PUNO/AMANTANI
SIMONE MOLITOR

Zwischen Tourismus und Tradition inmitten des Titicacasees

Kristallklares Wasser. Die Farbe tiefblau. Verlockend ruht der Titicacasee im Süden Perus an der Grenze zu Bolivien vor uns. Am liebsten würde man einfach hineinspringen. Doch auch wenn die Sonne uns an diesem Tag besonders stark aufs Haupt drückt, wissen wir, dass das keine gute Idee wäre.

Das Wasser ist nämlich „frío“, um nicht zu sagen eisig, jedenfalls höchstens zehn Grad. Das ganze Jahr über ist es in der Gegend um den Titicacasee sehr kalt, Minusgrade sind keine Seltenheit, besonders in der Nacht. Was haben wir uns also bloß dabei gedacht, als wir eine Übernachtung auf der Isla Amantani buchten? Hotels gibt es dort nicht, genauso wenig wie fließendes Wasser oder Strom, folglich auch keine Heizung. Übernachtet wird bei einer Gastfamilie. Ganz authentisch. Natürlich ist uns nicht ganz wohl bei dem Gedanken an die bevorstehende eiskalte Nacht, als wir am frühen Morgen in der Stadt Puno auf das Boot unseres Touranbieters steigen und uns für die nächsten zwei Tage von jeglichem Komfort verabschieden. Werden wir dieses Abenteuer heil überstehen?

Die schwimmenden Inseln der Uros

Vor uns liegt die unendliche Weite des Titicacasees: der höchstgelegene - 3.810 m über dem Meeresspiegel - schiffbare See der Welt und mit einer Seefläche von 8.288 km² auch das größte Binnengewässer Südamerikas. Unser erstes Ziel sind die schwimmenden Inseln der Uros, wenige Kilometer vom Hafen Puno entfernt. Die Mitglieder dieser indigenen Gruppe ließen sich in längst vergangenen Zeiten nicht von den Inka unterwerfen. Stattdessen flohen sie auf den Titicacasee, wo sie sich auf selbstgebauten Inseln aus Tortora-Schilf niederließen. Ihre Nachfahren versuchen bis heute zumindest einen Teil der Kultur zu erhalten. 1.500 bis 2.000 Menschen leben momentan noch auf rund 80 solcher schwimmender Inseln. Davon jedoch, dass die Uros einst ein stolzes Volk waren, ist heute kaum noch etwas zu merken, vielmehr sind die Inselbewohner und ihr schwimmendes Zuhause zu einer Attraktion für Schaulustige geworden. Inzwischen lebt das Seevolk fast ausschließlich vom Tourismus.

Der Abstecher auf eine der Inseln, auf dem ein halbes Dutzend Familien leben, ist dennoch interessant. Den Erzählungen über die Vergangenheit und das heutige Leben sowie den Erklärungen, wie eine solche Insel überhaupt gebaut wird und was nötig ist, um sie intakt zu halten, schenken wir unsere ganze Aufmerksamkeit. Etwas beschämt werfen wir einen raschen Blick in die spärlich eingerichteten winzigen Wohnhütten und sehen uns aus Höflichkeit auch die dem Geschmack der Besucher angepassten Souvenirs an, bevor wir von den singenden Uro-Frauen verabschiedet werden; froh, diese überaus touristische Eskapade hinter uns zu lassen.

Auf der Isla Amantani wird an Traditionen festgehalten

Glücklicherweise gibt es Beispiele, die beweisen, dass Tourismus nicht unbedingt das Ende aller Traditionen bedeuten muss. Eines davon ist die Insel Amantani, wo die Uhren definitiv anders, oder vielmehr langsamer ticken. Sie ist die Heimat von rund 8.500 Einwohnern. Wir blicken auf zwei über 4.000 m hohe Berge - Pachamama (Mutter Erde) und Pachatata (Vater Erde) - als wir am Bootssteg anlegen, wo uns bereits die einzelnen Familien in ihren bunten Trachten erwarten. Schüchtern werden wir von Olivia, unserer Gastmutter, begrüßt, die uns zu ihrem Haus geleitet, das wie alle anderen auch hoch oben in den Hängen liegt. Der Aufstieg ist in der dünnen Luft alles andere als ein Spaziergang. Unsere Unterkunft macht einen ordentlichen Eindruck, wenngleich das Klo im Hof natürlich nicht ganz unseren gewohnten Standards entspricht, dafür lässt aber das Mittagessen, das uns Olivia wenig später auftischt, keine Wünsche offen. Hungrig und vor den neugierigen Blicken der Kinder unserer Gastfamilie schaufeln wir die Quinoa-Suppe in uns rein.

Anschließend lernen wir das Leben auf der Insel noch etwas genauer kennen und werden in die typischen Tätigkeiten der Dorfbewohner - vor allem Weben und Stricken - eingeführt. Voller Stolz zeigen sie uns die klitzekleine Bibliothek in ihrem Kulturzentrum. Die meisten Männer gehen übrigens im zwei bis drei Stunden entfernten Puno einer Arbeit nach oder sind bei dem Unternehmen beschäftigt, das daran arbeitet, Amantani an die Stromversorgung anzuschließen.

Bisher gibt es zwar einen Generator und jedes Haus ist mit Solarzellen ausgestattet, das reicht aber nur, um abends ein paar Stunden lang Licht zu haben. Auch Olivias Mann ist nur selten bei seiner Familie, wie sie uns erzählt. Sie selbst hat die Insel bisher selten verlassen und ist noch nie weiter als Puno gekommen. Tief in unseren Hirnen graben wir nach unseren spärlichen Spanischkenntnissen, mit denen wir aber ohnehin nicht weit kommen, da hier, wie im ganzen Andenraum Südamerikas, in der Inka-Sprache „Quechua“ gesprochen wird.

Dies ist wohl auch der Grund, warum uns entgangen ist, dass es nach dem äußerst anstrengenden Aufstieg zu den Inkaruinen und der Tempelanlage auf dem Berggipfel und dem wohlverdienten Abendessen direkt weiter in die „Dorfdisco“ zum großen Fest geht. Bevor wir protestieren können, hat uns Olivia auch schon in die dorftypische Tracht gesteckt. Da wir wegen der anstehenden Minusgrade vorgesorgt und gleich mehrere Pullover übergezogen haben, fühlen wir uns dann doch etwas unbeweglich, was unsere Gastmutter aber nicht daran hindert, uns immer wieder zum Gemeinschaftstanz zu den Folkloreklängen der Musiker aufzufordern.

Total erledigt fallen wir spät am Abend in unsere Betten, eingehüllt in mehrere schwere Decken. Inzwischen ist es draußen tatsächlich eiskalt, und die Stille, die sich bald über der Insel und dem See ausbreitet, wirkt fast gespenstisch. Authentischer hätte eine Reiseetappe wirklich nicht sein können. Und: Alle haben überlebt.