SIMONE MOLITOR

Inklusion hat sich zu einem viel genutzten Begriff entwickelt, besonders seit ihn die Politik für sich entdeckt hat. Wer die Bedeutung des Wortes kennt, kennt auch sein Gegenteil: Ausgrenzung. „Ausgrenzung“ lässt sich niemand gerne anlasten. Genau wie sich niemand vorwerfen lassen will, Vorurteile zu haben oder gar von Berührungsängsten geplagt zu sein. Oft sind wir uns überhaupt nicht bewusst, welche Barrieren wir tatsächlich in unseren Köpfen aufgebaut haben. Sehen wir einen Menschen im Rollstuhl, haben wir Mitleid. Blicken wir einer blinden Person hinterher, die sich scheinbar mit großer Mühe ihren Weg durch die Leute bahnt, geht es uns genauso. Mit welcher Behinderung auch immer wir „konfrontiert“ werden, wir fällen schnell ein Urteil. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wir Betroffenen überhaupt hinterher schauen...

Wenn die Blicke nun aber in Diskriminierung umschlagen, gibt es kein Pardon. Die Statistiken des Zentrums für Gleichbehandlung (CET) belegen, dass genau das aber nicht selten der Fall ist. Diskriminierung aufgrund einer Behinderung stand während mehrerer Jahre in Folge auf Platz eins. Die gleiche Situation zeichnet sich für 2014 ab. Das sollte zu denken geben, gerade heute am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, der letztlich unser Bewusstsein für die Probleme der Betroffenen schärfen soll. Und Probleme gibt es zuhauf.

Ist Inklusion, was Menschen mit einer Behinderung anbelangt, folglich immer noch eine große Baustelle? Es hat sich einiges getan, so viel ist klar. Genug? Nein. Im Jahr 2011 hat Luxemburg die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, demnach die darin enthaltenen Forderungen rechtlich verankert. Maßnahmen, um die Lebenssituation behinderter Menschen zu verbessern und ihnen die gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen, wurden in einem nationalen Aktionsplan festgehalten. An der Umsetzung in die Praxis mangelt es aber noch in manchen Bereichen. Vieles dürfte letztendlich eine Kostenfrage sein. Bestes Beispiel: Die schulische Inklusion. Kinder mit einer Behinderung besuchen häufig eine Sonderschule, obwohl sie in einer normalen Schule zurechtkommen würden, wenn ihnen beispielsweise ein Gebärdendolmetscher zur Seite gestellt würde. Die berufliche Inklusion bleibt ebenfalls ein Problem, auch wenn die neueste Eurostat-Studie ein anderes Bild vermittelt: In Luxemburg liegt der Unterschied in der Erwerbstätigenquote behinderter und nicht-behinderter Personen nämlich bei minus 2,4 Prozentpunkten. In den Niederlanden sind es minus 37,4. Das liegt an den Möglichkeiten, die geschützte Werkstätten hierzulande bieten. Gleichzeitig birgt aber auch dieses Angebot seine Schattenseite: Obwohl keine gravierende Behinderung vorliegt, wird der betroffene Arbeitsuchende oft dorthin orientiert. Mit etwas Unterstützung könnte er jedoch einer normalen Arbeit nachgehen und somit ein besseres Gehalt beziehen. Der öffentliche Transport bleibt ebenfalls ein schwieriges Pflaster, genau wie es weiterhin an barrierefreiem Wohnraum mangelt.

Diese Baustellen müssen angegangen werden. Der Rest spielt sich in unseren Köpfen ab, und, je mehr wir darüber reden, desto eher verschwinden Berührungsängste und werden Vorurteile abgebaut.