LUXEMBURG/TRIER
SIMONE MOLITOR/BIRGIT REICHERT (DPA)

Laut Experten hat „Hirndoping“ ein besorgniserregendes Ausmaß angenommen – trotzdem bleibt es ein Tabuthema

Schüler machen es, Studenten und Arbeitnehmer auch. Sie nehmen Mittel ein, um mehr Leistung zu bringen. Darüber geredet wird aber kaum, wie jüngst der deutsche Mediziner und Soziologe Andreas G. Franke feststellen musste, als er deutschlandweit zum Thema „Hirndoping“ forschte. Und auch in Luxemburg wird die Einnahme von leistungssteigernden Medikamenten kaum thematisiert.

Während der Prüfungs- und Examenszeit stehen Schüler und Studenten extrem unter Strom. „In solch stressigen Zeiten kommt es vor, dass sie verstärkt zu leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin greifen“, weiß Franke. Verschreibungspflichtige und illegale Mittel würden gezielt bei der Prüfungsvorbereitung zum „Hirndoping“ genutzt. Eindeutige Zahlen darüber, wie viele Schüler und Studenten ihre Leistungen per Pille steigerten, gebe es nicht. „Es ist ein Tabuthema“, sagt der Professor an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. In Luxemburg sucht man ebenfalls vergeblich nach Statistiken. „Daten zur Thematik ,Hirndoping‘ aus Luxemburg sind uns nicht bekannt“, erklärt uns auf Nachfrage hin Roland Carius, Direktor des „Centre de Prévention des Toxicomanies“ (CePT). „Im benachbarten Ausland gibt es allerdings einige Studien dazu, die auf eine nicht geringe Verbreitung hinweisen und auch bedingt Rückschlüsse auf die Situation in Luxemburg zulassen“, fügt er hinzu.

Studenten, Chirurgen und Manager

Franke forscht derweil in Deutschland schon seit vielen Jahren an dem Thema und hat vor kurzem das Buch „Hirndoping & Co. - Die

optimierte Gesellschaft“ (Springer) herausgebracht. In seinen Studien, die er bei Studenten, Chirurgen und Managern gemacht hat, zeigte sich: Rund 20 Prozent aus jeder Zielgruppe gaben an, schon mindestens einmal ein illegales oder verschreibungspflichtiges Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben. In Befragungen seien mehrere Tausend Schüler und Studierende, aber auch Arbeitnehmer deutschlandweit eingebunden gewesen, sagt er. Auch Bildungseinrichtungen in Rheinland-Pfalz waren darunter, zum Beispiel in Trier, Kaiserslautern und Speyer.

Der amphetaminartige Wirkstoff Methylphenidat, der in Ritalin enthalten ist, wird in der Regel für Patienten mit dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) verschrieben. Wer sich das Arzneimittel anderweitig besorgt, schluckt es illegal. Es sei jedoch nicht schwer, sich das Medikament zu besorgen, hat der deutsche Forscher bei seinen Recherchen herausgefunden: über Bekannte, die das Medikament verschrieben bekämen, oder über das Internet. Viele würden überdies zu Koffeintabletten oder vor allem Energydrinks greifen. Und auch am Arbeitsplatz würden schon Zehntausende Rheinland-Pfälzer wegen Stress und Leistungsdruck regelmäßig zu Dopingmitteln greifen und somit „Hirndoping“ betreiben. Verbreitet seien Betablocker, Antidepressiva, Wachmacher und ADHS-Pillen - für mehr Leistung oder für eine bessere Stimmung.

