LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Gegen Fußball als Sportart habe ich nichts einzuwenden. Was mir widerstrebt, das ist das Produkt „Fußball“, das einem auf Schritt und Tritt aufgedrängt wird. Ich möchte kein Fußballstickeralbum, keine Fußballbratwurst, keinen Fußballflachbildschirm und auch keine Waren in irgendwelchen Landesfarben kaufen, auch konsumiere ich jetzt nicht mehr Chips, Bier und billiges Grillgut als sonst und doch wird mir all das jetzt unter der Marke „Fußball“ zu einem Spottpreis angeboten. In einem Supermarkt, der fast leer ist, weil es hier keine Bildschirme mit Live- Übertragung gibt.

Ein passiver Zuschauer sein? Das reicht schon lange nicht mehr aus! Wer zeigen möchte, dass er Fußball wirklich schätzt, der beteilige sich aktiv als Konsument, wie er ja auch schon das Produkt „Weihnachten“, „Halloween“ und „Valentinstag“ konsumiert hat.

Vielleicht kann er auch selbst Profit herausschlagen, in dem er Wetten bezüglich des Ausgangs der Spiele abschließt. Auch die Selbstvermarktung ist eine Möglichkeit, denn wer ein Selfie von sich mit Maskottchen und Fußballtrikot in den sozialen Netzwerken hochlädt, wird mit der virtuellen Währung „Like“ belohnt. Das können wir uns ganz leicht bei unseren Idolen abschauen, denn auch sie müssen Teil des Produktes werden und sich selbst gut verkaufen. Ihre Frauen können das manchmal noch besser als sie, denn die Marke „Spielerfrau“ ist scheinbar ein Garant für Erfolg, ihr Konkurrenzkampf oftmals härter als der ihrer Männer.

Ball-sam für die Seele

Es kommt mir beinahe so vor, als würde hier eine Art erwerbliche, kommerzielle Form der Religion angepriesen werden. Denn ist das nicht der Reiz bei der Sache, der sehnliche Wunsch, etwas zu kontrollieren, das nicht in der eigenen Macht steht? Auch wenn „wahre“ Fans oft von einem „wir“ sprechen: Das Spiel tragen nicht sie selbst aus, sondern „ihre“ Spieler aus „ihrem“ Team. Das Possessivpronomen „ihr“ drückt dabei durchaus einen Besitzanspruch aus und verweist abermals auf das Produkt, denn wer auf Ebay ein Autogramm ersteigert, sich ein Fußballtrikot zulegt oder einen signierten Ball, der erwirbt doch eigentlich einen Teil ebendieses Produktes.

Was sie zum Kauf anregt, ist im Grunde nichts anderes als ihr Glaube, nämlich der Glaube an eine bestimmte Mannschaft, an das Können und die Fertigkeiten ihrer Spieler und Trainer. Doch sie selbst haben keinen Einfluss, können allenfalls darauf hoffen, dass sie Glück haben und ihr Flehen erhört wird. Keiner von ihnen würde hören wollen, dass ihr Glaube nichtig ist; dass Spiele gekauft sein könnten und es gar nicht auf Können und Talent ankommt. Sie versammeln sich jeden Tag in der Kneipe zum täglichen Gebet oder auch zu Hause zum letzten Abendmahl mit Bratwurst und Bier.

Ball-ett der Wortgefechte

Man könnte annehmen, es käme dabei nicht darauf an, an welche Mannschaft geglaubt wird, handelt es sich doch um eine polytheistische Form der Religion. Nichtsdestotrotz gibt es auch Konflikte, ja wahre verbale Kreuzzüge, welche von einem gewissen Sadismus genährt werden. Schadenfreude gehört dazu und das ist eigentlich ganz praktisch, denn so lässt sich jeglicher Kritik an dieser Glaubensform gleich den Wind aus den Segeln nehmen. Das Theodizee-Problem bezüglich der Frage, wie ein guter Gott das Übel in der Welt zulassen kann, stellt sich hier nämlich nicht, da es durchaus so vorgesehen ist, dass die einen feiern und die anderen leiden, wobei Freud und Leid gerecht verteilt sind und auf dem persönlichen Verdienst beruhen beziehungsweise darauf, an den jeweils richtigen Gott geglaubt zu haben. So zumindest stellen die Anhänger sich das wohl vor.

Schlimmer noch, als auf den „Falschen“ zu setzen, ist es, zu den Ungläubigen zu gehören und gar nicht erst an das heiliggesprochene Produkt zu glauben. So etwas wie Glaubensfreiheit existiert nicht. Die Heiden müssen damit leben, dass Fußball in jedem Radio- und Fernsehsender und in jeder Zeitung thematisiert wird, dass also alle Medien sich ausnahmslos zu diesem Glauben bekennen. Ganz gleich ob sie zum Frisör gehen, ins Fitnessstudio oder in eine Bar, der Fußballgott wird ihnen erscheinen und zu ihnen sprechen. Er ist omnipräsent, wie sich das für eine wahre Gottheit gehört. Er bestimmt unseren Alltag und unser Denken und so gerne die Heiden es auch wollten, lässt er sich nicht einfach aus dem Leben kicken.

Ball-d ist Schluss

Das einzige, das die Heiden aufatmen lässt: Der Fußballgott ist endlich und wird wieder von uns scheiden. So schnell, wie der Glaube oder Hype entstanden ist, so schnell wird er auch wieder vergehen. Zumindest vorerst. Bis seine Auferstehung angepfiffen werden wird, wird ein neues Produkt an den Konsumenten in uns appellieren und unseren Glauben wecken. Der Geschäftsmann bleibt am Ball, ebenso wie der Selbstvermarkter. Ich bin keine Märtyrerin, aber ich würde sehr gerne dazu aufrufen, sich öfter dem Team der Heiden anzuschließen, sich das Geld, aber auch den Glauben aufzusparen und das Feld für wichtigere Dinge zu räumen.