LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Was machen die Lockdown-Maßnahmen mit dem Wohlbefinden? Die Uni Luxemburg hat eine originelle Studie in mehreren Ländern durchgeführt

Dass die sanitäre Covid-19-Krise mit ihren Zwängen und Unsicherheiten die Psyche der Bevölkerung schwer belastet, liegt auf der Hand. Doch wie reagieren die Menschen genau auf diesen außergewöhnlichen Stress? Wissenschaftler beginnen das nun zu erforschen. So hat ein Team der Uni Luxemburg unter Leitung von Prof. Dr. Claus Vögele – Professor für Gesundheitspsychologie – und Prof. Dr. Conchita d’Ambrosio – Professorin für Wirtschaftswissenschaften – die umfangreiche Studie COME-HERE in sechs Ländern – Luxemburg, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Schweden - gestartet, um die Auswirkungen der meist drastischen Lockdown-Maßnahmen auf das Wohlbefinden der Menschen zu untersuchen. Die Resultate der ersten Befragung liegen nun vor.
„Die Veränderungen, durch die wir gegangen sind, waren so drastisch, intensiv und plötzlich, dass sie früher oder später Auswirkungen auf unsere psychische Gesundheit haben müssen“, erklärt Conchita d’Ambrosio, „mit dieser Studie wollen wir besser verstehen, was die Individuen charakterisiert, die ihr Leben besser managen in der derzeitigen Situation“. „Dieses Forschungsprojekt wird uns helfen, die Effekte der verschiedenen Lockdown-Maßnahmen zu vergleichen, was uns erlauben wird, die psychologischen Mechanismen besser zu verstehen, die mit nachteiligen Ereignissen verbunden sind, aber auch die Entwicklung von Präventionsstrategien für künftige ähnliche Situationen zu entwickeln“, erklärt Claus Vögele, der auch Mitglied der vom Premierminister geschaffenen Ad-hoc-Gruppe zur Begleitung der im Kampf gegen Covid-19 beschlossenen Maßnahmen ist. Die ersten Umfrageresultate wurden zwischenzeitlich auch den zuständigen Stellen in der Regierung zugestellt. 

Weitere Umfragewellen

Rund 200 Fragen – über die eigene Person und ihr Umfeld, über Covid-19-Tests und Sorgen, über Schlaf und Müdigkeit, über Vertrauen und Depression…. - wurden den Teilnehmern um den 1. Mai herum online gestellt, die außerhalb Luxemburgs von dem  Marktforschungsunternehmen Qualtrics ausgewählt wurden. Für Luxemburg hat die Uni die Umfrage selbst  durchgeführt, nachdem sie Teilnehmer per Aufruf gesucht hatte.
Die Resultate für Luxemburg müsse man mit Umsicht lesen, sagt Claus Vögele, hätten sich doch überdurchschnittlich viele Damen mit einem höheren Bildungshintergrund gemeldet. Rund 1.000 Personen nahmen hierzulande an der Umfrage teil. Insgesamt umfasst das Datenset dieser Studie, die weltweit wegen ihrer länderübergreifenden Herangehensweise einzigartig ist, rund 7.400 Fragebögen. Ziel ist nun, das Befinden der Teilnehmer über eine längere Zeit zu verfolgen, eine zweite Befragung ist gerade abgeschlossen worden, eine dritte läuft Ende Juni an. „Wir hoffen, dass wir im November noch einmal nachlegen können“, sagt Conchita d’Ambrosio, die darauf hinweist, dass die Bedingungen der Lockdowns in den verschiedenen Ländern unterschiedlich waren. „Die Auswirkungen kommen in verschiedenen Geschwindigkeiten“, sagt sie. 
Während in Italien und Spanien relativ früh drastische Maßnahmen getroffen wurden, hat Schweden nie ein Lockdown beschlossen.

Unterschiedliche Sorgen

Die Sorgen der Umfrageteilnehmer sind auch unterschiedlich gelagert. Während die Leute sich durch die Bank Sorgen um ihre Finanzen, ihre künftigen Pläne, Ansteckung mit Covid-19 und einen schweren Verlauf davon sorgen, sind in Luxemburg die Sorgen um die Finanzen weniger stark ausgeprägt, während die Schweden relativ unbesorgt sind über eine Ansteckung mit dem Erreger, Spanier und Italiener dafür umso mehr.

Nachfolgend einige weitere Erkenntnisse:

