CORDELIA CHATON

Der Winterschlussverkauf ist vorbei, doch in den meisten Geschäften hängen noch ein paar Ständer mit günstigen Restposten. Auch sonst müssen Verbraucher nicht besonders tief in die Tasche greifen, vor allem nicht bei großen Marken wie H&M, Zara, Pimkie, oder Primark, wo es Kleider und Shirts schon für eine Handvoll Euros gibt. Wie solche Preise zustande kommen, wollen Kunden immer weniger wissen. Es herrscht Totentanz-Stimmung: Jeder für sich.

Dabei mangelt es nicht an Information. Beispiel Baumwolle: Das Naturmaterial ist gefragt und kommt häufig aus dem Norden Indiens. Dort wird es unter Einsatz von Pestiziden und Herbiziden angebaut, die mit der Hand aus dem Kanister auf die Pflanzen gesprüht werden. Die Folge: Leberschäden bis zum Tod. Die giftigen Farben sorgen für verdreckte Flüsse und diese wiederum für einen enormen Anstieg von Autismus. Das eingesetzte Mittel ist übrigens häufig Glyphosat; in Luxemburg verboten und in Europa in der Diskussion.

Doch wen stört es? Wer schaut hin? „Die T-Shirts der Marken, die hier fertigen lassen, sind mit unserem Blut befleckt“, klagt ein Arzt vor Ort in einer Reportage bitter an. Kümmert das einen Schnäppchenjäger?

Konzerne geben sich schon lange eine Moral, die den Namen „Corporate Responsibility“ trägt, manchmal noch mit dem Wort „Social“ versehen. Da steht dann, wie man sie und die Welt sieht und was man will. Abgesichert wird das von der Compliance-Abteilung, die alles prüfen soll. Doch das ist nicht das gleiche wie wissen und handeln wollen. Die meisten Textilgruppen reagieren auf Anfragen schon gar nicht mehr. Besser keine Antwort als eine, mit der man dann zitiert wird. Diese Moral hat den gleichen faden Beigeschmack wie der Umgang mit Plastikmüll: Wir haben ein Zertifikat aus China/Indien/Afrika auf dem steht, dass die unseren Müll ganz toll entsorgen und somit sind wir moralisch aus dem Schneider. Tipptopp!

Nun sind Konzerne und Kommunen eine Sache, Konsumenten aber eine ganz andere. Nur: Sie wollen es gar nicht mehr wissen. Als Adidas vor ein paar Jahren am Pranger stand, weil herauskam, dass Kinder die Turnschuhe zusammennähen, gab es einen Aufschrei. Aber der bleibt aus in Zeiten, in denen ein US-Präsident täglich tiefer ins ethische Nichts abrutscht und das Leid aus Syrien sich permanent auf den Bildschirmen installiert; so sehr, dass das Kinderhilfswerk der UNO sich mit Worten nicht mehr zu helfen weiß und angesichts dutzender toter und verwundeter Kinder im syrischen Ost-Ghuta eine leere Pressemitteilung veröffentlicht.

Auf Jugendseiten geht es zeitgleich um neue Tattoos, witzige Videos und wer wem warum folgt. Moralinsaures Wissen interessiert die Konsumenten nicht, das riecht nach abgestandenem No-Fun-Appell. Brauchen wir Konsumentenverantwortung als neues Fach oder Qualifikation?

Einen überraschenden Schritt in Sachen Moral tat gestern der deutsche Industriekonzern Bilfinger. Sein Aufsichtsrat beschloss, alle Vorstände zwischen 2006 und 2015 wegen Pflichtverletzung auf Schadenersatz zu verklagen - in Millionenhöhe. Bilfinger mag verzweifelt sein. Aber sie räumen auf gemäß der Einsicht von Oscar Wilde: Ein Zyniker ist ein Mensch, der von jedem Ding den Preis und von keinem den Wert kennt.