LUXEMBURG
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Per Gesetz wird eine „Inklusionsassistenz“ für Behinderte am Arbeitsplatz geschaffen - Was das bedeutet

Die Diskussion über ein wichtiges Gesetz für die Inklusion kam am vergangenen 9. Juli in der „Chamber“ etwas zu kurz, stand dieser Tag doch vor allem unter dem Eindruck der Aktion der Opposition, die den Saal verlassen hatte, weil ihrer Forderung nach einer Debatte über die Datenbanken bei Polizei und Justiz nicht sofort stattgegeben wurde. Lediglich die Vertreter der Majorität kamen also ans Rednerpult, um den Gesetzentwurf mit der Aktennummer 7269 über die Schaffung einer Assistenz zur Inklusion am Arbeitsplatz zu kommentieren, der tags darauf allerdings von allen Abgeordneten grünes Licht erhielt.

Bereits im März 2018 hatte Familien- und Integrationsministerin Corinne Cahen den Entwurf auf den Instanzenweg gegeben und bei einer Pressekonferenz erläutert. Vor dem Hintergrund der Feststellung, dass Menschen mit einer Behinderung oder eingeschränkter Arbeitsfähigkeit nicht nur größere Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche haben, sondern auch bei der Beibehaltung ihres Arbeitsplatzes und der dauerhaften Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt, ist die Zielsetzung eine doppelte. Einerseits soll die langfristige berufliche Inklusion und der Verbleib auf dem regulären Arbeitsmarkt von Arbeitnehmern mit einer Behinderung oder eingeschränkter Arbeitsfähigkeit gefördert werden. Dafür sollen die Menschen in ihrem beruflichen Umfeld über ihre spezifischen Bedürfnisse sowie die Besonderheiten ihrer Behinderung oder eingeschränkten Arbeitsfähigkeit informiert werden.

Andererseits soll die Inklusionsassistenz Unternehmen dazu ermutigen, mehr Arbeitnehmer mit einer Behinderung oder eingeschränkter Arbeitsfähigkeit einzustellen. Durch die Inklusionsassistenz wird so den Unternehmen die Möglichkeit geboten, die Hilfe von einem professionellen externen Experten in Anspruch zu nehmen, der die berufliche Eingliederung in das Unternehmen von einem oder mehreren Arbeitnehmern mit einer Behinderung oder eingeschränkter Arbeitsfähigkeit begleitet. Der Inklusionsprozess ist oft lang und heikel und Betriebe fühlen sich nicht immer gerüstet, um dieser Herausforderung zu begegnen. Die Inklusionsassistenten sollen das nun erleichtern.

Auf Nachfrage beim Familienministerium hat dort bislang eine Person Interesse an einer Genehmigung für Inklusionsassistenz angemeldet. Das Gesetz ist allerdings noch nicht im „Mémorial“ veröffentlicht und wird erst sechs Monate danach in Kraft treten. Nicht ausgeschlossen ist, dass dann eine Kampagne anläuft, um für die Inklusionsassistenz zu werben.

So hilft die ADEM | Die Instrumente COSP-HR und „DUO Day“

Die Arbeitsagentur hat einen speziellen Dienst für die Begleitung von behinderten und reklassierten Personen. Hier werden die Arbeitssuchenden empfangen, für welche die Kommission für Orientierung und berufliche Wiedereingliederung entschieden hat, dass eine Beschäftigung des behinderten Arbeitnehmers auf dem regulären Arbeitsmarkt möglich ist. Sie kann dann der ADEM bedarfsgerechte Maßnahmen zur Weiterbildung, Umschulung oder zur beruflichen Wiedereingliederung vorschlagen, wie zum Beispiel Wiedereinstiegsverträge oder Anpassungspraktika. Die Arbeitsagentur versucht dann, die beste Lösung für den Anwärter und den interessierten Betrieb zu finden.

Für Betriebe, die mitmachen, gibt es eine Reihe von Fördermitteln, wie die finanzielle Beteiligung an den Gehaltskosten durch den Staat, die Beteiligung an den Weiterbildungskosten, Förder- und Umschulungsprämien und die Übernahme der Kosten für die Anpassung des Arbeitsplatzes und den behindertengerechten Zugang, eine finanzielle Beteiligung an den Transportkosten und die Bereitstellung von speziellen beruflichen Hilfsmitteln. Ein Mitarbeiter, der als Arbeitnehmer mit Behinderung anerkannt wurde, hat übrigens Anspruch auf sechs zusätzliche Urlaubstage unter der Voraussetzung, dass er einen entsprechenden Antrag bei seinem Arbeitgeber eingereicht hat.

