LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Minister Meisch: Dreijähriges Praktikum für angehende Lehrer keine Schikane sondern Mehrwert

Noch bevor die Details bekannt waren, schlug den Verantwortlichen aus dem Unterrichtsministerium ein starker Gegenwind entgegen. Der Grund: Die angekündigte Einführung eines „Stage“ von drei Jahren für künftige Grundschullehrer. Da mit der Reform im öffentlichen Dienst aber auf alle Staatsbediensteten ein dreijähriges Praktikum zukommt, konnte die Lehrerschaft kaum eine Ausnahme für ihren Berufsstand erwarten. Die Einzelheiten gab Bildungsminister Claude Meisch nun gestern preis. Auch auf die angehenden Sekundarschullehrer kommen Änderungen zu: Ihre Stagezeit wird von zwei auf drei Jahre erhöht. Wichtiger als die Diskussion über die Länge des Praktikums sind indes die Inhalte und insbesondere der Sinn, der dahinter steckt. Es gehe jedenfalls nicht darum, den Lehreranwärtern Steine in den Weg zu legen, wie gleich mehrfach betont wurde. Die Änderungen werden ab der „Rentrée“ 2016 gelten.

Neues Ausbildungsinstitut in Walferdingen

„Der Lehrer hat oft einen größeren Einfluss auf den Bildungserfolg der Schüler als große strukturelle Reformen“, bemerkte Meisch eingangs. Deshalb gelte es, sie zu stärken, damit sie ihrer Aufgabe gerecht werden könnten. Besonders der Berufseinstieg sei eine sehr wichtige und noch dazu äußerst sensible Etappe. „Es geht uns darum, die Lehrer dafür zu wappnen, dass sie sich den täglichen Herausforderungen im Klassensaal stellen können“, präzisierte der Minister. Wichtige Aufgaben wird das zu diesem Zweck geschaffene „Institut de formation de l’Education nationale“ (IFEN) übernehmen. Derweil die Grundausbildung in den Händen der Uni Luxemburg sowie ausländischen Universitäten bleibt, konzentriert sich das IFEN auf den begleitenden Berufseinstieg sowie die spätere Weiterbildung der Grundschul- sowie der Sekundarschullehrer und darüber hinaus des sozioedukativen Personals. Die theoretische Ausbildung findet in dem neuen Institut, das wahrscheinlich auf dem Campus Walferdingen sein Zuhause finden wird, statt. Zwölf zusätzliche Posten müssen geschaffen werden, immerhin werden sich die Mitarbeiter pro Jahr um bis zu 500 „Stagiaires“ sowie rund 10.000 Lehrer kümmern. Letztere müssen wie bisher pro Jahr acht Stunden Weiterbildung absolvieren.

Praxisbezogene Stagezeit

Beim Praktikum im „Fondamental“ wird besonders auf die praktische Ausbildung gesetzt. Minister Meisch redete diesbezüglich von einem „Stage à la carte“, demnach mit individueller Ausrichtung. „Ab dem ersten Tag wird der Lehrer mit der ganzen Komplexität seines Berufs konfrontiert. Während des Praktikums soll er in dieser Aufgabe unterstützt und nicht damit allein gelassen werden“, fügte Marc Bodson, Dozent an der Uni Luxemburg, hinzu. Insgesamt sind in den ersten beiden Jahren 108 theoretische Ausbildungsstunden mit den Schwerpunkten Schulgesetzgebung, Pädagogik und Didaktik zu leisten. Die angehenden Lehrer werden in dieser Zeit während zwei Wochenstunden freigestellt, im dritten Jahr während einer Wochenstunde. Insgesamt sind sie somit während 500 Wochenstunden freigestellt, um den ganzen Aufgaben nachkommen zu können.

Zusätzliche Bewertungsmomente

Da besonders am Anfang eine intensive Begleitung von Wichtigkeit sei, werde den Berufseinsteigern eine erfahrene Person („conseiller pédagogique“) als Mentor zur Seite gestellt. Im zweiten Jahr muss eine 15- bis 25-seitige Abhandlung („Mémoire“) verfasst werden, in der es um praxisorientierte Fragen geht. Im dritten Jahr steht ein „Bilan de fin de stage“ an. In der Grundschule kommen zusätzliche Bewertungsmomente hinzu. „Zumindest theoretisch besteht das Risiko, dass Tests nicht bestanden werden und der Kandidat vom Stage ausgeschlossen wird“, gab Meisch zu bedenken. Jede nicht bestandene Prüfung könne jedoch im gleichen Jahr wiederholt werden. Kommt es zu einem weiteren Misserfolg, heißt es, von vorne beginnen. „Bewertungen während der Stagezeit sind auch deshalb wichtig, damit die angehenden Lehrer sehen, wo sie in ihrer Berufsentwicklung stehen“, bemerkte Meisch.

In den ersten beiden Praktikumsjahren beziehen die künftigen Lehrer übrigens 80 Prozent des Anfangsgehalts, im letzten Jahr 90 Prozent. Ab der „Rentrée“ 2016 wird bekanntlich der „Examen-Concours“ in einen simplen „Concours“ umgewandelt, bei dem es um die Platzierung geht, man aber nicht mehr durchfallen kann. Gibt es hundert offene Stellen, werden diese von den hundert Bestplatzierten besetzt.

Uniwissen in Schulwissen umwandeln

Das Praktikum im Sekundarschulunterricht hat noch eine etwas andere Dimension. „Nach der Studienzeit an der Universität müssen die künftigen Lehrer noch viel lernen, insbesondere ihr Uniwissen in Schulwissen umzuwandeln. Wir begrüßen die Tatsache, dass das Tutorat jetzt über fünf Semester geht. Es muss daneben auch in dieser Zeit Momente geben, in denen bewertet wird, statt wie bislang nur in einem Abschlussexamen“, sagte Jos Salentiny, Direktor des Athenäum. Insgesamt müssen die Sekundarschullehrer 260 Stunden Theorie belegen, also deutlich mehr als die Grundschullehrer, da sie während ihres Studiums keine spezifische pädagogisch-didaktische Ausbildung erhalten haben.