LUXEMBURGSVEN WOHL

„Papers, Please“ verarbeitet den Fall der Sowjetunion auf spielerische Art

Es sollte eigentlich gar keinen Spaß machen: Ausweise kontrollieren, Daten vergleichen, Personen filzen und diese notfalls auch abführen lassen. „Papers, Please“ zeigt jedoch, dass alles, Spaß machen kann wenn es richtig umgesetzt wird. Schlimmer noch, es kann einen sogar zum Nachdenken anregen.

Am Hebel

„Papers, Please“ gehört zu einer relativ neuen, aber immer stärker präsenten, Bewegung in der Videospielkultur, die es sich zum Ziel gemacht hat, ernste Themen spielerisch und künstlerisch aufzubereiten. Das funktioniert hier tadellos, denn wo etwa bei „Cart Life“ der eigentliche Spielspaß klein geschrieben wird, überzeugt „Papers, Please“ in allen Belangen. Die Spieler übernehmen einen namenlosen Kontrolleur an einem Grenzposten in einem fiktiven Staat, der nur allzu sehr an einen Satellitenstaat der Sowjetunion erinnert. Alles in diesem Spiel wirkt, als würde es aus Osteuropa aus den 1980ern stammen: Schrift, Musik, Soundeffekte und die Grafik wirken bewusst altertümlich.

Die Unterdrückung des Systems, das man selbst letztlich mit verkörpert, ist omnipräsent, die Situation wird stets düster gezeichnet. Sinnbild hierfür sind die Bildschirme, die zu Ende jeden Tages erscheinen: Auf schwarzem Hintergrund verkündet eine weiße Schrift, wie viel Geld man verdient hat. Und wie es der eigenen Familie geht, ob sie genug zu essen haben, es ihnen kalt ist oder sie krank sind. Das Überleben der Angehörigen hängt von der eigenen Leistung ab. Dieser Bildschirm steht natürlich im krassen Kontrast zum in den 80er üblichen Punkteschirm am Ende einer Runde an einem Spielhallenautomaten. Die Konsequenzen des eigenen Handelns sind unmissverständlich hart.

Moralischer Stempel

Bezahlt wird man immer nur dann, wenn jemand rein gelassen wird. Nur wird die Zahl derjenigen, bei denen die Papiere in Ordnung sind, immer geringer. Also muss man immer mehr „Illegale“ reinlassen. Doch Vorsicht, die Aufsichtsbehörde findet unregelmäßig heraus, ob man schummelt. Nach zwei Warnungen wird dann schon das Gehalt gekürzt. Dann kommen die kniffligen Situationen: Soll man eine Frau reinlassen, die nicht alle notwendigen Papiere hat und der die Todesstrafe im Heimatland droht? Im Hintergrund läuft eine Geschichte ab, an deren Ausgang man selbst ebenfalls beteiligt ist. Denn das Regime lässt sich sabotieren, indem man etwa Terroristen bewusst reinlässt. In der Vermittlung seiner Erzählung unterscheidet sich damit „Papers, Please“ von fast allen anderen Videospielen. Wo normalerweise direkte und teils brutale Mittel zum Einsatz kommen, um Gegner zu bezwingen, muss hier Subtilität angewandt werden. Man sitzt zwar am Hebel, hat aber immer nur indirekt Einfluss auf das Geschehen. Doch es vermittelt die Gewissensbisse, die ein solcher Beamter haben musste, beinahe perfekt.

Die Aufgabe wird auch zunehmend perfider: Die Dokumente werden zahlreicher, komplexer zu kontrollieren und nehmen immer mehr Zeit in Anspruch. Körperdurchsuchungen werden üblich, im späteren Verlauf bietet ein Wärter zudem an, zusätzlich zu bezahlen, wenn man mehr Menschen festnimmt, auch wenn sie nichts getan haben. Kurz: Die moralischen und spielerischen Entscheidungen werden immer weitreichender und das Spiel verpasst keine Gelegenheit, um dies eindeutig zu vermitteln. „Papers, Please“ ist einzigartig und absolut spielenswert, egal ob man ein Neuling oder Vollprofi ist.