Anfang 2017 ging das von der EU unterstützte Projekt COSP-HR an den Start, das darauf abzielt, die Bewertung der beruflichen Neigungen und Fähigkeiten von Arbeitnehmern mit Behinderung oder eingeschränkter Arbeitsfähigkeit, um die Wiedereingliederung auf dem Arbeitsmarkt zu erleichtern. Das Programm ist erfolgreich: laut ADEM haben 212 Teilnehmer es ganz absolviert, während 157 von ihnen in den normalen Arbeitsmarkt vermittelt wurden oder aber in Sozialinitiativen. Insgesamt kam es bis dato zu 36 Einstellungen.

Um Jobsuchende mit Behinderung und potenzielle Arbeitgeber direkt in Verbindung zu bringen, gibt es auch den „DUO Day“, der in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfand. Das Prinzip: Unternehmen heißen behinderte Arbeitssuchenden einen Tag lang willkommen, der dann im Duo mit einem Mitarbeiter die anfallenden Arbeiten bewältigt. 2018 bot sich 15 Kandidaten diese Gelegenheit, 2019 schon 17. Die nächste „DUO Day“-Aktion findet im kommenden Frühjahr statt.

Die Zahl der interessierten Unternehmen steige, freut sich Jill Voss vom „Service Handicap et Reclassement professionnel“ der ADEM. Auch wenn es nicht direkt zu Einstellungen kommt, sei diese Gelegenheit des gegenseitigen Kennenlernens wichtig. „Sehr oft hören wir von den Arbeitnehmern, dass sie nicht wissen, wie sie behinderte Mitarbeiter finden“, erzählt Voss. Es gibt viele Fragen über den Empfang der Anwärter, ihre Verfassung und ihre Betreuung. Die ADEM rät interessierten Arbeitgebern stets, es mal über längere Zeit mit einem solchen Jobsuchenden zu versuchen, die finanzielle Unterstützung sei immer gewährleistet. Natürlich stellen sich auch die Jobsuchenden eine Menge Fragen. „Die Hauptfrage ist immer: wie soll ich über mein Handicap sprechen“, sagt Voss. Die Antwort sei natürlich immer sehr individuell. Allgemein rät sie: „es bringt nichts, etwas zu verstecken“. Selbst wenn man ein Handicap im Lebenslauf nicht angibt, werde es beim Vorstellungsgespräch recht schnell erkannt.

Lëtzebuerger Journal

Kleiner Fortschritt“ | Was Info Handicap zur Inklusionsassistenz sagt

Mit der Inklusionsassistenz möchte man behinderten Arbeitnehmern und Arbeitnehmer in außerbetrieblicher Wiedereingliederung auf dem Markt helfen. Im Gespräch mit Vera Bintener, Koordinatorin des Juristischen Informationsdienstes bei Info-Handicap, erfahren wir, welche Probleme das Gesetz birgt.

Wie erleichtert die Inklusionsassistenz die Arbeitswelt für behinderte Menschen?

Vera Bintener Eine Arbeitsstelle zu finden ist für jene, die eine Behinderung haben, von Anfang an komplizierter. Bei jenen, die bereits in einem Beruf integriert sind und sich mit einer Behinderung konfrontiert sehen, geht es seitens der Inklusionsassistenz um eine bestmögliche Adaptierung. Unser Vorschlag, die Assistenz auch bei innerbetrieblichen Wiedereingliederungen greifen zu lassen, wurde leider nicht berücksichtigt.

Welche praktischen Probleme stellen sich?

Bintener Viele Betroffene wissen nicht, welche Maßnahmen für sie in Frage kommen. Dann sind die Prozeduren oft sehr langwierig. Wird die Inklusionsassistenz kompliziert umgesetzt, wird sie weniger genutzt. Offen bleibt, wie die ADEM aufgestellt ist, um diese begleiten zu können. Sie sollen Entscheidungen bezüglich der Projekte des Inklusionsassistenten treffen - doch sind sie dafür ausgebildet? Nach zwei Jahren sollte man auf jeden Fall eine Evaluierung des Gesetzes vollziehen.

Hilft das Gesetz, die Quote behinderter Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft zu erfüllen?

Bintener Es fällt schwer, das sofort mit der Quote in Verbindung zu setzen. Das Arbeitsministerium will nicht repressiv vorgehen, sondern möchte auf Sensibilisierung setzen. Sensibilisierung alleine reicht aber nicht. In anderen Ländern werden Sanktionen ausgesprochen.

Wie steht die Maßnahme im Einklang mit dem Bestreben nach mehr Kompetitivität?

Bintener Ängste um die Kompetitivität sind bei den Arbeitgebern durchaus real, wenn es um die Einstellung behinderter Arbeitnehmer geht. Die finanzielle Unterstützung ist allerdings beachtlich. Wenn die neue Maßnahme greift, müssten diese Ängste abgebaut werden. Die „Chambre de Commerce“ hat in ihrer Stellungnahme zum Gesetz bemängelt, dass die Assistenten keinerlei betriebswirtschaftlichen Kompetenzen besitzen müssen. Die Kritik ist nachvollziehbar, doch sollten diese Kompetenzen vom Arbeitgeber kommen.