LUXEMBURG
BODO BOST

Vor 150 Jahren wurde der Suez-Kanal eröffnet: Rückblick auf seine blutige Geschichte

Am 17. November 1869 wurde der Suez-Kanal eröffnet. Der Kanal, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet, erspart Schiffen die Umfahrung Afrikas, und damit einen Umweg von mehr als 7.000 Kilometern. Neben dem Franzosen de Lesseps waren der Österreicher Negrelli und ein Armenier die entscheidenden Figuren beim Kanalbau.

Der Suezkanal war von der Natur vorgezeichnet, denn der Isthmus von Suez ist eine den Golf fortsetzende Bodensenkung mit geringen Höhen und einer Reihe von Seen. Der älteste Kanalbau über den Nil stammt schon aus der Zeit der Pharaonen. Eine Inschrift im Tempel von Karnak berichtet davon.

Vom Roten Meer wurde durch das Wadi Tumalit zwischen Suez und Kairo ein Durchbruch bis zum Nil gegraben, der jedoch später versandete. Die Geschichte des heutigen Suezkanals ist eng verbunden mit dem zunehmenden Einfluss der europäischen Mächte im Nahen Osten, die mit der napoleonischen Eroberung Ägyptens 1798 begann. Schon Napoleon plante während seines ägyptischen Feldzuges einen neuen Wasserweg, der diesmal die beiden Meere direkt durch die Landenge von Suez verbinden sollte.

Mit dem Suezkanal wollte Frankreich Weltmacht werden

Nach dem Scheitern der Weltmachtpläne von Napoleon I. versuchte sein Neffe Napoleon III. an die Pläne seines Onkels anzuknüpfen. Er nahm alte Pläne eines Kanalbaues wieder auf. Das Gelände am Isthmus von Suez wurde untersucht. Die errechnete Höhendifferenz von fast zehn Meter zwischen dem Wasserspiegel des Roten und des Mittelmeeres ließ eine Realisierung zunächst unmöglich erscheinen. Erst am 30. November 1846 wurde durch die von Prosper Enfantin gegründete „Société d‘Études du Canal de Suez“ mit den Planungen begonnen.

Der Österreicher Alois Negrelli, der Engländer Robert Stephenson und der Franzose Paulin Talabot hatten die Federführung. Nach der ergebnislosen Zusammenkunft der Studienkommission im September 1855 gründete Ferdinand de Lesseps am 30. Oktober 1855 die Internationale Kommission für den Suezkanal, in der außer Negrelli kein Mitglied der Studienkommission mehr vertreten war. Am 23. Juni 1856 eröffnete de Lesseps in Paris die erste Sitzung der Internationalen Kommission des Meereskanals von Suez, an der Vertreter Frankreichs, Englands, Spaniens, Preußens, Sardiniens, Hollands und Ägyptens sowie Negrelli als Repräsentant Österreichs teilnahmen.

Die Frage der Trasse endete mit einem Sieg Negrellis, dessen Vorschlag ebenso wie sein Vorschlag eines schleusenlosen Kanals angenommen wurden. 1857 ernannte Vizekönig Saïd Pascha Negrelli zum Generalinspektor der Kanalbauten, dieser starb jedoch am 1. Oktober 1858. Nach Negrellis Tod konnte sich de Lesseps dessen Pläne für den Bau des Suezkanals beschaffen und mit den Arbeiten 1859 beginnen, nachdem er von dem ägyptischen Vizekönig Said Pascha die Erlaubnis dazu erhalten hatte.

