LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Der Coronavirus hat Politik, Gesellschaft und Wirtschaft weltweit durcheinander gewirbelt. Das zeigt ein Bericht auf, der auf ganz unterschiedliche Aspekte eingeht. Er wurde gemeinsam von 36 internationalen Organisationen unter der Schirmherrschaft des Ausschusses für die Koordinierung statistischer Aktivitäten (CCSA) erstellt. Die Vereinten Nationen und andere Partnerorganisationen des CCSA stellen eine Fülle unparteiischer Daten und Statistiken kostenlos zur Verfügung, um eine faktengestützte Planung zu fördern. Denn nach der Krise soll es ja weitergehen; daran arbeiten zahlreiche Regierungen. Wir präsentieren einige Fakten aus dem Bericht, der zeigt, wie COVID-19 die heutige Welt beeinflusst.

Mehr zum Bericht unter tinyurl.com/ccsacoronareport

2 Billionen

Importe und Exporte medizinischer Produkte beliefen sich auf insgesamt etwa zwei Billionen US-Dollar, einschließlich des Handels innerhalb der EU, der 2019 etwa 5 Prozent des gesamten Welthandels mit Waren ausmachte. Schutzmaterialien, die im Kampf gegen COVID-19 eingesetzt werden, unterliegen einem durchschnittlichen Zollsatz von 11,5 Prozent und erreichen in einigen Ländern sogar 27 Prozent. Zu den zehn größten Exporteuren von Waren zum persönlichen Schutz gehören China, Deutschland, die USA, Japan, Frankreich, Italien, die Niederlande, Belgien, Großbritannien und Polen.

90 Prozent  

Der Passagierflugzeuge sitzen derzeit am Boden fest. Mehr als andere Branchen ist die Luftfahrtindustrie von der Coronaviruskrise betroffen. Die Nachfrage nach Reisen sank drastisch, was durch Reisebeschränkungen noch verstärkt wurde. Die Region Asien/Pazifik verzeichnete mit 85 Millionen den stärksten Rückgang der Passagierzahlen, gefolgt von Europa und Nordamerika mit 50 respektive 35 Millionen Passagieren. Die Aussichten sind ungewiss, die Kosten enorm und der Druck auf verbundene Industrien wie Hersteller, Flughäfen, Reiseunternehmen oder Investoren hoch.

Minus 60 bis 80 Prozent

Der internationale Tourismus verzeichnet einen Rückgang von 60 bis 80 Prozent. Das ist abhängig davon, wie Einreisebeschränkungen und Grenzkontrollen aufgehoben werden, aber auch davon, woher die Touristen kommen und wie stark das Land selbst betroffen ist. So gehören die Kapverden oder die Bahamas zu jenen Reisezielen, zu denen bislang besonders viele Touristen kamen, deren Heimat jetzt unter hohen COVID-19-Infektionsraten leidet.

26,5 Prozent

Der weltweite Handel hatte schon unter dem Streit der USA mit China gelitten, das Coronavirus gab ihm dem Rest. Im zweiten Quartal dieses Jahres soll er um 26,5 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal absacken. Die Rohstoffpreise brachen ebenfalls ein, über 33 Prozent bei Rohöl und immerhin noch vier Prozent bei Agrargütern. Das sind historische Werte, die es bislang so nicht gegeben hat.

305 Millionen

So viele Vollzeitstellen hat das Coronavirus ausgelöscht. Denn die Coronaviruskrise sorgt für den größten Schock auf den weltweiten Arbeitsmärkten seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Rückgang entspricht genaugenommen der Leistung von 305 Millionen 48-Stunden-Vollzeitstellen. Das sind 10,5 Prozent im ersten Quartal laut der „International Labor Organization“ (ILO). Mit weiteren, schweren Folgen ist durch eine mögliche zweite Welle, Reiserestriktionen und bereits erlittene Einbußen der Unternehmen zu rechnen.

36 Prozent

Innerhalb der 38 OECD-Länder leben 36 Prozent der Menschen unter solchen Umständen, dass sie zwar nicht als arm zu bezeichnen sind, aber dennoch nicht über ausreichende Mittel verfügen, sich und ihre Familie drei Monate lang oberhalb der Armutsgrenze zu halten, falls sie plötzlich kein Einkommen mehr erhalten. Betroffen sind vor allem junge Leute, jene ohne höheren Bildungsabschluss sowie Paare mit Kindern. Viele Länder haben soziale Maßnahmen eingeführt, doch nicht überall werden sie sofort umgesetzt. So droht die Gesundheitskrise zur Sozialkrise zu werden.