• In Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien berichteten 15 bis 20 Prozent der Umfrageteilnehmer über einen Rückgang ihrer Arbeitszeit. In Luxemburg waren es um die neun Prozent.
• 13 Prozent der Umfrageteilnehmer aus Italien berichteten von weniger Einkommen. Bei den Deutschen und Spaniern waren es neun Prozent, bei den Luxemburgern vier Prozent.
• In Frankreich, Italien und Spanien erfuhren zwischen 13 und 24 Prozent der Befragten schwere Einbrüche beim Einkommen ihres Haushalts. Neun Prozent der Italiener und Spanier berichten vom Verlust ihres Jobs.
• Vier bis acht Prozent der Teilnehmer gaben an, mehr Medikamente oder höhere Dosen von Medikamenten während des Lockdowns zu sich genommen zu haben. In Luxemburg und Deutschland waren es vier Prozent, in Italien und Spanien acht Prozent.
• Luxemburg ist das Land, in dem die Teilnehmer das größte Vertrauen darin haben, dass Regierung und Gesundheitswesen die Pandemie zu meistern vermögen.
• Während des Lockdowns wendeten die Teilnehmer aus Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien und Luxemburg mehr Zeit für die Pflege ihrer Kinder sowie Haushaltsarbeiten auf.
• Italien ist das Land, wo die Menschen die niedrigste Lebenszufriedenheit in der Woche vor dem Lockdown angaben.
• Italiener und Spanier passen besser auf die Präventionsmaßnahmen gegen Infektionen auf als die Umfrageteilnehmer in anderen Ländern.
• Depression und Angstzustände waren am meisten in Italien, Spanien und Luxemburg verbreitet. Die Umfrageteilnehmer aus diesen Ländern waren auch die, die die höchsten Stresslevel in den beiden Wochen vor dem Lockdown angaben.
• Italiener und Luxemburger waren die Umfrageteilnehmer, die am meisten über Einsamkeit klagten. Allerdings waren die Luxemburger jene, die sagten, dass die soziale Unterstützung am höchsten war. „Das zeigt, dass man sich einsam fühlen kann, trotz guter Unterstützung durch das soziale Umfeld“, schreiben die Forscher.
Mehr zur Studie: tinyurl.com/COMEHEREstudy

Statec-Umfrage: einer von drei sieht seine mentale Gesundheit angegriffen

Die Covid-19-Pandemie und der Kampf dagegen haben signifikante Kollateralschäden auf die mentale Gesundheit“, schreibt die Statistikbehörde Statec in einer rezenten Publikation über die Resultate einer mit TNS ILReS Ende April/Anfang Mai durchgeführten Umfrage bei den Einwohnern Luxemburgs. Einer von drei Umfrageteilnehmern gab so an, dass seine mentale Gesundheit abgenommen habe.
Das sei mehr als zweimal soviel als die Personen, die ihre körperliche Fitness durch die Krise und die Maßnahmen dagegen gemindert sehen. Die psychologischen Effekte würden in den frühen Tagen von Pandemien oft ignoriert, heißt es, doch nun würden immer mehr Länder sich damit befassen. Die mentale Gesundheit sei eine der wichtigsten Komponenten des Wohlbefindens. Und Wohlbefinden wirke sich auch auf andere Bereiche aus, wie etwa die Wirtschaft.

18- bis 44jährige klagen am meisten

Mentaler Stress entsteht durch die Angst vor Ansteckungen, aber auch vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder Einbrüchen beim Haushaltseinkommen. Laut der Umfrage geben 16 Prozent der Teilnehmer solche Einbrüche an. Auch interessant: 60 Prozent haben ihre Ausgaben zurückgefahren. Aus der Umfrage kann auch abgeleitet werden, wie viele Bürger alleine leben. Der Anteil wird auf 17 Prozent geschätzt. Dass die Isolation, die durch Covid-19 noch verstärkt wurde, Effekte auf das mentale Wohlbefinden hat, versteht sich von selbst.
Eine der Schlussfolgerungen der Umfrage ist zudem, dass die 18- bis 44jährigen am meisten über abnehmende mentale Gesundheit klagen. Hier liegt der Anteil bei 37 Prozent gegenüber 33 Prozent bei den 45- bis 64jährigen und bei 22 Prozent bei den über 65jährigen. Frauen sehen ihre psychische Gesundheit stärker angegriffen (36 Prozent) als Männer (29 Prozent).
Die Eindrücke unterscheiden sich auch nach Nationalität. Während 32 Prozent der Luxemburger sagen, ihre mentale Gesundheit habe gelitten, sind es 34 Prozent bei den Einwohnern französischer Nationalität und sogar 40 Prozent bei den Bürgern mit portugiesischem Pass. Wie es scheint, haben Einwohner aus dem Zentrum des Landes (außerhalb der Hauptstadt) und aus dem Osten eine bessere Moral als die Bürger in anderen Landesteilen. Hier sahen 28, respektive 30 Prozent der Teilnehmer ihre mentale Gesundheit gemindert. Im Süden sind es 35 Prozent, in der Hauptstadt 34 und im Norden 33 Prozent.
Es ist ein kurzfristiges Bild, dass die Statec-Forscher Chiara Peroni und Kelsey J. O’Connor mit dieser Umfrage liefern. Die Situation entwickelt sich und mit ihr auch der Druck auf die psychische Gesundheit. Viel hängt davon ab, wie sich die wirtschaftliche Lage ändern wird und vor allem die sozialen Bedingungen. „Wir wissen von früheren Forschungen, dass es Langzeit-negative Konsequenzen von Arbeitslosigkeit auf die mentale Gesundheit gibt“,
schreiben die Forscher, die die „Chômage partiel“-Maßnahmen zum Joberhalt loben. Die Umfrage werde nicht wiederholt, heißt es vom Statec, aber andere über die psychische Gesundheit würden laufen, respektive würden regelmäßige Umfragen angepasst, um auch diese Dimension zu untersuchen.