SIMONE MOLITOR

Woher kommen Sie? Ach, Luxemburg. Aber gebürtig? Immer noch Luxemburg. Und ihre Eltern, Großeltern, Vorfahren? Es ist klar, worauf dieses, sicherlich nicht abwertend gemeintes Kreuzverhör hinauslaufen soll: Der Befragte sieht einfach nicht „luxemburgisch genug“ aus, um als Luxemburger wahrgenommen zu werden. Er wird also in erster Linie nach seinem Migrationshintergrund befragt, ohne jedoch zwangsläufig darauf reduziert zu werden.

Doch wer hat sich nicht schon mal dabei ertappt, zumindest für einen winzigen Augenblick mit leichtem Erstaunen festgestellt zu haben, dass sein dunkelhäutiges Gegenüber akzentfrei Luxemburgisch spricht? Wir urteilen also alle gelegentlich vorschnell aufgrund der Hautfarbe oder des „andersartigen“ Aussehens einer Person, und zwar ganz ohne böse Absicht oder aus einer rassistischen Überlegung heraus, sondern vielmehr aus Reflex. Es sind die kleinen Barrieren, die irgendwie doch noch fast jeder in seinem Kopf hat.

Muss man in diesem Fall bereits von subtiler Rassendiskriminierung reden? Sicherlich nicht. Von einem reinen Interesse an den Wurzeln des Mitmenschen aber auch nur bedingt, denn immerhin wird doch die selbstempfundene Identität oder das Zugehörigkeitsgefühl des Gegenübers in Frage gestellt und damit gleichzeitig suggeriert, dass er oder sie anders ist als man selbst. Ihm oder ihr wird letztlich in gewisser Weise das „Luxemburgischsein“ abgesprochen, wenn auch nur für einen kurzen Moment und ohne dass man sich dessen wirklich bewusst ist.

Bedeutet dies etwa, dass die Wurzeln nach wie vor wichtiger sind als das Zugehörigkeitsgefühl zu dem Land, in dem man lebt und aufgewachsen ist? Sagen sie letztlich mehr über den Menschen aus? Nein. Mit Sicherheit nicht. Deshalb sollten wir endlich aufhören, uns auf das Äußere zu fokussieren und uns innerhalb einer Sekunde ein Bild vom gesamten Menschen zu machen, indem wir leichtfertig schlussfolgern, dass er erstens einen Migrationshintergrund hat und zweitens unserer Sprache nicht mächtig ist. Wir wollen ja schließlich nicht entfremden.

Heute ist der Internationale Tag zur Beseitigung der Rassendiskriminierung. Rein physische Gewalt ist in diesem Kontext nicht das einzige Problem, wenngleich natürlich eins, das nicht unterschätzt werden soll. Um nur ein Beispiel zu nennen: Laut eines rezenten Berichts der „European Union Agency for Fundamental Rights“ zum Thema „Being Black in the EU“ haben immerhin elf Prozent der Befragten in Luxemburg bereits physische Gewalt aus rassistischer Motivation erlebt. Dennoch geht es an diesem Tag auch darum, Vorurteile subtilerer Natur abzubauen und letztlich darauf aufmerksam zu machen, dass manchmal bereits Kleinigkeiten ein Zusammenleben auf Augenhöhe stören können.

Niemand soll sich durch diese Zeilen angegriffen fühlen, und beileibe sollen niemandem an dieser Stelle rassistische Tendenzen unterstellt werden, doch jeder soll zumindest für einen kurzen Augenblick zum Nachdenken angeregt werden. Über die kleinen Barrieren in seinem Kopf.