LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Das „Finestra Kollektiv“ hat nach einem ersten Auftritt noch einiges vor

Wer am 20. Dezember die „Candle Night“ in der Ettelbrücker Fußgängerzone besuchte, staunte nicht schlecht, als er am späten Abend fünf Damen erblickte, die sich in den Fenstern eines Hauses am Kirchenplatz zeigten. Wer dem Spektakel beiwohnte, konnte Zuschauer des ersten Stücks des „Finestra Kollektivs“ sein. Bei dem Schauspiel „Fassade @bréckelt“, das natürlich eine Allusion auf den Namen der Stadt enthält, wussten Catherine Hengesch, Elena Spautz, Martine Conzemius, Tammy Reichling und Mirka Costanzi mit ihrer ungewöhnlichen Darbietung zu begeistern.

Gute Stimmung ab dem ersten Moment

Kennengelernt haben sich die fünf Damen bei einer professionellen Weiterbildung im Juni 2018, dem „Labo Pro“ in den hauptstädtischen Rotonden. „Von Anfang an herrschte eine tolle Atmosphäre unter uns. Da ich ohnehin ein Projekt realisieren wollte, das mehr in Richtung Straßenkunst gehen sollte, hatte ich mich zunächst mit Martine Conzemius zusammengesetzt, um etwas auf die Beine zu stellen. Parallel dazu hat das ,Ettelbruck City Tourist Office‘ mir einen Auftritt während der Vorweihnachtszeit angeboten“, berichtet Mirka Costanzi, ihres Zeichens gelernte Theaterpädagogin. Vorgaben hat es für Mirka Costanzi keine gegeben, es sollte nur die Fassade eines Gebäudes mit eingebunden werden. Da die Hauswand aber über mehrere Fenster verfügte, war für Mirka Costanzi klar, dass sie hier nicht alleine auftreten konnte. Martine Conzemius war sofort an Bord und weitere drei Damen, die damals auch im „Labo Pro“ anwesend waren, sind dem Aufruf gefolgt und wollten das Spektakel aktiv mitgestalten. So ist das „Finestra Kollektiv“ entstanden. „Besonders toll ist, dass wir alle aus einem anderen Bereich kommen. Das geht von Pantomime über die Schauspielerin bis hin zur Musik- und Theaterpädagogin“, erklärt Mirka Costanzi.

Die Geschichte ihres Debütwerks „Fassade@bréckelt“ haben die Schauspielerinnen gezielt auf die Stadt Ettelbrück ausgerichtet. Die Figuren sind zudem alle an Märchenfiguren inspiriert, sodass der achtsame Zuschauer die Charaktere von Gretel, Gerda aus der Geschichte der Eiskönigin, Cecilia, die böse Stiefmutter aus Schneewittchen, Rumpelstilzchen und Frau Holle entdecken konnte. Jede der Figuren hat den Weg nach Ettelbrück aufgrund persönlicher Lebensereignisse gefunden und sich dort ein neues Dasein geschaffen. Eine unter ihnen beansprucht gerne die Bank an der „Uelzechtsauerbaach“ für sich, die andere arbeitet im neu eröffneten Ettelbrücker Supermarkt. Im Schauspiel unterhalten sich die Damen untereinander über die jeweiligen anderen: Es wird getuschelt und gelästert. Der Klatsch und Tratsch rieselt aus den Gebäudefenstern auf die Ettelbrücker Leute herab.

Offenes Kollektiv

Das Theaterstück hat die Besucher der „Candle Night“ auf jeden Fall überzeugt, denn das Kollektiv hat durchweg positives Feedback erhalten. Da das Schauspiel gezielt auf Ettelbrück zugeschnitten wurde, kann es nicht in gleicher Weise irgendwo anders aufgeführt werden. Wenn allerdings neue Angebote zu einem ähnlichen Spektakel eintreffen sollten, wird das „Finestra Kollektiv“ auch hierzu etwas ganz Eigenes gestalten. Ohnehin ist das Ziel des Kollektivs, vorwiegend performativ und an den jeweiligen Aufführungsort angepasst schaffend zu werden.

„Gerne werden wir im öffentlichen Raum kleine Performances aufführen, sei dies Straßenkunst oder Ähnliches. Wir warten einfach, was sich ergibt. Unser Kollektiv halten wir auch weiterhin offen, wer Lust hat, mitzuarbeiten, ist willkommen!“, freut sich Mirka Costanzi. Eine gewisse Dynamik um einen Kern an Performern ist stets gegeben, da die Damen vielfältig beruflich unterwegs sind, einige sind ganz- oder teilweise freischaffend. Diese Freiheit genießt man aber auch, wie Mirka Costanzi meint: „In unserem Stück gab es keinen richtigen Regisseur - jeder hat sich eingebunden und war darum bemüht, dem Stück eine reichhaltige ästhetische Bedeutung zuzuordnen! Es war ein tolles Team-Work!“

Das „Finestra Kollektiv“ sieht sich als Teil der Luxemburger Theaterszene, das auch neben bereits etablierten Kollektiven seinen Stellenwert haben kann. So haben die Damen eine Plattform für multidisziplinäre Kunst in der Performance geschaffen, durch die sich neue Wege und Verbindungen für die Entwicklung einer professionellen und vielfältigen Performancekunst unter dem Einfluss von Aktualität und lokalen Werten ergeben. Neue Projekte sind bereits in der Planung.