PATRICK WELTER

Ich kann es nicht mehr hören. Es ist kaum noch zu ertragen, wie die publizistische Linke das Griechenlanddebakel umdeutet. Schuld sind nicht Mangel an administrativer Infrastruktur, die Ausbeutermentalität rechter und linker Seilschaften, oder Jahrzehnte statistischer Tricksereien. Schuld sind Banken, Brüssel und Berlin. Dass die ratlose Bevölkerung eine links-rechts Koalition von politischen Traumtänzern, mit zwei Hütchenspielern an der Spitze, gewählt hat, ist ja zu verstehen. In der Not glaubt man eben den allerschönsten Versprechen. Hätte diese Regierung eine wirkliche sozialistische Politik betrieben, den Kapitalverkehr beschränkt und die Luxusyachten in den Häfen beschlagnahmt, hätte man ihr - selbst als Liberaler - einen gewissen Respekt gezollt. Was kam aber von den Wunderheilern? Nur ein fröhliches „Weiter so“ .

Unfassbar ist allerdings, dass die Herren Tsipras und Varoufakis von einigen Medien als Helden der Demokratie und Kämpfer gegen die verbrecherische Austerität und die Krake des Neoliberalismus gefeiert werden. Was für ein Quatsch. Der Beißreflex gegen Brüssel, IWF und Weltbank war vielleicht an der Uni „en vogue.“ Auch für Medienmenschen gilt das Shaw-Zitat: „Wer mit 17 nicht Kommunist war, hat kein Herz. Wer es mit 40 noch ist, keinen Verstand“.

Auch die Sache mit der Austerität ist nicht zu begreifen. Wenn luxemburgische Sekundar-Lehrer, deren Gehalt an der absoluten Weltspitze der Pädagogen liegt, eine Stunde mehr Arbeiten sollen, heult die Linke auf und schreit „Austerität“. Am Rande: Gegenüber der Situation von Rentnern auf dem Peleponnes ist dieses Verhalten beschämend. Gerade in Luxemburg, wo sich alle so gut in der übersättigten Gesellschaft eingerichtet haben, im Besonderen die Gewerkschaften, ist das Wort von der Austerität völliger Quatsch. Übrigens kommt „Austerität“ aus dem Griechischen und bedeutet in erster Linie mal „Strenge“. Das passt natürlich prima zur Interpretation der hellenischen Katastrophe als verkappter Feldzug Berlins. Der strenge deutsche Finanzminister kommt für die Linke nicht im Rollstuhl, sondern im Panzer daher. Liebe Leute, besorgt Euch erst mal neue Klischees! Deutschland hat mehr Erfahrungen mit Staatsbankrotten als Griechenland. Die Hyperinflation, die alle Barvermögen vernichtet, gehört jenseits der Mosel zu den nationalen Traumata.

Die schönste aller Wirtschaftstheorien stammt von John Maynard Keynes. Sie macht nicht alle arm, wie die Ideen des alten Kalle Mar, sondern setzt auf einen Staat, der sich antizyklisch verhält und in Krisenzeiten Geld ausgibt, um die Wirtschaft zu stärken. In Zeiten der Hochkonjunktur soll er sich dann das Geld von den Bürgern zurückholen. Prima Theorie.

Über Jahrzehnte haben Europas Regierungen immer nur den ersten Teil erfüllt - Geld ausgegeben. Als einige Politiker, darunter Sozialdemokraten wie Gerhard Schröder, endlich begriffen hatten, dass es auch noch die zweite Hälfte der Theorie gab, war das Geschrei bei der Linken groß. Für notwendige Ausgabenkürzungen und den Schluss mit dem ewigen „deficit spending“, erfand man dann das Wort von der angeblichen „Austerität“. Liebe Linke, auch wenn man es ständig wiederholt, wird aus Quatsch nicht die reine Wahrheit.