LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Interesse an luxemburgischen Autoren groß, aber Vermittlung noch nicht ausreichend

In den 60er und 70er Jahren musste ein luxemburgischer Autor im Ausland veröffentlichen, um als einer zu gelten, der es geschafft hat. Heute tickt die Literaturszene anders. Trotzdem ist der Stand der Autoren aus dem Großherzogtum nicht golden, bilanziert Claude D. Conter, Direktor des „Centre national de littérature“ (CNL).

Warum gehen luxemburgische Autoren ins Ausland?

Claude D. Conter In den 60er und 70er Jahren war es meistens so, dass ein Autor, der im Ausland veröffentlicht wurde, als arrivierter Autor galt, als einer, der es geschafft hatte. Zu diesem Zweck gingen einige Autoren ins Ausland, um einen direkten Kontakt zur Verlagsszene zu haben und sich stärker in den Literaturbetrieb im Ausland zu integrieren. Dieser Gedanke ist in den Köpfen der Autoren lange verankert geblieben. Aber heute haben sich die Kommunikationsmittel verändert, man muss nicht mehr in einem anderen Land leben, um dort zur Kenntnis genommen zu werden. Man findet auf anderen Wegen Kontakt zu ausländischen Verlagen oder Literaturfestivals, überdies sind die Biographien auch internationaler geworden.

Leidet die heimische Literaturszene darunter, wenn viele luxemburgische Autoren im Ausland leben?

Conter Da leidet niemand darunter. Es gibt heute keine Notwendigkeit mehr, im Ausland zu leben, nur um den Kontakt zu den Literaturbetrieben aufrecht zu halten.

Viele Autoren wollen und brauchen nicht im Ausland zu leben. Um internationale Aufmerksamkeit zu haben, sind Autorenresidenzen und die Beteiligung an internationalen Literaturfestivals viel wichtiger; dort lernen Autoren Agenten und Verleger kennen. Auch das Publizieren in ausländischen Zeitschriften ist für die Partizipation in der ausländischen Literaturszene wichtiger, als der Ort, an dem man lebt. Denn das Schriftstellerdasein bedeutet ein Nomadendasein, auch wenn man in Luxemburg wohnt.

Wie groß ist das Bewusstsein für luxemburgische Literatur und ihre Autoren im Ausland?

Conter Insofern luxemburgische Autoren zu Buchmessen und Literaturfestivals eingeladen werden, werden sie wahrgenommen. Fragt man allerdings im Ausland nach Luxemburg, so wird die Literatur nicht zu den ersten fünf Stichwörtern gehören, die einem einfallen. Die Situation ist demnach nicht golden, im Grunde weit davon entfernt, auch wenn zunehmend mehr Autoren im Ausland auftreten. Es fehlt momentan eine Institution, die sich systematisch um die Literaturvermittlung kümmert. Wichtig scheint mir eine stete Anwesenheit durch Lektüren im Ausland, da leisten die Botschaften in Frankreich und Deutschland Großartiges, weil sie es schaffen, luxemburgische Autoren an prominenten Orten lesen zu lassen. Man hofft, luxemburgische Literatur so bekannter zu machen. Andererseits, wie viele zeitgenössische spanische oder niederländische Autoren können die meisten nennen? Wenige, und doch sind es literarische Schwerpunktländer.

Wie können luxemburgische Autoren im Ausland bekannter gemacht werden?

Conter Seit zwei Jahren gibt es innerhalb der Literaturszene eine andauernde Diskussion über die Literaturvermittlung ins Ausland. Das gehört auch zu den Aufgaben des Literaturarchivs, das gemeinsam mit den Botschaften versucht, luxemburgische Autoren ins Ausland zu vermitteln. Doch die ersten Literaturvermittler sind die Schriftsteller selbst; manche Autoren können und wollen das auch, sonst sollten es die Verleger sein. Literaturvermittlung betreiben aber auch Institutionen wie Theater, wenn sie Stücke zu Theaterfestspielen wie nach Avignon oder Recklinghausen bringen. Fakt ist, dass es in Luxemburg keine Literaturagenten wie in Deutschland gibt, und nur wenige Autoren haben Agenten im Ausland, es gibt auch keine vergleichbare Organisation wie etwa die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Eine solche schiene mir für Luxemburg zwingend notwendig und auch umsetzbar. Zurzeit kann der Focuna, der „Fonds culturel national“, Reisekosten zu Literaturfestivals und andere Subventionen übernehmen, das Kulturministerium hilft Verlagen bei Übersetzungskosten oder bei Reisekosten zu Buchmessen. Diese Möglichkeiten reichen nicht aus, zumindest nicht für eine proaktive Vermittlung. Daher wünsche ich mir eine Stiftung wie in der Schweiz, die die Anstrengungen zentralisieren sowie stärker und gezielter agieren könnte. So könnte der Focuna zu einer Institution der systematischen Kulturvermittlung ins Ausland ausgebaut werden

Warum gibt es auf Buchmessen im Ausland keinen gemeinsamen Stand mehr?

Conter Die Strategien des Verbandes der Buchverleger und des Kulturministeriums passten in der Vergangenheit nicht mehr zusammen. Ich halte die Anwesenheit bei internationalen Buchmessen für Verleger und Autoren für sehr wichtig, aber nur unter der Voraussetzung, dass es von allen Seiten nicht nur den Willen zu einer Teilnahme, sondern auch zu einem gemeinsamen Projekt gibt.

Was könnte ein solches Projekt sein?

Conter Luxemburg könnte, wie bereits vor Jahren in Karlsruhe Gastland sein, sei es etwa in Leipzig oder, mit anderen kleinen Staaten Europas, in Frankfurt.

Was tut Luxemburg noch, um Autoren im Ausland bekannter zu machen?

Conter Für die Vermittlung ist auch das Autorenlexikon sehr wichtig. Es wird oft genutzt, seitdem es seit 2011 online ist. Dadurch ist die Vermittlung viel leichter geworden, denn es liefert schnell wichtige Informationen über Autor und Werk. Manche Organisatoren aus dem Ausland kontaktieren uns über diese Plattform. Wir stellen fest, dass das Interesse an luxemburgischen Autoren groß ist, aber wir haben noch nicht ausreichend Instrumente entwickelt, um sie gezielt zu vermitteln. Dafür scheint mir, wie gesagt, eine Struktur sinnvoll. Dies würde auch ermöglichen, alle existierenden Finanzierungsmöglichkeiten in einer Institution zu bündeln.

Welche Rolle spielen Übersetzungen?

Conter Es ist ein Teufelskreis. Weil Luxemburg mit anderen Dingen als mit Kultur und Literatur assoziiert wird, ist die luxemburgische Literatur weniger bekannt, was wiederum daran liegt, das sie nicht ausreichend übersetzt ist, weshalb sie weniger bekannt ist. An den Autoren liegt es nicht, denn sie schreiben wunderbare Texte.

Wann wird übersetzt?

Conter Wenn ein ausländischer Verlag Interesse hat, dann schlägt er einen Übersetzer vor. Das Projekt wird dann beim Kulturministerium eingereicht, dort entscheidet eine Kommission aus Experten, ob das Projekt überzeugend ist. Im besten Fall können dann bis zu 100 Prozent der Übersetzungskosten übernommen werden. Eine Initiative, luxemburgische Literatur ins Englische zu übersetzen, wie wir sie derzeit prüfen, scheint mir sinnvoll, denn Englisch ist auch im internationalen Literaturbetrieb sehr viel wichtiger geworden.