LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Laut Tierrechtlerin Nadine Sulzenbacher haben die Jäger das natürliche Gleichgewicht zerstört

Beim Thema Jagd scheiden sich die Geister. Derweil viele sie als notwendige Angelegenheit sehen, sind andere strikt dagegen. Beide Parteien nennen Argumente, die sie als hieb- und stichfest bezeichnen. Wem soll man als Laie Glauben schenken? Tierrechtlerin und ALPA-Sprecherin Nadine Sulzenbacher listet im „Journal“-Interview Gründe gegen die Jagd auf, die zu denken geben.

Warum ist Jagd Ihrer Meinung nach überflüssig?

Nadine Sulzenbacher Jagd gibt es unter der jetzigen Form eigentlich erst seit 80 oder 100 Jahren. In dieser Zeit ist sie nicht ohne Auswirkungen auf die Natur geblieben, und zwar im negativen Sinne. Die Zahlen des Schwarz- und Rotwilds sind in erschreckendem Ausmaß in die Höhe geschnellt. Daneben sind eine ganze Reihe an Arten verdrängt worden, andere wurden wiederum eingeführt, obwohl sie in unseren Wäldern nicht heimisch sind. Soweit der ökologische Ist-Zustand. Die Jagd gehört abgeschafft, weil sich die Wildbestände - je nachdem wie viel Platz und Nahrungsmittel die Tiere zur Verfügung haben - immer gesund selbst regulieren, ohne dass der Mensch eingreifen müsste. Genetisch schwächere Tiere sterben, sodass der Bestand zahlenmäßig in Grenzen gehalten wird.

Die Jäger behaupten das genaue Gegenteil, dass sich Bestände demnach längst nicht mehr selbst regulieren…

Sulzenbacher Die Jäger haben dieses Märchen beziehungsweise Mythos weltweit verbreitet, sich selbst so verkauft, als würden sie eine eminent wichtige Rolle in einer von ihnen falsch dargelegten Regulierung einnehmen. Das Gegenteil ist der Fall. Beispiel Wildschwein: Dadurch, dass die Jäger mehrmals im Jahr eine Treibjagd veranstalten, wird die Leitbache, also das weibliche Alphatier, getötet. Durch den Jagddruck, den die anderen weiblichen Tiere der Rotte empfinden, werden weit mehr Frischlinge geboren und auch öfter, als das sonst üblich wäre. Deshalb sind die Wildscheinbestände inzwischen zu hoch. Sie werden regelrecht hochgeschossen. Das Gleiche gilt für den Fuchs. Geraten die Fähen unter Jagddruck bekommen sie öfter Junge. Das Problem ist also hausgemacht. Die Jäger sind die Urheber. Wir fordern, dass endlich reiner Tisch gemacht wird. Es muss Schluss damit sein, irgendwelche Mythen zu verbreiten und den Leuten Angst zu machen, ganz nach dem Motto: „Wenn wir nicht jagen, habt ihr die Wildschweine morgen in eurem Garten“.

Woher soll man wissen, wem man glauben kann?

Sulzenbacher Es gibt Studien, die genau das belegen: Wird nicht mehr eingegriffen, regulieren sich die Bestände wieder selbst. Das wurde beispielsweise während einer Feldstudie in einem Gebiet in Italien, das Gran Paradiso heißt, deutlich. Wir reden hier von einer Fläche, die ungefähr die gleiche Größe hat wie Luxemburg und auch sonst von der Aufteilung her ganz ähnlich ist. Sämtliche Bestände haben sich dort von selbst gesund reguliert. Mittlerweile gibt es andere Gebiete, zum Beispiel der Kanton Genf, wo genau das auch nachgewiesen wurde. Die Tiere, die gezwungen wurden, nachtaktiv zu werden, obwohl sie das vor dem Jagdstress nie waren, werden jetzt wieder tagaktiv und sind nicht mehr menschenscheu. Sie haben ein Verhalten und eine Gesundheit entwickelt, die in gewisser Weise wieder natürlich sind. Die Tiere in unseren heimischen Wäldern sind dagegen lebenslange Flüchtlinge; sie laufen weg, sobald ein Mensch in ihre Nähe kommt und leben nachts.

Es fehlt also an der nötigen Aufklärung?

Sulzenbacher Ja! Ich wiederhole: Erst durch die Jagd kam es zu den ganzen Problemen. Ich kann ein anderes Beispiel nennen: Das Reh ist absolut kein Waldbewohner, sondern ein Waldrand- und Wiesenbewohner. Es ist also kein Tier, das Schaden durch Verbiss an den Bäumen anrichten würde, weil es eigentlich von seinem Naturell her auf den Wiesen grasen würde. Durch die Jagd werden die Rehe aber immer tiefer in die Wälder getrieben, wo sie dann natürlich an Baumrinden nagen. Wieder einmal sind die Jäger die Urheber, dennoch werden die Tiere als Schuldige an den Pranger gestellt, und sie sind es, die es dann wiederum zu bekämpfen gilt. An sich ist das pervers: Das Opfer wird zum Täter gemacht. Zugegebenermaßen hat man es als Laie schwer. Auch wenn man Jagd ethisch bedenklich findet, schenkt man der Fachsimpelei der Jäger Glauben und denkt, es müsse nun mal sein. Das stimmt nicht, es muss absolut nicht sein, ganz im Gegenteil. Wir fordern, dass diese Studien, die hieb- und stichfest sind, auch hierzulande berücksichtigt werden. Die Selbstregulierung würde funktionieren, wenn man die Jagd einstellen würde. Außerdem muss mit der Kirrung aufgehört werden.

Durch dieses Eingreifen überleben auch die Schwächsten, die den Winter ansonsten nicht überstehen würden. So hat es die Natur immerhin vorgesehen.

Jagd muss folglich nicht sein, auf der anderen Seite besteht wiederum eine große Nachfrage nach Wildfleisch. Man kann schlecht die ganze Gesellschaft zwingen, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren…

Sulzenbacher Das liegt auch nicht in unserer Absicht, wir sind keine Lobbyisten und „zwingen“ nicht. In Luxemburg haben wir ohnehin einen enorm hohen Fleischkonsum, müssen wir also tatsächlich auch noch in den Wald gehen und aus Konsumgründen dort alles niederschießen? Davon abgesehen, werden Tausende Füchse getötet, die nicht auf dem Teller sondern im Abfall landen. Jäger stellen sich gerne als naturnahe Nahrungslieferanten dar. Man darf aber nicht vergessen, dass die Tiere selten mit einem einzigen Schuss getötet, sondern häufig angeschossen oder regelrecht zerschossen werden. Ein solcher Spaß beziehungsweise Sport hat in einem 21. Jahrhundert nichts mehr verloren. Es ist kein Spaß, es ist ein einziges Gemetzel. Wir möchten niemanden dazu zwingen oder davon überzeugen, sich vegan zu ernähren. Davon möchte ich mich ganz klar distanzieren. Uns geht es vielmehr darum, aufzuklären. Der aufgeklärte Mensch weiß, wie er zu handeln hat. Daran glaube ich. Und wir sehen, dass die Menschen langsam erwachen.