In den 1950er Jahren war es ein sehnlicher Wunsch vieler Jazzmusiker, eine Produktion mit einem Streichensemble zu produzieren, um damit ihre Musik aus dem Ghetto der Vorurteile zu befreien: Der Jazz wurde bis dato oft, von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit verruchten Clubs und verräucherten Kellerkneipen in Verbindung brachten. Dizzy Gillespie und Charlie Parker hatten damals dieses Wagnis in die Wege geleitet, konnten aber mit den kitschigen, schwulstigen Ergebnissen wenig überzeugen. 1961 gab der Tenorsaxofonist Stan Getz einen diesbezüglichen Auftrag an den Arrangeur und Komponisten Eddie Sauter, der sich einen Namen mit seinen erfolgreichen Arbeiten für Bennie Goodman und Artie Shaw gemacht hatte. Nicht nur die Arrangements, auch die acht Kompositionen sollte der Ausgewählte für das bahnbrechende Werk beisteuern und „das tun was er fühle“, wie die einzige Instruktion des Auftraggebers lautete.
Verstärkt wurde das aus 18 Musikern bestehende kammermusikalische Sinfonieorchester mit zehn Geigen, vier Bratschen, zwei Celli, einem Bass und einer Harfe und durch Roy Haynes am Schlagzeug. Interessant ist, dass nur der sinfonische Background von „Focus“ aufgeschriebene Musik ist und Stan Getz seine Soli spontan, teils zusammen mit dem Ensemble, teils später auf bereits aufgenommene Parts improvisierte. Nach dem eher Etüde-artigen „I’m Late“, wo sowohl Getz, als auch die übrigen Instrumentalisten mit gewaltigen Phrasierungskunststücken aufwarten, folgen einzigartige, emotionale Beispiele einer klanglichen Eleganz von Seltenheitswert. 50 Minuten hochkarätiger Genuss in einer zeitlosen Konzeption, die noch heute Pate für viele Projekte in verschiedensten stilistischen Bereichen steht.
Als Bonustracks sind auf der CD noch zwei Singleentwürfe von den längeren Originalversionen, die für die damals gängigen kleinen Platten mit 45 Umdrehungen pro Minute bearbeitet wurden. Nach der Reedition des Labels „Verve“ ist „Focus“ wieder in den Fachmedien auf der Hitparade der Kultobjekte gelandet, obschon die Produktion primär als Prestigeangelegenheit gedacht war. Unverzeihlich ist allerdings, dass ein so renommiertes Unternehmen die Violinisten mit „vocal“ auflistet und den auf dem Originalcover angeführten Pianisten Steve Kuhn schlicht als „unknown“ bezeichnet. Eddie Sauter war übrigens vorher Leiter des Südwestfunkorchesters in Baden-Baden.
Vorläufer der heutigen Loungemusic
Bereits 1955, ein Jahr vor seinem Unfalltod, hat der damals 24-jährige Ausnahmetrompeter Clifford Brown ein bemerkenswertes Album mit einem neunköpfigen Streichorchester eingespielt, das im Laufe der Jahre nichts von seiner magischen Ausstrahlung eingebüßt hat.
Ob es an Browns virtuosem Trompetenspiel liegt, das er hier vorbildlich in das harmonische, aber spannende Heile-Welt-Ambiente der Neal-Hefty-Arrangements einbettet oder an dem Fakt, dass Hefty selbst Trompeter war und es auf der Hand liegt, dass er sein besonderes Gespür für die Konfrontation des Blechblasinstruments mit der sanften Streicherkulisse in die Tat umsetzt: „Clifford Brown With Strings“ bietet eines der ersten, bestens gelungenen Zeugnisse der Sehnsucht nach Salonfähigkeit des Jazz. Wunderbare Balladen aus dem „Great American Songbook“, wie Jerome Kerns „Yesterdays“ und „Smoke Gets in Your Eyes“, die Evergreens „Memories Of You, Laura und Blue Moon“ gehören zu den Highlights der faszinierenden Scheibe. In der Rhythmussektion ist unter anderem Max Roach am Schlagzeug und Richie Powell am Piano. Ein überzeugender Vorläufer der heutigen Loungemusic.
Gegenüberstellung
Rund 30 Jahre später realisierte der Schlagzeuger Max Roach die Gegenüberstellung seiner Jazzcombo und einem Streichquartett mit der Produktion „Easy Winners“. Das Max Roach Double Quartett interpretiert bei dieser anspruchsvollen, hochwertigen Symbiose von Jazz und zeitgenössischer E-Musik eine perfekte Demonstration eines grenzenlosen kulturellen Austauschs, die dem Trend der 1980er Jahre, der Suche nach neuen Konzepten einer intelligenten, intellektuellen Musik, perfekt gerecht wird.
Von einer raren Intensität und Expression geprägt sind besonders die Dialoge der beiden Combos, während mit den Improvisationen der Solisten Cecil Bridgewater an der Trompete und Odean Pope am Tenorsaxofon zwar kein Neuland erobert wird, ihre komplexen Phrasierungen bereichern den Geist dieses originellen Projekts mit ihrer subtilen, persönlichen Note.
Die fast 13-minütige Hommage an Charlie Parker „Bird Says“ von Cecil Bridgewater, „Sis“ von Odean Pope, „A Little Booker“ und die Bearbeitung von Scott Joplins Klassiker „Easy Winners“ aus der Feder des Leaders, liefern ein überschäumendes Feuerwerk von unheimlichem Drive und beeindruckender Dynamik.
Ein Meisterwerk der modernen Intimkunst und des vollendeten Ausdrucks einer fein strukturierten, genialen Musik, die ihren Platz in der Liste der gelungensten Essais einer noch immer aktuellen Fusionmusik gefunden hat.