246.210 Tonnen

Studien der Universität Harvard zeigen, dass langfristige Luftverschmutzung ein Risikofaktor für eine COVID-19-Erkrankung ist. Gleichzeitig hat die Krise enorme Auswirkungen auf medizinischen Abfall und die Verschmutzung der Meere. Vordergründig schienen sich alle erstmal zu freuen, weil die Luftverschmutzung und insbesondere die Stickstoffdioxid-Belastung durch die Reise- und Verkehrsbeschränkungen stark sanken. Doch schon jetzt steigt die Zahl der kritischen Stimmen, denn der enorme Plastikverbrauch und in der Natur achtlos entsorgte Masken und Einmalhandschuhe sind Gesundheitsrisiken. Gleichzeitig herrscht weltweit ein Mangel an persönlicher Schutzausrüstung. In der Europäischen Union ist laut einer Schätzung mit zusätzlichen 164.140 bis 246.210 Tonnen gefährlicher medizinischer Abfälle zu rechnen. Deren unsachgemäße Entsorgung durch Verbrennung wird zur Entstehung hochgiftiger persistenter organischer Schadstoffe (POP) führen, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Daher sollte das Abfallmanagement im politischen Fokus stehen.

1,6 Milliarden

Weltweit sind mittlerweile rund 1,6 Milliarden Schüler und Studenten in 192 Ländern von der Schließung ihrer Schule oder Universität betroffen – immerhin 90 Prozent aller weltweit Lernenden. Darüber hinaus leben rund 140 Schüler und Studenten in Ländern mit lokalen Schließungen von Bildungsinstituten. Nur eine geringe Anzahl an Ländern hat die Schulen und Universitäten nicht geschlossen. Laut dem UNESCO-Institut für Statistik betraf die Krise die Schüler im zweiten Schulhalbjahr, in dem sie bereits weit fortgeschritten waren. In der südlichen Hemisphäre betraf sie rund ein Viertel der Lernenden, die nicht mit dem regulären Unterricht beginnen konnten. Die Folgen sind sehr unterschiedlich und hängen stark davon ab, wie gut Lehrer und Schüler den Online-Unterricht organisiert haben respektive, wie gut sie Zugriff darauf haben. Auch die Unterstützung zu Hause ist entscheidend. Kritiker gehen davon aus, dass sozial ohnehin benachteiligte Kinder durch die langen Schließungen weitere Nachteile haben werden. Befürchtet wird auch, dass Regierungen weniger in Bildung investieren. In vielen Ländern ist eine geordnete Rückkehr zum normalen Unterricht noch unklar.

4.000 statt 18.000

Bislang zählte das UNHCR wöchentlich knapp 18.000 Registrierungen von Flüchtlingen. Aufgrund der Coronaviruskrise sackte diese Zahl ab auf etwas über 4.000 Registrierungen. Doch das Virus betrifft auch jene 70 Millionen Flüchtlinge, die es weltweit bereits gibt und von denen rund die Hälfte Kinder sind. Immerhin 73 Länder haben ihre Asylprozeduren ganz oder teilweise ausgesetzt, 58 haben den Zugang zu den Verfahren beschränkt.

Minus 3,5 Prozent

So hoch war der Rückgang des von Eurostat errechneten Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2020 für die EU-Länder im Vergleich zum vorherigen Monat. Das mag sich nach nicht viel anhören. Tatsächlich aber ist es der stärkste gemessene Rückgang in den EU-Ländern seit dem Beginn der Berechnungen im Jahr 1995. Noch ist die Zahl vorläufig. Bemerkenswert wird sie aber in jedem Fall sein. So stellt sich denn auch weniger die Frage, wie man eine Rezession vermeiden kann, sondern eher, wie sich struktureller Schaden abwenden lässt.

Über 90 Prozent

COVID-19-Erreger schlägt vor allem in der Stadt zu:  Über 90 Prozent der Erkrankten wohnen im urbanen Umfeld. Gerade in Slums und Armenvierteln hat das Virus eine direkte Wirkung auf die Versorgung mit Essen, den Verlust des Arbeitsplatzes und den Schutz der Behausung für die Familie. Oft fehlen Daten über die Ausbreitung, die für Strategien hilfreich wären.

23

Statistische Daten sind wichtig, um bei Krisen die richtigen Entscheidungen zu treffen. Daher ist es bemerkenswert, welchen Einfluss das Virus auf die Datenerhebung hat. 59 Länder wollten 2020 eine Volkszählung durchführen. 23 haben diese bereits verschoben, 26 weitere denken darüber nach. Weiterhin geben Länder an, Schwierigkeiten bei der Durchführung zu haben. Das Problem verschleppt sich, denn für 2021 hatten 68 Länder Volkszählungen vorgesehen.