LUC SPADA

... oder vielleicht Schach

Früher, sehr viel früher, so vor drei Jahren, Herbst, Frühjahr und Sommer, bin ich gejoggt. Viel gejoggt, fast jeden Tag. 10 km, 1 Stunde, immer im Kreis, um ein Fußballfeld herum, um das Risiko zu mindern, dass irgendein Hund in irgendeinem Park mich beißen wird. Hunde sind dort nämlich nicht erlaubt. Das sind so die Ängste, mit denen ich mich herumplage. Dazu kommt die Flugangst, obwohl ich eigentlich ziemlich viel fliegen muss, dann auch: Angst vor Dunkelheit, Wespen, Katzen, Goldfischen und Schule. Ok, weiter. Immer im Kreis laufen ist zwar langweilig, aber dank Kopfhörer konnte ich mir gleichzeitig auch immer die neuesten Alben und Hörspiele reinziehen.

Dann, wie das so ist, wurde es langsam Winter. Viel zu kalt für Sport im Freien. Sport ohne Winter ist bereits anstrengend genug. Da ich aber natürlich auch schon im Winter für den darauffolgenden Sommer meinen wahnsinnigen „Beachbody“ plane, also trainieren muss, habe ich mich in einem Fitnessstudio angemeldet. Die Verhandlung mit so einem ambitionierten Fitnessmenschen um den monatlichen Tarif, Anmeldegebühr und Startgebühr hat fast eine Stunde gedauert.

Schlussendlich musste ich dann keine Startgebühr und eine reduzierte Anmeldegebühr zahlen. Einziger Wermutstropfen war, dass ich auf die MEGA „Flat“ für gesunde muskelaufbauende Shakes verzichten musste. Das war mir recht. Das Prinzip „Flat“ hasse ich noch mehr als „Happy Hour“ und „All you can eat“. Also: Glück gehabt. Nach Waschmaschine, Spülmaschine, jetzt also auch noch ein eigenes Fitnessabo. Was macht diese Gesellschaft nur aus mir?

Fitnessstudio. Schon nur das Wort macht mich nervös. Nach Vertragsunterzeichnung war der erste Gedanke: Gott, was habe ich bloß getan? Ich musste mir das Ganze schönreden. Ich beruhigte mich mit der Idee, dass es dann eben ab sofort einen Raum in dieser Stadt gibt, der repräsentativ für den Ort des Sportgrauens stehen soll. Der Ort der Hölle, der einzige, wo Sport gemacht werden DARF. Sonst nirgends. Wenn der Gesundheitsehrgeiz dann geparkt wurde, soll draußen in der normalen Welt alles wieder wie immer, angenehm ungesund, sein: Currywurst essen, Gin Tonic trinken und VIELE DROGEN nehmen, Ihr wisst doch, was diese Medien so über Künstler in Berlin schreiben.

Um einen Trainingsplan zu erstellen, muss man mit dem Trainer drei Probetrainings absolvieren. Ein zusätzlicher Fitnesstest ist inklusive. Natürlich war ich super fit, so fit wie ein Fünfundzwanzigjähriger (!!!), also: drei Jahre weniger auf dem Buckel, als mein Ausweis eigentlich vorgibt. Mein PERSÖNLICHER Trainer schaute mich mit begeisterten Augen an, fast weinte er, er war wirklich stolz auf mich. „Etwas, auf das man aufbauen kann“, sagte er. Ich habe nicht nachgefragt, was er denn bauen möchte. 

Vor ein paar Wochen ist der Vertrag abgelaufen, bewusst gekündigt. Ich habe dieses sportliche Gestöhne von diesen präpotenten türsteherähnlichen Gestalten nicht weiter ertragen können, wenn sie mal wieder ein halbes Kilo mehr Gewicht fünf Sekunden länger gestemmt haben. Ouuuähhhr.

Und jetzt suche ich mal wieder eine neue Möglichkeit, Sport zu machen. Schach ist doch auch Sport? Beachbody, I’m coming!