LUXEMBURGNORA SCHLEICH

Wandern auf den Dreitausendern in den italienischen Dolomiten befreit die Seele

Wie kleine goldene Christbaumkugeln sehen die gelben Gondelkabinen aus, die sich an der Seilbahn entlang in schwindelerregende Höhen hinauf bewegen. Winzig und verschwindend sind sie vor dem gewaltigen Hintergrund tiefgrüner Wälder, die sie nahezu zu verschlucken scheinen. Bewundernd lasse ich meine Augen den Kabinen folgen, die immer höher und höher steigen, bis sie oben ihr Ziel erreichen.

Das sonnige Bergplateau ist Startpunkt zahlreicher Wanderer und Biker, die sich begeistert auf etlichen Routen verstreuen, um den majestätischen Anblick der Dolomiten zu genießen. Hoheitsvoll ragen imposante Felswände in den Himmel empor, die einen wahrlich im ersten Moment bloß staunen lassen. Auch mir ging es einige Male so, dass ich auf meiner Wanderung innehalten musste und die unbeschreibliche Kulisse dieser mächtigen Gesteinsformationen auf mich wirken ließ. Doch was ist das Besondere an Civetta, Marmolada oder Antelao, einige der bekanntesten Dreitausender dieser Region? Vielleicht ist es die ungewöhnliche Form und Farbe der Gebirgswände, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Es sind meist sehr steile Kanten, die an geradlinige Klippen erinnern, ganz anders als die kegelförmigen Gebirge der Alpen. Im Sommer schimmern sie eindrucksvoll in orangenen und hellbraunen Tönen - ein atemberaubendes Farbenspiel im Kontrast zu den grünen Weiden und Wäldern, die sich am Fuß der Berge zeigen.

Die Ruhe als heiliges Credo

Die Region Alta Badia weiß um diesen Schatz, und hat etliche Infrastrukturen geschaffen, damit sich ihre Gäste an der herrlichen Gegend erfreuen und eine Auszeit in den traditionellen Dörfern genießen können. Den Alltag hinter sich lassen, ja diese Floskel hört man allzu oft, doch als ich durch das Dörfchen San Cassiano spazierte, bestätigte sich genau dieser Eindruck: Ich fühlte mich zurückgesetzt in eine Zeit, in der die Ruhe noch ein heiliges Kredo war. Die kleinen Gassen und die hüttenhaften Häuschen strahlen eine besonnene Gemütlichkeit aus. Diese besondere und wohlige Atmosphäre wird auch durch das viele Holz geschaffen, aus dem die meisten Fassaden der Häuser, Hotels und Ferienwohnungen sind. In San Cassiano leben nur ungefähr 850 Einwohner, wobei es aber über 4.000 Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen gibt. Die Kulisse des Dörfchens ist jedoch nicht von klobigen Hotels verbaut, sondern erhält ihren Charme durch die vielen kleinen Chalets, die nur darauf warten, von Feriengästen belebt zu werden.

Rad- und Wanderwege

Wem das Ausruhen im Chalet zu eintönig ist, kann von den zahlreichen Sport- und Freizeitangeboten profitieren. Die Dolomitenregion ist für viele Radler und Wanderer äußerst attraktiv, und die Einheimischen wissen dies zu nutzen. So wurde viel in Bike- und Hike-Infrastrukturen investiert, um den Bedürfnissen der Sportbegeisterten nachkommen zu können. Tatsächlich trieben sich gleich viele Wanderer und Radler herum, die Einen, um im anspruchsvollen Gebirge ihre Kondition zu trainieren, die Anderen, um die einzigartige Natur in Verbindung mit körperlicher Tätigkeit erfahren zu können. Es ist wirklich für jeden ein zugeschnittenes Angebot dabei, weswegen man auch auf den Terrassen der Berghütten, die als Zwischenstopps für Touren angelegt sind, ein farbenfrohes Gemisch von muskulösen, sehnigen Athleten, von Naturfreunden und den Tapetenwechsel genießende Familien begegnen kann.

Künstlerwege und Schlutzkrapfen

Mich hat die Wärme des Sommers auf jeden Fall auch nach draußen gezogen. In La Villa habe ich den „Tru di artisc“ - den Weg der Künstler entdeckt. Auf diesem 3,5 km langen Wanderweg findet man Skulpturen und Gedichte von Künstlern aus dem Dolomitengebiet. Der Weg ist sauber angelegt, weswegen man auch vielen Kinder und Familien hier begegnen kann. Ein weiteres Highlight zum Wandern bietet der Rundgang um den „Lago di Braies“, zu Deutsch den Pragser Wildsee. Die Kulisse hier ist einmalig. Der tiefe See offenbart ein schillerndes Spektakel aus blauen und grünen Farbtönen. Umrandet wird das Gewässer von dem imposanten Dolomitengebirge und üppigen, in der warmen Sonne smaragdgrün leuchtenden Wäldern. Auch hier führt ein gut angelegter Wanderweg um den See herum, auf etwa drei Kilometern kann man Gewässer und Natur aus allen Blickwinkeln heraus betrachten. Legt man ab und an eine Pause an den ausgewählten Aussichtspunkten ein, bleibt einem bei dem prächtigen Anblick schon mal der Atem weg. Wer Lust hat, kann auch eine Bootstour über den See machen, oder einfach nur an dem danebenliegenden Restaurant ladinische Spezialitäten, wie Gerichte mit Gerste, Polenta, Schlutzkrapfen, panierte Teigtaschen, oder den viel gepriesenen einheimischen Käse und Schinken genießen.

Ladiner haben ihre eigene Sprache

Die dolomitenladinische Region hat einen ganz eigenen und speziellen Charakter. Die ladinische Sprache ist neben dem Italienischen und dem Deutschen eine der Hauptsprachen Südtirols, die auch in den dortigen Schulen unterrichtet wird. Aber die Sprache wirkt doch sehr fremd, sogar der polyglotte Luxemburger kann mit den Ausdrücken auf Anhieb nur wenig anfangen. Dass die Ladiner an ihrer Sprache festhalten, ist typisch für ihr Kulturverständnis. Tradition und Naturverbundenheit zeichnen die Ladiner aus, weswegen neben dem modernen Tourismusgeschäft auch die Land- und Forstwirtschaft noch immer wichtige Eckpfeiler der Region sind.

Wer Spaß an einem Mix aus Natur, Authentizität und einem gesunden Schuss Moderne hat, der dürfte in Alta Badia mit Sicherheit einen erholsamen und erfüllenden Urlaub verbringen. Die Region nördlich von Venedig und östlich von Bozen besteht aus schroffen Felsen und sanften Bergwiesen. Seit 2009 sind die Dolomiten Teil des UNESCO Weltnaturerbes.


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