LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Das Anouar Brahem Quartet mit „The Astounding Eyes Of Rita“ in der Philharmonie

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen auf natürliche und weniger gängige Mittel zurückgreifen um ihre Sehnsucht nach Ausgeglichenheit und innerer Ruhe zu befriedigen, hat die Musik mit orientalischem Charakter absoluten Vorrang. Die Rolle dieser Musik in Entspannungstherapien wird immer präsenter, wobei die Qualität und Aussagekraft der oft dazu benutzten sogenannten Weltmusik in den meisten Fällen äußerst fraglich ist.

Anouar Brahem möchte mit alldem nichts zu tun haben und seine Musik nicht etikettiert sehen. „Wenn meine Musik als Jazz katalogisiert wird, erstaunt das mich zwar, aber es stört mich nicht“, oder „Worldmusic ist eine Kategorie, die jeglicher Seriosität entbehrt und überhaupt nichts aussagt“ sind nur einige der oft zitierten Aussagen des Echo-Jazzpreisträgers.

Erstaunliche Intensität

Nach einer kurzen Einstimmungs- und Aufwärmungsphase mit verklärten Bassklängen, einem Duo von Bassklarinette und Oud offenbarte sich während 100 Minuten mit „The Astounding Eyes Of Rita“, die makellose Demonstration einer Reise durch die faszinierenden Klangwelten der orientalischen Musik. Brahem hat das Quartettwerk, inspiriert von einem leidenschaftlichen Liebesgedicht des palästinensischen Lyrikers Mahmoud Darwisch, komponiert.

Die schwer einzuordnende Musik, deren höchstes Ziel es ist, die Harmonie einer friedlichen Welt in Szene zu setzen und die zeitweise nur von den feinen Nuancen in Melodie und Rythmus zu leben scheint, vermochte trotz der manchmal düsteren und aufwühlenden Momente, eine behagliche und versöhnliche Stimmung vermitteln.

Die ungezwungene Kombination von Kommunikation und Synchronität des Ensembles vermochten in ihrer erstaunlichen Intensität ein solch fesselndes, spannendes Ambiente zu schaffen, das an magisch-meditativer Wirkung kaum zu überbieten ist.

Bedingt durch die Kombination von, hauptsächlich dem tieferen Bereich der Klangskala zuzuordneten, Instrumenten, wirkte das Bild der märchenhaft schönen Klanggebilde manchmal etwas bedrohlich, was aber im nächsten Moment durch den lyrischen, melodiösen Aufbau der klaren Strukturen der Kompositionen des Leaders kompensiert wurde. E-Bass, Bassklarinette und die eher dem Baritonbereich der Saiteninstrumente zugehörige Oud (eine persische Kurzhalslaute) sind eben Klangkörper, die eher in den tieferen, klanglichen Lagen agieren und somit automatisch den Eindruck des Geimnisvollen und Melancholischen entstehen lassen.

Grenzenlose Klangräume

Aber besonders die anspornenden, manchmal sakralen, hymnischen Phrasen des delikaten Bassklarinettisten Klaus Gesing im Wechsel mit den klaren, offenen Melodiefragmenten Brahems konnten eine konstante Wellnessstimmung aufrechterhalten.

Überhaupt waren neben dem libanesischen Perkussionisten Khaled Yassine, der mit Brahem für den orientalischen Charme der meditativen Intimität des Teams sorgte, die beiden Europäer ausschlaggebend für die Frische und die Offenheit dieser klanglichen Reise in andere Kulturen, die unsern Ohren teilweise fremd sind.

Björn Meyer am E-Bass sorgte mit rockig groovenden Funkphrasen für das Bodenständige dieser offenen Musik, bei der im Grunde das Wichtigste ist, die Kunst des Einfachen ohne solistische Extravaganzen in grenzenlosen Klangräumen wiederzugeben. Trotzdem könnte man, da Rabou Abou-Khalil gelegentlich der John McLaughlin der Oud genannt wird, Brahem als Santana dieses Instruments bezeichnen. Schade, dass der Begriff Weltmusik so auf den Hund gekommen ist, sonst könnte man das am Freitag gebotene Programm als Paradebeispiel dieser Gattung küren.