LUXEMBURGCLAUDE MÜLLER

4. und letzter Teil der „Family of Jazz“-Reihe

Rolf und Joachim Kühn sind wohl das bekannteste Brüderpaar der deutschen Jazzszene. Rolf, der Klarinettist hat mit seinen Erfahrungen in Rock und Freejazzkreisen diesem Instrument zu einer Renaissance im Modern Jazz verholfen. Der 85-jährige, der noch immer viele Stunden täglich übt, hat Anfang des Jahres eine viel gelobte CD mit neuen Kompositionen auf den Markt gebracht. Joachim Kühn, ein weltweit durch seine musikalische Polyvalenz geschätzter Pianist, ist sowohl als profilierter Solist, wie auch mit seinem legendären Trio beziehungsweise Sideman bedeutendster Solisten geschätzt.

Die Brüder haben ebenfalls gemeinsam eine Reihe von interessanten Projekten im Angebot. In diesem Sommer waren auf einigen Festivals Väter und Söhne vereint. Wolfgang Dauner, der Pionier der europäischen Jazz-Rockbewegung schlechthin, stellte seinen Sohn, den Schlagzeuger Florian vor. Einer der wichtigsten Erneuerer des modernen Posaunenspiels ist der 2005 verstorbene Albert Mangelsdorff der mit seinem Stil die Rolle der Posaune revolutionierte. Sein Bruder, der 90-jährige Altsaxofonist und Jazzpädagoge Emil Mangelsdorff, ist noch heute aktiv.

Verkannte Interpretin

Die amerikanische Sängerin Jeanne Lee gehört zu den hervorragendsten, aber auch am meisten verkannten Interpretinnen des neueren Jazz. Seitdem sie 1967 den deutschen Multiinstrumentalisten Gunter Hampel geheiratete hat, hat sie, bis zu ihrem Tod im Jahr 2000, mit dessen Formationen eine lange Reihe spektakulärer Projekte im Bereich des experimentellen Jazz realisiert. Markus Stockhausen, einer der führenden Trompeter Deutschlands, ist der Sohn des avantgardistischen Komponisten und Elektronikexperimentators Karlheinz Stockhausen. Hauptsächlich im Free Jazz tätig sind die Brüder Conny und Johannes Bauer, alle beide Posaunisten, die aus der ehemaligen DDR stammen und anfänglich maßgeblich zur Popularität dieses Stils im Osten beigetragen haben. Auch Francis, der Bruder des Geigers Didier Lockwood, hat sich dem Jazz verschrieben und wurde Pianist. Am 22. August heiratete Didier Lockwood die Opernsängerin Patrizia Petitbon. Lockwood arbeitete zeitweise mit den Brüdern Boulou und Elias Ferré zusammen, virtuose Gitarristen des „Jazz Manouche“, deren Vater Matelot noch mit Django Reinhard und Stéphane Grapelly aufgetreten ist. Seit dem Film „Lubat et fils“ wissen wir, dass der Sohn des Bandleaders, Schlagzeugers und Pianisten Bernard Lubat ebenfalls Musiker ist und in seiner Formation „Compagnie Lubat“ mitwirkt. Der Trompeter Stéphane Belmondo, der im Sommer auf vielen wichtigen Jazzfestivals zu Gast war, leitet gelegentlich eine Familienband zusammen mit seinem Bruder Lionel und seinem Vater Yvan, beides Saxofonisten.

Hans Dulfer, Saxofonist aus Amsterdam, der das Privileg genießt mit Miles Davis zusammengespielt zu haben, ist der Vater von Candy Dulfer, eine der bekanntesten Jazzmusikerinnen Europas im Fusionbereich. Auch eher im Bereich der populären Musik tätig ist der Sänger Roger Cicero, der neben seiner Starrolle als Crooner mit gepflegtem Big Bandsound in letzter Zeit mit seiner Combo als Jazzinterpret von sich reden macht. Sein Vater, der aus Ungarn stammende Eugen Cicero, war ein bedeutender Jazzpianist, der vor allem durch seine Bearbeitungen klassischer Werke in Triobesetzung mit dem Schweizer Schlagzeuger Charlie Antolini Karriere machte.

Drei Generationen Schweizer Jazz

Aus England kennen wir zwei berühmte musikalische Ehepaare. Im „United Jazz & Rockensemble“ spielten sie jahrelang zusammen, die Saxofonistin Barbara Thompson und ihr Ehemann, der Schlagzeuger John Hiseman (Ex-Colosseum). Kate und Mike Westbrook, die „enfants terribles“ der britischen Szene haben zusammen unzählige aufsehenerregende Produktionen geschaffen. Der Pianist, Komponist und Bandleader ist seit über 40 Jahren mit der originellen Sängerin verheiratet. Die Vokalistin Urszula Dudziak und der Violonist Michael Urbaniak aus Polen leiteten als Ehepaar verschiedene Gruppen, die als Meilensteine in den Pionierzeiten der Fusionmusik gelten. Nach ihrer Scheidung machte jeder für sich mit außerordentlichen Projekten auf sich aufmerksam. Dudziak war während Jahren die Leadstimme des „Vienna Art Orchestra“ und Urbaniak, der sich in den USA etablierte und mehrfach als weltbester Geiger ausgezeichnet wurde, ist neben unzähligen eigenen Produktionen mit namhaften Stars auf Miles Davis‘ Album „Tutu“ zu hören.

Im belgischen Lüttich zu Hause war der Saxofonist Jacques Pelzer, der als Amateurmusiker mit vielen Jazzgrößen arbeitete. Er musizierte oft mit seiner Tochter, der Schlagzeugerin Micheline, die mit dem Pianisten Michel Grailler verheiratet war. Die drei traten in Luxemburg beim „Jazzclub“ zusammen mit dem legendären amerikanischen Trompeter Chet Baker auf.

Der Name Ambrosetti steht für drei Generationen bester Schweizer Jazz-Renommee. Franco Ambrosetti, der international erfolgreiche Hard-Boptrompeter und Flügelhornist, stellte im Mai beim Düdelinger Festival „Like A Jazz Machine“ seinen Sohn Gianluca, einen Sopransaxofonisten, vor. Francos Vater Flavio war einer der Urgesteine des Schweizer Modern Jazz und einer der ersten Europäer, die das Altsaxofon im Sinne eines Charlie Parker beherrschten.