SIMONE MOLITOR

Barrierenreicher Weg zur inklusiven Schule

Die Beschulung von Kindern, die als besonders förderungsbedürftig gelten, ist keineswegs eine Herausforderung, die erst in den vergangenen Jahren als solche wahrgenommen wurde. Wurde die Energie aber im 20. Jahrhundert eher darauf verwendet, Sonderschulen für Kinder mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung aufzubauen, so steht seit mehreren Jahren die Inklusion in den Regelschulbetrieb im Vordergrund. Eine „Schule für alle“ soll entstehen. Die Umsetzung dieses Ideals schreitet langsam voran. Zu langsam, wie viele befinden. Dass aber zumindest der systematischen Ausgrenzung Einhalt geboten wurde, darf als positive Entwicklung gewertet werden. Laut dem „Bildungsbericht Luxemburg 2015“ wurden bereits im Jahr 1948 in einem ministeriellen Rundschreiben erste Überlegungen zur Unterstützung von Kindern mit Lernproblemen innerhalb der Regelschule thematisiert. 1959 wurde erstmals eine Spezialklasse für Betroffene eingerichtet. In den darauffolgenden Jahren entstand eine Vielzahl von Sonder- und Spezialklassen. 1968 öffnete das „Centre de Logopédie“ seine Türen für Schüler mit Hör- und Sprachbehinderungen.

Erst im Jahr 1973 wurde die Schulpflicht indes ausdrücklich auf Kinder mit Behinderungen ausgedehnt und demnach eine langjährige Diskriminierung aus der Welt geschafft. Gleichzeitig wurden intensivere Bestrebungen unternommen, die schulische Integration von Kindern mit einer Beeinträchtigung voranzutreiben und damit Antworten beziehungsweise Alternativen zu segregierenden Einrichtungen zu bieten. Die Einführung der Förderschulen (Education Différenciée, kurz Ediff) in den 1970er Jahren war für betroffene Eltern wohl eine Erleichterung, eine Integration in die reguläre Primärschule damals aber noch kein richtiges Thema. Zum einen fehlte es an ausgebildetem und außerdem bereitwilligem Lehrpersonal, zum anderen wurde die Sprachenvielfalt im luxemburgischen Schulsystem als zu großes Hindernis eingestuft. Mit dem Integrationsgesetz von 1994 wurde der Weg zur Inklusion schließlich (zumindest) geebnet.

Mittlerweile gibt es in vielen Schulen gute Beispiele von gelungener Inklusion. Die Verpflichtungen, die Luxemburg 2011 mit der Ratifizierung der UN-Konvention eingegangen ist - die Grundschule muss zu einer inklusiven Schule werden -, konnten aber noch nicht erfüllt werden. Auch im Bildungsbericht 2015 fällt die Bilanz ernüchternd aus: „Wirft man einen zusammenfassenden Blick auf die sonderpädagogische Förderung und schulische Integration in Luxemburg, so lässt sich eine grundlegende Veränderung nach Inkraftsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention noch nicht erkennen.“ Das spiegelt sich letztlich auch in den Statistiken des Bildungsministeriums wider. 835 Schüler, darunter 275 Mädchen und 560 Jungen, besuchten im Schuljahr 2013/14 eine Ediff-Klasse. Die Anzahl der Schüler ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen. Auf der anderen Seite - und das ist etwas erfreulicher - ist aber die Zahl der Kinder, die im Rahmen eines besonderen Förderungsbedarfs außerhalb des Landes unterrichtet werden, seit 2008 kontinuierlich gesunken. Die Anzahl der Schüler mit offiziellem Förderbedarf, die in Regelschulen - demnach die Grundschule - integriert sind, schwankt dagegen von Jahr zu Jahr.

„(...) keine bedeutsame Zunahme des Prozentsatzes der Schüler mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf, die in der Regelschule unterrichtet werden, wie dies eigentlich zu erwarten wäre“, wird im erwähnten Bildungsbericht festgestellt. Noch befinden sich zu viele Barrieren auf dem Weg zur inklusiven Schule. Auflisten kann man eine ungenügende Ausbildung der Lehrer in diese Richtung, unzureichend funktionierende „équipes multiprofessionnelles“ und die Tatsache, dass die maximale Verweildauer im Grundschulsystem (Zyklus 2 bis 4) auf acht Jahre begrenzt ist. Inklusion bleibt eine Baustelle. Zumindest wird aber daran gearbeitet.