LUXEMBURG
MARCUS STÖLB

High Society von Mike Jay: eine Kulturgeschichte der Drogen

Der Trunk ist wenig ansehnlich, da hilft auch nicht die Kokosschale, in der er kredenzt wird: eine schlammig-hellbraune Brühe, die im Mund wie Pfeffer brennt und in der Kehle ein Taubheitsgefühl hervorruft. Die weiteren Wirkungen des Getränks lassen nicht lange auf sich warten: Der Kopf wird schwer, der Konsument geräuschempfindlicher, die Augen lichtempfindlich. Auf all das könnte man gut verzichten, doch nach einer leichten Trance lockt den Trinker tiefer Schlaf. Und außerdem: Kawa, wie die Flüssigdroge heißt, fördere Verhaltensweisen wie Großzügigkeit und Sensibilität, weshalb viele Kulturen des Südpazifiks Kawa Alkohol vorzögen, schreibt Mike Jay.

Lesenswerter Trip

Mit seiner „Kulturgeschichte der Drogen“ liefert der britische Publizist einen spannenden und lesenswerten Trip durch die Welt der bewusstseinsverändernden Substanzen. Allgemein verständlich und facettenreich führt der Autor den Leser durch die „High Society“, wie er sein Buch ironisierend und verkaufsfördernd genannt hat. Den Stellenwert des Themas macht Jay gleich zu Beginn deutlich: „Keine Gesellschaft kommt ohne Drogen aus“, stellt er lakonisch fest. Die Palette der von ihm dargestellten Stoffe umfasst nicht nur legale Suchtmittel wie Kaffee, Alkohol und Nikotin und bekannte Rauschgifte wie Kokain, Heroin und Ecstasy - Jay widmet sich auch Drogen wie dem eingangs erwähnten Kawa oder Khat, Blätter des gleichnamigen Strauchs, die unter anderem im Jemen gekaut werden.

Dass die Geschichte der Drogen oft in eine Leidensgeschichte ihrer Konsumenten mündet, bleibt nicht unerwähnt, steht in diesem Werk aber nicht im Fokus. Stattdessen befasst sich Jay im abschließenden Kapitel dem Drogenhandel, darunter den Opiumkriegen. Dass es ausgerechnet die Prohibition war, die der organisierten Kriminalität in den USA einen Schub verlieh, und nach deren Aufhebung der Feind Alkohol durch die Bedrohung „Marijuana“ abgelöst wurde, gehört zu den nicht wenigen Phänomen der historischen Entwicklung im Umgang mit Drogen. Die Geschichte der Rauschmittel wimmelt nur so von Widersprüchen. Was als legale Droge gesellschaftlich anerkannt ist, bringt im Übermaß konsumiert oft die größten Verheerungen mit sich, wie das Beispiel Alkohol zeigt. Weder Winzer noch Brauer wollen ihre Getränke denn auch als Droge verstanden wissen, doch was noch in früheren Jahrhunderten legal und freikäuflich zu erwerben war, zählt heute zu den am meisten geächteten Suchtstoffen.

Mike Jay liefert das gesamte Spektrum der Substanzen, doch nicht nur die Texte machen sein Buch zu einer absolut empfehlenswerten Lektüre - auch die reichhaltigen Illustrationen lohnen mehr als nur einen Blick in die „High Society“.

Mike Jay, High Society - Eine Kulturgeschichte der Drogen,
Primus-Verlag 2011, 192 Seiten mit 150 meist farbigen
Abbildungen, 29,90 Euro