Ritalin ist kein Thema

„Da das CePT als Präventionszentrum keine klassische Einzelfallberatung mit Betroffenen macht, sondern vielmehr am Thema Suchtprävention insbesondere mit Fortbildungen und Projekten arbeitet, wird das Thema ,Hirndoping‘ bei Substanz-Informationen eher ,gestreift‘, wenn es um mögliche Wirkungen geht“, gibt uns der Direktor zu verstehen. Auch bei der Suchtberatung „Die Tür“ in Trier ist Ritalin kein Thema. „Es läuft nicht unter der Schublade Sucht“, sagt der Leiter, Andreas Stamm. Ein größeres Problem sei der Konsum von Amphetaminen wie Pep oder Speed. Die würden von Konsumenten vor der Arbeit zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit genommen - und machten „sehr abhängig“. Ein häufiges Muster bei Abhängigen sei zudem, dass sie abends etwas bräuchten, um „runterzukommen“ - zum Beispiel Cannabis. „Also morgens einen Upper und abends einen Downer.“

Dass die gesellschaftlichen Anforderungen in den vergangenen Jahrzehnten sowohl in der Berufswelt als auch im Privatleben einen ständig steigenden Leistungsdruck mit sich bringen würden, zeige auch die Praxiserfahrung im CePT. „Dieser Druck schlägt sich natürlich auch im Umgang mit verschiedenen Substanzen nieder - die Konsum-Palette reicht von Kaffee und Energydrinks über Medikamente bis hin zu illegalen Substanzen“, bestätigt Roland Carius. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der immer mehr Leistung gefordert wird und man immer besser werden muss“, weiß auch Franke. Irgendwann komme ein Punkt, an dem es nicht mehr besser gehe. „Diese Grenze kann ich nur überschreiten, wenn ich etwas einwerfe“, würden dann nicht wenige denken. Hinzu komme, dass man heute auch neben der Arbeit was „leisten“ wolle: in der Familie, bei Freunden, ja sogar im Urlaub, denn natürlich muss man sich ständig auf den Social-Media-Kanälen mitteilen. Der Druck wächst auf allen Ebenen.

Erhebliche Nebenwirkungen

Wer „Hirndoping“ macht, riskiert derweil erhebliche Nebenwirkungen. Missbräuchlich eingesetzte Medikamente können zu Persönlichkeitsveränderungen, Abhängigkeiten oder auch zum Verlust der Leistungsfähigkeit führen. Es sei insgesamt ein Trend mit „besorgniserregenden Ausmaßen“, meint Franke. Im CePT wird der Fokus, wie erwähnt, auf Prävention gerichtet. „Deshalb sind für uns insbesondere Konsum- und Verhaltensmotive relevant. Sie bieten Ansatzpunkte für eine wirkungsvolle und ganzheitliche Prävention, die am Menschen orientiert ist. Wenn Stressbewältigung und Konzentrationsförderung wesentliche Konsummotive darstellen, muss hier angesetzt werden“, verdeutlicht Carius.

Tipps

Alternativen zum „Hirndoping“

Wenn große Examen bevorstehen, soll man sich „schlicht in Ruhe und mit Abstand“ darauf vorbereiten, rät der Mediziner und Soziologe Andreas G. Franke. Das bedeute auch: Tür zu und Handy aus. Zur Entspannung seien autogenes Training und Yoga gut. Und Pausen, die Pausen sind. Ohne Besprechungen und ohne Joggen. Auch das CePT  rät zu einer Fokussierung auf Alternativen. „Zum Beispiel um dem Alltagsstress zu entrinnen, um stressreduzierende Verhaltensweisen zu entwickeln und in Alltagssituationen umzusetzen. Was effektiv ist und in der Praxis auch funktioniert, muss jede(r) selbst rausfinden und regelrecht üben“, erklärt CePT-Direktor Roland Carius. „Das können Pausen sein oder Begrenzungen des Arbeitsvolumens. Entspannungstechniken wie Yoga können hier sehr hilfreich sein. Um seelisch ,aufzutanken‘, können auch Musik und Bewegung gute Ressourcen darstellen“, listet er auf.
Das CePT habe überdies in den vergangenen Jahren mit wildnispädagogischen Fortbildungsansätzen im Bereich der Suchtprävention gute Erfahrungen gemacht: „In der Natur zur Ruhe kommen (in einem quasi medienfreien Raum), zu sich selbst finden, seine Bedürfnisse reflektieren, haben sich in suchtpräventivem Kontext bewährt und können auch in diesem thematischen Kontext als sehr erfolgreiche Strategien bezeichnet werden“.