MOSKAU/BRÜSSEL
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Neue Sanktionen erhöhen Druck auf Moskau - Von dort werden Gegenmaßnahmen angekündigt

Nach der Wende machten Russland und Europa viele Jahre gute Geschäfte miteinander. Nun sind die vertrauensvolle Beziehungen in tiefes Misstrauen umgeschlagen. Russland hat die neuen Sanktionen, mit denen Europäische Union und USA im Ukraine-Konflikt Druck auf Moskau ausüben, als kontraproduktiv kritisiert.

Mit der Veröffentlichung im Amtsblatt hatte die Europäische Union gestern sechs große russische Energie- und Rüstungsunternehmen von der Geldbeschaffung auf den EU-Kapitalmärkten abgeschnitten. So dürfen Anleihen der Ölfirmen Rosneft, Transneft und Gazprom Neft ab sofort nicht mehr an den Finanzmärkten der EU gehandelt werden.

Sanktionen könnten aufgehoben werden

Nach Angaben von EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy sollen die Sanktionen noch vor Monatsende überprüft und möglicherweise geändert werden. Dies hänge von Moskaus weiterem Verhalten in der Ukraine ab.

Einige Euroländer befürchten wegen der verschärften Sanktionen Einbußen für die eigene Wirtschaft. Österreichs Finanzminister Hans Jörg Schelling sprach gestern von einem Wachstumsdämpfer von rund 0,1 Prozentpunkten. Litauens Finanzminister Rimantas Sadzius sagte, das Wirtschaftswachstum seines Landes werde 2015 um 0,9 Punkte niedriger ausfallen und nur noch 3,4 Prozent betragen. Die neuen EU-Sanktionen zielen auch auf drei strategisch wichtige Rüstungsunternehmen, deren Anleihen nicht mehr an den EU-Finanzmärkten gehandelt werden dürfen. United Aircraft Corporation stellt Kampfflugzeuge her, Uralvagonzavod ist der führende russische Panzerhersteller, und OPK Oboronprom ist der wichtigste Gesellschafter des Hubschrauberproduzenten Russian Helicopters. Auf einer Liste von Unternehmen, an die keine Produkte mehr geliefert werden, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, stehen der Hersteller der bekannten Kalaschnikow-Sturmgewehre sowie Almas-Antej. Das Moskauer Unternehmen produziert unter anderem das Raketensystem Buk, mit dem im Juli vermutlich die malaysische Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine abgeschossen wurde.

Die Sanktionen des US-Finanzministeriums trafen unter anderem das größte russische Geldhaus Sberbank. Ihm und fünf weiteren russischen Banken dürfen US-Bürger kein Kapital und Kredite mit einer Laufzeit von mehr als 30 Tagen mehr zur Verfügung stellen.

Nun werden Gegensanktionen befürchtet. Der Duisburger Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält Importverbote aber für verkraftbar, da viele der wichtigen Autobauer mit Werken in Russland vertreten sind. Macht Moskau ernst und den Luftraum für westliche Airlines über Sibirien dicht, wäre das ein harter Schlag. Beispielsweise müssten die großen europäischen Airlines Air France-KLM, British Airways oder Lufthansa, die über Sibirien nach Asien fliegen, auf längere Routen ausweichen. Das kostet Treibstoff, Besatzungen müssen länger arbeiten. Experten gehen von etwa 10.000 Euro Mehrkosten pro Flug aus. Aber: Bisher päppelte Moskau mit den Einnahmen von über 200 Millionen Euro pro Jahr aus den Überflugrechten die Staatsairline Aeroflot auf.