1,5 Millionen Arbeiter

Als Ismaïl Pascha 1863 die Macht in Ägypten übernahm, geriet das Projekt, das ständig von den Briten hintertrieben wurde, wieder in Gefahr. Es war sein Minister, der Armenier Nubar Pascha (1825-1899), engster Berater der Khediven, dem es gelang den Widerstand Ismail Paschas gegen die Durchstechung des Isthmus von Suez zu brechen. Er besorgte 1866 auch den benötigten Firman des Sultans des Osmanischen Reiches, zu dem Ägypten nominell immer noch gehörte. Monat für Monat wurden jetzt vertragsgemäß 25.000 Fellachen zwangsweise von den Feldern des Nildeltas geholt und an den Suezkanal geschickt, wo sie unter erbärmlichsten Bedingungen arbeiten mussten. Rund 1,5 Millionen Arbeiter, mehr als 10 Prozent aller Ägypter, waren unter de Lesseps am Bau des Suezkanals beteiligt, von denen 125.000 meist durch Epidemien ihr Leben verloren. Der Suezkanal, der heute in Ägypten gerne als „Friedenskanal“ bezeichnet wird, hat so mehr Opfer gefordert als alle Nahostkriege zusammen.

Ein Land im Würgegriff

Am 17. November des Jahres 1869 wurde der Suezkanal in Anwesenheit der französischen Kaiserin Eugenie und des österreichischen Kaisers eröffnet. Mit dabei waren auch die Statthalter von Luxemburg, Prinz Heinrich und seine Gemahlin Amalia mitsamt einer Flotte von 68 Schiffen. Ganz neue Städte wie Ismailia und Port Said entstanden aus dem Nichts. Der Bau sollte Ägypten nach den vielen Toten beim Bau auch weiterhin kein Glück bringen. Er machte das Land derart von ausländischen Krediten abhängig, dass die von Großbritannien und Frankreich eingerichtete Staatsschuldenverwaltung das Land im Würgegriff hatte. Zur Sicherung seiner Interessen erwarb Großbritannien die ägyptischen Kanalaktien.

Im September 1882 wurde Ägypten von britischen Truppen besetzt, um, wie es hieß, die finanzielle Stabilität wiederherzustellen und den Suezkanal zu schützen. Im Dezember 1914, kurz nach Beginn des 1. Weltkrieges, erklärten die Briten Ägypten zu ihrem Protektorat und lösten es aus der Oberhoheit der Osmanen. Am Ende des 1. Weltkrieges teilten England und Frankreich den Nahen Osten in Interessenssphären auf, die sie möglichst direkt kontrollieren wollten. Erst seit 1922 erhielt Ägypten erstmals sieben Prozent des Profites der Suezkanal-Gesellschaft. Unter dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser wurde dieser am 27. Juli 1956 verstaatlicht, was zur Suezkrise führte. Da Ägypten auch mehrmals seit 1950 die Wasserstraße für Schiffe mit für Israel bestimmte Gütern gesperrt hatte, eroberten die Israelis im Sechs Tage-Krieg 1967 die Sinai Halbinsel und stoppten erst am Suezkanal. Dieser bildete bis 1973 die Demarkations- und Frontlinie zwischen Israel und Ägypten, die Schifffahrt ruhte bis 1975. Im Laufe der Zeit wurde der Kanal mehrmals erweitert, weil die Schiffe immer größer wurden. 2015 wurde ein neuer, parallel zum existierenden Kanal verlaufender, rund 37 km langer Kanalabschnitt eröffnet. Da er nur in einer Richtung durchfahren werden kann, zumeist in Konvois die elf bis 16 Stunden benötigen, entstehen lange Wartezeiten. Zwei Brücken und zwei Tunnels verbinden heute Afrika mit Asien. Heute ist der Suezkanal eine der wichtigsten Einnahmequellen für Ägypten (s. Rahmen). Ferdinand de Lesseps erhielt als Schöpfer des Suezkanals ein Denkmal an der Einfahrt zum Kanal in Port Said. Im Jahr 1956 wurde dieses Denkmal von seinem Sockel geholt. Auch die nach Negrelli benannte Straße in Ismaïlia wurde 1956 umgetauft in Straße der ägyptischen Armee.

Die Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum sind eher diskret. Frankreich und Ägypten geben eine Briefmarke von de Lesseps heraus und am 13. November ist in der Bibliothek von Alexandria ein Kolloquium über den Kanal als Gedenkort geplant. Geplant ist auch ein Museum in Ismaïlia. Aber die Arbeiten daran laufen noch.