LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

17.000 Kilometer hat Weltumradler Yannis Bastian bereits zurückgelegt, 18.000 noch vor sich

Als Yannis Bastian im September 2014 in Luxemburg auf sein vollbepacktes Fahrrad stieg, hatte er sich eigentlich einen Zeitrahmen von 18 Monaten für seine Weltreise gesetzt. Seine Pläne haben sich offenbar geändert. Den meisten „Journal“-Lesern dürfte der 31-Jährige inzwischen bekannt sein, lässt er uns doch in ebenso spannenden wie emotionsgeladenen Reiseberichten regelmäßig an seinem Abenteuer teilhaben. Wir haben mit dem Aussteiger auf Zeit telefoniert und erfahren, dass er mittlerweile 17.000 Kilometer zurückgelegt und sein 19. Land mit dem Fahrrad erobert hat: Neuseeland.

18 Monate sind verstrichen, die Rückreise scheint sich wohl zu verzögern?

Yannis Bastian Anderthalb Jahre waren der ursprüngliche Plan. Als ich losgefahren bin, hatte ich eine luxemburgische Partnerin. Die Beziehung ging leider in die Brüche. So traurig ich auch war und so hart es auch klingen mag, so hatte es doch etwas Positives: Ich stand nicht mehr unter Zeitdruck, niemand wartete zuhause auf mich, ich konnte mich voll und ganz auf die Reise einlassen. Bis dahin war ich immer noch mit einem Bein in Luxemburg. Seither lasse ich mir mehr Zeit und habe die Strecke etwas erweitert. Eigentlich wollte ich mir überhaupt kein Zeitlimit mehr setzen. Vor kurzem hat mir mein Bruder aber von seinen Heiratsplänen erzählt und gesagt, ich soll doch bitte bis April 2017 zurück sein. Es wird eng. Nach Neuseeland steht nun Kanada auf dem Programm, von wo aus ich bis an die Südspitze Südamerikas fahren will. Das sind weitere 18.000 Kilometer. Ich muss also Gas geben.

Heimweh hast Du nicht?

Bastian Natürlich gibt es Momente, wo ich denke, es wäre schön bei der Familie und den Freunden zu sein, besonders an Weihnachten oder Silvester. Es ist aber nun nicht so schlimm, dass ich unbedingt schnellstmöglich zurückkehren wollte. Einsam bin ich nicht, man lernt unterwegs doch sehr viele Menschen kennen, auch wenn daraus nie richtig tiefe Freundschaften entstehen. Manchmal vermisse ich es, einfach in ein Geschäft zu gehen und ganz normale, bekannte Lebensmittel zu kaufen. Die ländertypischen Essgewohnheiten sind aber natürlich Teil des Abenteuers. Es fällt mir im Allgemeinen nicht schwer, mich anzupassen

Hat Dich die Reise persönlich verändert?

Bastian Sie hat tatsächlich manches in mir bewirkt. Tief beeindruckt hat mich die Gastfreundschaft in Südostasien. Ich habe so viele freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen, auch in Australien und Neuseeland. Dabei wurde mir bewusst, dass ich das in Luxemburg nicht in gleicher Weise war. Ich bin offener geworden. Wenn ich dann auf der anderen Seite von der ganzen Flüchtlingsproblematik in Europa höre und sehe, wie verschlossen die Europäer sind, dann schmerzt das, gerade weil ich in vielen Teilen dieser Welt das komplette Gegenteil erlebe. Außerdem bin ich gelassener geworden. Würde ich bei jedem kleinen Problem - und es gab einige - gleich ausflippen, hätte ich schon lange aufgegeben. Ich habe erkannt, dass das ganze Leben wie eine Radtour ist, mit Höhen und Tiefen: Zwischendurch ist es immer mal wieder anstrengend, besonders bei den Anstiegen, und dann kommt stets die Belohnung für die Mühe, wenn du nach dem Anstieg nämlich die herrliche Aussicht genießen und dich nachher bei der Abfahrt treiben lassen kannst. Manchmal muss man auf die Zähne beißen, ohne allzu viel zu jammern, weil immer wieder eine positive Wendung kommt. Das habe ich definitiv gelernt.

Wo hat es Dir bisher am besten gefallen?

