 Lehrberufe listet die Adem hier auf. „Dabei handelt es sich um Ausbildungsberufe, die es in dieser Form in Luxemburg nicht gibt, die aber auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Dazu gehören etwa die Berufe Binnenschiffer, Elektroniker für Betriebstechnik oder Hotelfachmann. Aber auch Bankkaufmann. Die Berufsschule ist entweder in Frankreich (für die BAC und BTS-Berufe) oder in Deutschland“, sagt Brüggebors. Die praktische Ausbildung findet in beiden Fällen bei einem Lehrbetrieb in Luxemburg statt. In 2018 wurden laut Adem 83 grenzüberschreitende Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen.

Yannik Meyer (17) aus Schweich hat die Berufsschule vor der Haustür in Trier. Meyer macht in Wasserbillig bei der Firma Navitrans eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement.

Dort kümmert er sich etwa um Ablage, Buchhaltung, Rechnungen und Reisekosten. Navitrans betreut vor allem für die deutsche Reederei Deymann Frachtschiffe und koordiniert die Zuteilung der Schiffsmannschaften, Reparaturen und technisches Equipment. 230 Schiffscrewmitglieder aus 14 Nationen beschäftigt Navitrans beziehungsweise die Schwesterfirma Navilux, die sich um Tankschiffe kümmert. 31 Schiffe sind im Einsatz - vor allem auf dem Rhein, aber auch auf der Mosel. In Wasserbillig arbeiten sieben Leute, plus Meyer.

Jede Woche donnerstags und alle zwei Wochen montags fährt er zur Berufsschule nach Trier. „In meiner Klasse bin ich der einzige, der in Luxemburg lernt“, sagt Meyer. „Er ist unser erster Auszubildender“, sagt Ausbilderin Manuela Wolsfeld. Meyer schätzt seine grenzüberschreitende Ausbildung. „In der Schule lerne ich, wie der Beruf in Deutschland aussieht und hier in Luxemburg wie die Voraussetzungen in Luxemburg sind. Dinge wie Krankenkasse, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge werden in Luxemburg anders gehandhabt.“

Lehrjahre in Gelsenkirchen

Linda Mayer hat schließlich selber eine Berufsschule gefunden. In Gelsenkirchen. Mit fünf Berufsschülern aus ganz Deutschland lernt sie dort. Dieses Schuljahr ist sie vier Mal dort, jedes Mal für drei bis vier Wochen. Sie kann dort übernachten und es gibt Verpflegung. Sie ist die erste und einzige aus Luxemburg. Dort und in Esch lernt sie die naturnahe Gestaltung von Gewässern, Hochwasserschutz, Kanalplanung, das Erstellen von Gefahrenkarten und Statistiken, wie man eine Baustelle absichert oder wie man den ökologischen Zustand von Gewässern ermittelt.

„Im Winter fahren wir bei Hochwasser die Flüsse ab und dokumentieren, bis wohin das Wasser geht.“ Oder kürzlich ist nach dem Großbrand bei Euro-Composites in Echternach Löschwasser in die Sauer gelangt. „Darum kümmern wir uns“, sagt Mayer. „Wir nehmen Proben und analysieren sie im Labor.“

Mayer ist im dritten Lehrjahr. Im kommenden Jahr ist sie mit der Ausbildung fertig. Die erste ihrer Art in Luxemburg. Sie würde gerne beim Wasserwirtschaftsamt in Esch bleiben. Aber so eine Stelle muss vom Ministerium genehmigt werden. Ansonsten muss sie wieder über die Grenzen hinaus schauen.