LUC SPADA

Ich wollte eigentlich nichts in Bezug zum Anschlag in Berlin schreiben, aber es geht nicht. Letzten Freitag wurde ein MENSCH in Mailand erschossen, der von der Polizei gesucht wurde, weil er anderen MENSCHEN schweren Schaden zugefügt hat, in einer Stadt, die dafür bekannt ist, dass alle dorthin wollen, weil alle friedlich koexistieren.

Getan hat der Täter das, im Namen von Irgendwas, um seine Schandtaten zu rechtfertigen, zu glorifizieren. Es ist mir ziemlich egal, wie sich jemand dafür rechtfertigt, an was er glaubt oder nicht glaubt, für richtig findet oder für falsch. Dass es passiert, fast täglich, irgendwo auf dieser Welt, zeigt nichts anderes als dass wir allesamt als Gesellschaft versagt haben. Ich lebe nicht in einer Gemeinschaft, die das Leben für jeden gleich gerecht, schön und erträglich macht. Das soll natürlich in keinster Weise das Handeln des Täters rechtfertigen.

Paris. Nice. München. Utøya. Brüssel. Berlin. Wenn ein sehr junger - oder nicht so junger - Mensch zu einer solchen Tat fähig ist, ja, es sogar als seine Pflicht sieht, andere Menschen zu töten, dann läuft einiges schief.

Was geht da im Kopf vor? Und warum? Wie kann ich helfen, dass sich solche Taten nicht mehr wiederholen? Warum kann ich nicht helfen? Was kann ich tun? Ohnmacht. Abstumpfen. Einfach akzeptieren, dass auch ich ein narzisstischer Drecksack bin, der nur so lange „Heal the world“ singt, wie auch der Kühlschrank schön gefüllt ist?

Es ist beschämend, dass es nicht möglich ist, mit mehr Verstand, ohne Hass, auf solche grausamen Taten zu reagieren. Ich habe auch keine Lösung, noch nicht, aber hey, neues Sicherheitskonzept, Polizisten tragen ab sofort Maschinengewehre. Ich könnte mich nicht sicherer fühlen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, singen „Die Ärzte“, das hat man uns in der Schule erklärt, und dass sie nicht gut ist, diese Gewalt.

Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Patensohn B. zum Weihnachtsmarkt, er wird in zwei Monaten drei Jahre alt. Ich hatte keine Angst, aber ich sah diese Betonblöcke, und versuchte ständig, ungefragt, ihm die Frage zu beantworten, zu erklären, „kopfintern“, warum da Betonblöcke am Eingang des Weihnachtsmarktes aufgebaut sind.

Wie kann man das erklären? Dass wir in einer Zeit leben, wo jederzeit ein Terrorist oder Amokläufer mit einem gestohlenen Lastwagen in die Menge reingedonnert kommen kann, um Menschen mit in den Tod zu reißen?

Und da wir es nicht schaffen zu verhindern, dass gewisse Lebensumstände Menschen dazu bringen, obwohl wir doch ALLE Menschen sind, Schreckliches zu tun, bauen wir Betonblöcke. Oder Mauern. Oder schicken sie ins Gefängnis. Oder lassen sie auf einem Stuhl braten. Oder waterboarden in Kuba. Das Problem wird gefoltert, kurzzeitig vernichtet, verdrängt, aber NICHT gelöst.

Notfalls schicken wir ganz einfach irgendwo Kampfflugzeuge hin, wo diese Chefs von diesem „bösen Onkel mit Lastwagen“ wohnen, schmeißen paar Bomben drauf, ooops, ja, verdammt, der Kindergarten, aber ja, der Kampf gegen Terror ist wichtig, da passiert sowas schon mal.

Ja, sowas kann schon mal passieren. Und es passiert auch.

Happy new year.