Bastian So leicht lässt sich das nicht beantworte. Landschaftlich gefällt mir Neuseeland sehr gut. Es gibt Strände, Berge, Schnee, Flüsse… Von den Einwohnern her haben mich Laos und Kambodscha sehr beeindruckt. Sie waren nicht nur unglaublich freundlich, sondern auch bereit, alles zu teilen, obwohl sie selbst nicht viel haben. Generell gesehen mochte ich aber auch Europa sehr, besonders Länder wie Bulgarien, Rumänien oder die Türkei. Allerdings frage ich mich manchmal, ob das möglicherweise auch daran liegt, dass es der Anfang meiner Reise war; alles war neu, unbekannt und spannend. Vielleicht habe ich es deshalb so intensiv erlebt. Oder waren es doch die Länder an sich? Das kann ich heute überhaupt nicht mehr mit Sicherheit sagen. Wahrscheinlich ist es ohnehin leichter, Orte zu nennen, die mir weniger gefallen haben. (lacht)

Zum Beispiel? Gibt es ein Land, das Du nicht noch einmal bereisen würdest?

Bastian Nie wieder bereisen oder nicht noch einmal mit dem Fahrrad zurückkehren? Das ist wohl ein Unterschied. Indien würde ich wahrscheinlich noch eine Chance als Rucksacktourist geben, aber nicht mehr als Radfahrer. Ich weiß, dass ich nach meinem Aufenthalt gesagt habe, es wäre die bis dahin schlimmste Etappe gewesen. Inzwischen habe ich noch andere Länder gesehen und Sachen erlebt. Australien beispielsweise war äußerst anstrengend. Vielleicht hatte ich diese Strecke aber auch einfach nicht gut genug geplant, was dazu führte, dass ich ständig, also fast 4.000 Kilometer lang, im Gegenwind fahren musste. Es war noch dazu sehr heiß, überall entlang der Straße lagen tote Tiere, Mücken machten mir das Leben schwer, und es gab einfach absolut nichts zu sehen. Überall flache Landschaften, ewig lange gerade Straßen, zehn Stunden am Tag, zwei Monate lang, mit Gegenwind, mit üblem Geruch in der Nase.... Es machte einfach keinen Spaß.

Hast Du Dein Abenteuer dann doch manchmal bereut?

Bastian Es gibt immer wieder solche Momente, sie sind aber von sehr kurzer Dauer. Allerdings muss ich zugeben, dass ich doch sehr viel unterwegs fluche und mich oft frage, warum ich mir das antue. Aber wie gesagt, diese negativen Gedanken verfliegen stets schnell. Rückblickend freue ich mich über jede Erfahrung, auch wenn sie mir in dem Augenblick noch so schlimm vorkam. Am Ende bin ich glücklich, dass ich es geschafft habe. In den Kardamombergen in Kambodscha habe ich auch während fünf Tagen von morgens bis abends nonstop geflucht und mir mehr als einmal gewünscht, ein Ufo würde vor meinen Augen landen und mich mitnehmen. Da hatte ich wirklich überhaupt keine Lust mehr. Lasse ich solche Tage später noch einmal Revue passieren, ändert sich die Sichtweise. An dem Spruch, „Was Dich nicht umbringt, macht Dich stärker“, ist definitiv was dran. Das kann ich bestätigen.

Hattest Du denn damit gerechnet, dass es stellenweise so hart sein würde?

Bastian Ich glaube, die wirklich richtig anstrengenden Etappen kommen erst noch. Bislang musste ich lediglich drei größere Berganstiege bewältigen. Richtig hart wird es jetzt in Amerika, etwa in den Anden. Dann kommen noch zwei oder drei Wüstenetappen. Kalte Regentage werden auch noch auf mich zukommen. Wie auch immer, nein, einfacher habe ich es mir nicht vorgestellt. Ich war mir bewusst, worauf ich mich einlasse. Im Endeffekt kann meiner Meinung nach jeder eine solche Weltreise machen. Wer weniger fit ist, fährt eben nur 50 statt 100 Kilometer am Tag und braucht dann halt länger. Man muss einfach an sich glauben. Die Kilometer, die ich zurücklege, sind mittlerweile sowieso nicht mehr wichtig. Es ist nur eine Zahl.

Wo siehst Du Dich eigentlich in ein paar Jahren?

Bastian Gute Frage. Mir kommen zwischendurch immer wieder Ideen. Auswandern ist eine davon, jedoch denke ich, dass ich nach meiner Rückkehr erstmal einer ganz normalen Arbeit nachgehe und Geld verdiene. Reisen werde ich selbstverständlich zwischendurch auch. Ach ja, und ein Buch über meine Erlebnisse schreiben.

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